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Abschied von der Fisch-Speisekarte

Erschienen am 22.12.2007 in "Neues Deutschland"

Abschied von der Fisch-Speisekarte

Greenpeace: Wenn Weltmeere weiter so leergefischt werden, gibt es bald nur noch Quallen

Von Michael Sommer

Deutsche Supermärkte reagieren auf die Überfischung der Meere und gehen erste Schritte zu nachhaltigem Einkauf und transparentem Angebot. Das belegt eine kürzlich in Hamburg veröffentlichte Greenpeace-Studie.

»Fisch-Fiete«, schauspielernder Verkäufer vom Hamburger Fischmarkt, zeichnete ein drastisches Bild von der Lage in den Weltmeeren: »Früher sprangen mir die Fische von selbst ins Boot, heute fragen sie, ob ich mal eine Kontaktanzeige aufgeben könnte – so leer ist das da unten!« Tatsächlich prognostizieren Wissenschaftler laut Greenpeace-Studie den totalen Zusammenbruch der kommerziellen Fischerei im Jahr 2048, sollten die derzeitigen Fangmethoden beibehalten werden.

Supermärkte auf dem Prüfstand

Das heißt, wenn weiterhin mit bis zu 200 Meter langen Schleppnetzen der Meeresgrund regelrecht umgepflügt und dabei etliche unbeabsichtigt gefangene Tiere – im Fachjargon »Beifang« genannt – getötet werden. Oder wenn die illegale Fischerei weiter die offiziellen Fangquoten unterläuft und so ohnehin schon bedrohte Fischarten rigoros dezimiert. »Meere, die nur noch von Quallen bevölkert sind« – ein Horrorszenario für Greenpeace-Biologin Iris Menn.
Um diese Katastrophe abzuwenden, fordert die Umweltschutzorganisation nachhaltiges Fischereimanagement und die Einrichtung großflächiger Meeresschutzgebiete. Das ließe sich jedoch nur durch ein Zusammenwirken aller Nutzergruppen realisieren, erklärte Menn am Mittwoch in Hamburg. Als wichtigsten Schnittpunkt von Produzenten und Konsumenten nannte die Biologin den Lebensmittel-Einzelhandel. Transparente und nachhaltige Einkaufspolitik für Fisch und andere Meeresfrüchte sei einer der zentralen Hebel, um zu einem schonenderen Umgang mit den Meeren zu gelangen.
Daher hat Greenpeace die Einkaufspolitik von elf Supermärkten und Discountern auf den Prüfstand gestellt. Ergebnis: Die meisten der untersuchten Anbieter wollen ihr Angebot verändern. Spitzenreiter im Ergebnis sind Norma und Kaufland, gefolgt von Metro, Rewe und Lidl. Im Mittelfeld landeten Edeka, Netto und Tengelmann, Schlusslicht ist die Unternehmensgruppe Bünting (Combi, Markant, Famila), die auf die Fragen der Umweltschützer gar nicht reagierte.
Bewertet wurden »Kennzeichnung der Produkte«, »Prinzipien nachhaltiger Einkaufspolitik« oder »praktische Umsetzung«. »Die schlechte Nachricht ist, dass wir in den Regalen der Supermärkte immer noch Kabeljau, Scholle und Rotbarsch gefunden haben«, erklärt Menn. Diese Arten gehörten nicht auf den Tisch, da ihre Bestände bedroht seien. Die Regenbogenkrieger fordern daher die Lebenshändler auf, ihr Angebot entschiedener umzustellen.

Pessimismus wegen neuer EU-Fangquoten

Fast zeitgleich zur Präsentation der Greenpeace-Untersuchung einigten sich die EU-Staaten auf Fischfangquoten für 2008. Danach werden die erlaubten Fangmengen von Kabeljau und Makrelen erhöht, reduziert dagegen die Quoten für die Heringsfischerei. Iris Menn, die sich über die Einkaufspolitik der Supermärkte vorsichtig zuversichtlich geäußert hatte, zeigte sich über dieses Ergebnis weit weniger erfreut: »Leider wurde den wissenschaftlichen Empfehlungen für niedrigere Fangquoten nicht gefolgt.« Bei den Verhandlungen dominierten weiter wirtschaftliche Interessen, bedauerte sie.