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Tiefkühlen bei Sturmtief

Erschienen in "Neues Deutschland" am 22.12.2009

Tiefkühlen bei Sturmtief

Die erneuerbaren Energien sind vielerorts auf der Überholspur

Von Folke Havekost

Trotz des klimapolitischen Desasters beim Gipfel in Kopenhagen: Der Marktanteil erneuerbarer Energien, derzeit bei etwa 15 Prozent, wird weiter steigen. Bis 2020, so rechnet der Bundesverband Erneuerbare Energien vor, könnten Sonne, Wind, Wasser und Biogas nahezu die Hälfte beisteuern. Der Ausbau bringt technische Herausforderungen mit sich.

In Cuxhaven herrscht in Sachen Klimaschutz Aufbruchstimmung. In diesen Tagen wird die erste Offshore-Windkraftanlage nordwestlich der Nordseestadt installiert. Die erste von geplanten 80, die von der Europäischen Union mit 58,5 Millionen Euro gefördert und den ersten kommerziell betriebenen deutschen Windpark auf Hoher See bilden werden. Bis 2020 könnte es schon 5000 solcher Anlagen in der Nordsee geben. Windenergie besitzt in allen Planspielen den größten Anteil unter den erneuerbaren Energieformen.

In den beiden vergangenen Jahren seien hier 600 Arbeitsplätze entstanden, erzählt Hans- Joachim Stietzel von der Cuxhavener Agentur für Wirtschaftsförderung. Bis 2013 sollen 900 weitere dazu kommen. Gut für eine strukturschwache Region, die bislang von Fischfang und Tourismus lebt. »Wir haben die Hoffnung, dass Offshore auch eine touristische Attraktion wird«, setzt Stietzel auf Anknüpfungspunkte. Für den Hafenbus, der zur Besichtigung der Anlagen eingerichtet worden ist, gebe es eine große Nachfrage.

Das Problem mit den Stromschwankungen

Mit dem Ausbau der Erneuerbaren steigt auch der Bedarf zum Ausgleich von Schwankungen. Während ein fossil betriebenes Kraftwerk Strom maßgerecht erzeugen kann, herrscht beim Wind manchmal Flaute, und die Sonne scheint nur phasenweise. Kalkulierbar sind die Naturkräfte nur bis zu einem bestimmten Grad.

»Immer öfter wird Strom im Überfluss vorhanden, immer öfter aber auch Mangelware sein«, erläutert Wolfram Krause von der Oldenburger EWE AG. Der fünftgrößte deutsche Energieversorger überlegt daher, Privatkunden künftig gestaffelte Tarife anzubieten. Zum Beispiel einen, bei dem Strom über intelligente Messgeräte im Haushalt günstiger abrufbar ist, wenn Überfluss herrscht.

»Das intelligente Messgerät allein ist noch nicht interessant genug«, meint Michael Beckereit, Geschäftsführer des neu gegründeten städtischen Unternehmens Hamburg Energie: »Wenn ein Sturmtief durch die norddeutsche Tiefebene rauscht, müssen die Tiefkühltruhen im Keller herunterkühlen.«

Um den lastvariablen Stromtarifen zum Durchbruch zu verhelfen, bräuchte es in letzter Konsequenz allerdings Kunden, die beispielsweise ihre Waschmaschinen nach den Preisentwicklungen an der Leipziger Strombörse befüllen. Studien haben ergeben, dass die Bereitschaft dazu erst bei einer Ersparnis von etwa 50 Cent vorhanden ist. Der einzelne Waschgang verursacht jedoch Gesamtkosten von nur 20 Cent. »Für zwei Cent Ersparnis machen die Leute nicht den Hampelmann«, skizziert EWE-Mitarbeiter Krause. »Aber wo sollen wir die 50 Cent hernehmen?«

»Man sollte den Verbrauch nicht als gegeben ansehen«, meint Ulrich Focken, der für einen bewussteren Umgang des Verbrauchers plädiert: »Beim Internet oder Handy bin ich gewohnt, etwas zu warten; nur Strom steht mir immer in jeder Millisekunde zur Verfügung.« Focken ist Atmosphärenphysiker und hat das Windleistungs-Vorhersagesystem Previento entwickelt, das Energieanbietern mit Prognosen versorgt. »Für den Folgetag können wir Wind mittlerweile so vorhersagen, dass Netzbetreiber damit kalkulieren können«, erklärt er. Für Kunden in den USA aktualisieren Focken und seine Mitstreiter von energy & meteo systems die Vorhersagen alle fünf Minuten. »Die Netzbetreiber denken konservativ und müssen es auch, weil es ihr Job ist, dass bei uns nicht das Licht ausgeht«, so der Geschäftsführer. »Veränderungen brauchen entsprechend ihre Zeit.«

Focken setzt auf virtuelle Kraftwerke: Verbünde dezentraler Energieerzeuger, die zentral gesteuert werden, um Angebotsschwankungen auszutarieren. »Wir sind in der Lage, Kühlhäuser über solche virtuellen Kraftwerke von unserem Schreibtisch aus zu steuern«, sagt Focken. Als nächstes sollen Wasserwerke und Gewächshäuser auf diese Weise betrieben werden. Wenn Wind weht, wird der Strom eingespeist. Bei Flaute kommt die Sonnenkraft zum Tragen. Mangelt es an beidem, könnte Biogas einspringen.

