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Realistische Unmöglichkeit - Agrarethik soll die globale Landwirtschaft umweltschonender und sozialer gestalten

Erschienen in den "Kieler Nachrichten" am 13.10.2008

Realistische Unmöglichkeit

Agrarethik soll die globale Landwirtschaft umweltschonender und sozialer gestalten

Von Susann Witt-Stahl

Ökologen und Agrarexperten warnen vor dem Anwachsen des Welthungerproblems durch die Steigerung der Biosprit-Produktion. Sie fordern mehr Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft. Agrarethiker wollen die Lebensmittelbranche durch die Zertifizierung von Produkten zum Umdenken bewegen.

Der rasant steigende Bedarf von regenerierbaren Rohstoffen für die Produktion von Agrarsprit zieht nicht nur ökologische Katastrophen wie das Verschwinden der letzten Regenwälder in den Entwicklungs- und Schwellenländern nach sich. Er stellt auch eine wachsende Herausforderung für die globale Landwirtschaft dar, die zusehends unter Druck gerät, mehr für die Tanks der Reichen zu produzieren als für die Teller der Armen.

„Die Weltbevölkerung steigt jährlich um 80 Millionen Menschen. Agrarüberschüsse gehören längst der Vergangenheit an“, sagte Andreas Kröger, Präsident der Landwirtschaftskammer Hamburg am Freitag auf einer Tagung, zu der die Heinrich-Böll-Landesstiftung, die Umwelt- und Verbraucherberatung Altona und der Zukunftsrat Hamburg eingeladen hatten. Für die Produktion von einem Kilo Rindfleisch werden rund zehn Kilo Weizen verbraucht. „Die weltweit zunehmende Nachfrage nach Fleisch erschwert die Ernährungslage“, so Kröger. „2006 wurden allein in Deutschland 50 Millionen Schweine geschlachtet“, ergänzte Jürgen Maier vom Forum Umwelt und Entwicklung in Bonn. „Damit wurde eine neue Rekordmarke gesetzt.“

Den Anbau von Pflanzen für die Herstellung von Agrosprit einzustellen, sei jedoch keine Lösung, waren sich die Experten einig, die unter dem Titel „Ethik in der Landwirtschaft – Tank oder Teller“ tagten: „Die Energiegewinnung aus Biomasse hat innerhalb von fünf Jahren acht große Erdölfelder ersetzt“, gab Andreas Kröger zu bedenken.

Damit Nahrungsmittel- und Agro-Energieproduktion nicht in schädlicher Konkurrenz zu Lasten von Mensch und Natur verharren, sei eine biologische und soziale Agrarwende nötig: „Beide Zweige müssen mit dem Prinzip der Nachhaltigkeit arbeiten“, forderte Bianca Borowski vom Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft. „Dazu gehört beispielsweise Mischfruchtanbau statt Monokultur.“ Die Umweltwissenschaftlerin verwies auf die beachtlichen Ertragssteigerungen, die in den Entwicklungsländern bereits mit ökologischem Landbau erzielt werden konnten.

Klaus Schenk von der Initiative Rettet den Regenwald erinnerte daran, dass die Realität weit von einer Agrarwende entfernt ist. Vor allem die boomende Biotreibstoff-Produktion nehme in ihrem hemmungslosen Streben nach Profitmaximierung keine Rücksicht auf Verluste: „Es wird gezielt Gewalt gegen Kleinbauern und Indigene eingesetzt, um sich die benötigten Agrarflächen anzueignen“, berichtete der Diplom-Holzwirt. „Die Menschen, die auf den Plantagen arbeiten, sind moderne Sklaven, denn die meisten werden von den Großgrundbesitzern gegen ihren Willen festgehalten.“

Wie lässt sich die Landwirtschaft dazu bewegen, die Produktion sozial gerechter und umweltschonender zu gestalten? „Nationale Gesetze und Verordnungen gibt es in rauen Mengen, aber sie haben keine globale Macht“, erklärt Uwe Meier vom Julius-Kühn-Institut in Braunschweig, einer Forschungseinrichtung für Kulturpflanzen. „Wir brauchen ein Umweltmanagementsystem für Nachhaltigkeit, das weltweit funktioniert.“

Meier ist Agrarethiker. Seine Aufgabe besteht darin, unternehmerisches Handeln in der Landwirtschaft nach dem moralischen Prinzip der Verantwortung zu gestalten. Daher macht Meier sich für die Verbreitung des Zertifizierungssystems stark. Unter dem Motto ‚freiwillige Selbstkontrolle statt Sanktionen’ setzen sich Unternehmen ökologische und soziale Standards in Bereichen wie Gesundheitsschutz für Arbeitnehmer oder Bodenpflege der Agrarflächen. Im Gegenzug erhalten sie von NGOs wie FairTrade oder FlorVerde ein Zertifizierungslabel, das helfen soll, ihr Image zu verbessern. Ein Beispiel ist das Unternehmen Chiquita, für das Meier das Rainforest Alliance-Label mitausgearbeitet hat. Das Zertifizierungssystem ist allerdings nicht unumstritten: Gewerkschaften und Umweltschützer kritisieren, dass die Konzerne es lediglich zum „Greenwashing“ benutzen – der Vertuschung anderer unverantwortlicher Handlungsweisen, wie Hungerlöhnen für ihre Arbeiter. Grüner Kapitalismus – dennoch ein Zukunftsmodell? „Wir haben mit dem Unmöglichen begonnen“, sagt Meier. „Wir sind realistisch.“