Stramm aufgepustete Zipfelmützen

In der Hannoveraner Anlage Biro wird aus Mais Biogas gewonnen. Die Kooperation von fünf Landwirten mit den Stadtwerken versorgt etwa 1400 Haushalte mit Strom und Wärme. »Wenn es hart auf hart kommt, können wir auf 500 Hektar eine ausreichende Maismenge produzieren und trotzdem eine korrekte Fruchtfolge einhalten«, erklärt Betreiber Hermann Haller. Alle 30 Minuten wandern etwa 600 Kilo gehäckselter Pflanzen in den Fermenter, in dem anaerobe Bakterien für den Gärungsprozess sorgen. Während der Mais gärt, wird das Gas unter grünen Deckenfolien gespeichert. »Stramm aufgepustete Zipfelmützen« nennt Haller sie. Das gewonnene Rohgas wird anschließend unter Druck mit einem organischen Lösungsmittel »gewaschen«, um CO2 zu entnehmen und den Methangehalt von 50 auf über 90 Prozent zu steigern. »Damit haben wir einen grundlastfähigen Strom, den wir genau dann produzieren können, wenn wir ihn benötigen«, erläutert Frank Dollmann von den Stadtwerken Hannover.

Neben der zeitgenauen Produktion und Speicherung erneuerbarer Energien geht es auch um die Integration in bestehende oder neue Netze. Das Projekt NorGer will bis 2015 zwei 600 Kilometer lange Hochspannungsseekabel zwischen Norwegen und Deutschland installieren. Die Kapazität von 1400 Megawatt entspräche etwa der des AKW Unterweser, über eine Million Haushalte sollen so mit Strom versorgt werden. Meistens wird er dann wohl aus dem Norden nach Deutschland fließen, da die norwegische Wasserkraft erhebliche Speicherpotenziale beinhaltet und die Preise an der skandinavischen Strombörse um etwa ein Drittel niedriger liegen als hierzulande. »NorGer ist nicht nur Produzent CO2-freier Energie, sondern auch Netzstabilisator und Speichermedium«, wirbt Matthias Hochstätter vom norwegisch-schweizerischen Konsortium für das Projekt. Eine Kabelverbindung zwischen Norwegen und den Niederlanden besteht seit knapp zwei Jahren, Großbritannien plant ähnliche Projekte.

Lithium-Ionen-Batterie für die Solaranlage

Beim Projekt sol-ion der Hamburger voltwerk AG geht es hingegen darum, die tagsüber gewonnene Sonnenenergie im eigenen Haushalt zu speichern. Der Solarstrom wird automatisch ins Netz eingespeist, wenn er gebraucht wird. Ein wichtiger Schritt zur so genannten Netzparität, die bis 2015 erreicht werden soll: Dann würde »selbst gewonnener« Sonnenstrom für den Verbraucher mindestens genauso günstig sein wie der aus der Steckdose.

Speichermedium für die Photovoltaik-Energie könnten Lithium-Ionen-Batterien in der Größe eines mittleren Kühlschranks sein. »In der ganzen Straße fällt der Strom aus, nur bei mir läuft das Fußballspiel ...«, entwirft Manfred Dittmer, der »Head of Innovations« von voltwerk ein Szenario.

»Die Zukunft der Lithium-Batterie hat schon begonnen«, ist Uwe Köhler von Johnson Controls, einem Mischkonzern, der 2002 die Autobatteriesparte von Varta übernommen hat, überzeugt. »Wo früher eine Parkuhr war, wird bald ein Stecker sein.« Köhler redet über Elektromobile, von denen nach optimistischen Prognosen bis 2020 etwa eine Million auf deutschen Straßen fahren soll. »Bisher werden nur Prototypen gebaut, das kann sich aber bald ändern«, sagt Köhler in einer Werkshalle in Hannover. An einer Nickel-Metall-Hydrid-Batterie ist ein Zettel befestigt: »GESPERRT – Projekt on hold.« Es gibt eben noch einige Hürden: Bei der derzeitigen Isolierung von Autos müsste etwa ein Viertel der Energie für die Innenheizung aufgewendet werden, was bislang die Benzinverbrennung übernimmt.

Im Gegensatz zu Öl, Erdgas oder Kohle ist Lithium derzeit noch im Überfluss verfügbar. Die angestrebte Million bei Elektround Hybridfahrzeugen würde nur 0,01 Prozent der weltweiten Ressourcen des Leichtmetalls mit der hohen Energiedichte erfordern. Für die Stromerzeugung wären 500 Windräder ausreichend, rechnet Björn Klusmann vor. »Je höher der Anteil erneuerbarer Energien, desto sauberer ist auch die Elektromobilität«, macht der Geschäftsführer vom Bundesverband Erneuerbarer Energien eine einfache Rechnung auf. Doch auch hier steht vor dem Summenzeichen der Verbraucher. »Autofahren ist emotional viel aufgeladener als Raumbeleuchtung«, weiß Klusmann und fordert konkrete Anreize für die Fahrer von Elektromobilen: eigene Parkzonen in der Stadt, die Nutzung von Busspuren und eine Verbrauchsbesteuerung auf CO2- Basis.