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Wir Integrationsverweigerer

Wir Integrationsverweigerer

Von Rainer Kreuzer

Die taz: 25.09.2010

Die die Republik derzeit erneut umtreibende Integrationsdebatte ist ein Symptom einer Aufspaltung der Gesellschaft. Sie begann Ende der 1960er Jahre. Damals war von Gammlern, Rockern und Hippies die Rede. Wer nach dem Ende der Wirtschaftswunderjahre aus dem hegemonialen Konsens ausscherte, musste mit harten Sanktionen rechnen: Polizeiknüppel, Berufsverbote, Bild-Zeitungs-Hetzkampagnen. Hassprediger, Kopftuchprobleme und Burka waren damals noch kein Thema.

Das Vermummungsverbot richtete sich gegen die "arbeitsscheuen Berufsdemonstranten", gegen "Integrationsverweigerer" in besetzten Häusern. Liberale Politiker suchten den "Dialog mit der Jugend", während die Hardliner mit Hilfe des Terrorparagrafen 129a eine flächendeckende Einschüchterung durchzogen

Früher wie heute geht es um die Ressentiments gegenüber Parallelgesellschaften, die zu leugnen keinen Sinn macht. Da scheren Leute aus, missachten "die guten Sitten und Gebräuche" der Mehrheit, vielleicht strafen sie die "deutsche Leitkultur" sogar mit Hohn und Verachtung.

Diesen kulturellen Minderheiten eine Integrationsverweigerung vorzuwerfen, verkennt allerdings deren innere Struktur. Denn diese Gruppen tun in ihren Milieus nichts anderes, als sich zu integrieren. Wer exklusive Subkulturen errichtet, schließt den Rest der Gesellschaft von der Teilhabe darin aus und bleibt selber in seiner kleinen Welt mit sich identisch. Das ist Integration.

Für die Mehrheitsgesellschaft erscheint dies hingegen als Integrationsverweigerung, denn in der abgeschotteten Parallelwelt darf sie nicht mitspielen, diese entzieht sich damit der genaueren Kontrolle durch die Mehrheit. Das wiederum führt zu Kämpfen um die Gültigkeit gesamtgesellschaftlicher Regeln, und diese werden nicht selten brutal ausgetragen. Das schlichte Gemüt fürchtet nichts mehr als den Widerspruch zum "Hier ist es nun mal so". Das gilt für religiöse Dogmatiker wie für Leitkulturapostel gleichermaßen.

Beide stehen heute vor einem riesigen Problem: Die geschlossene Anstalt, auf der ihr Weltbild basiert, hat sich längst aufgelöst. Die riesigen Fließbandhallen, Bergwerke und Verwaltungsbürokratien, die einst lebenslange Arbeit und starre Regeln garantierten, haben in den vergangenen Jahrzehnten ihre Insassen entlassen. "Schlanke Belegschaft" und "schlanker Staat" können das breite gesellschaftliche Ganze nicht mehr erfassen. Sie öffnen Räume für Subkulturen oder Parallelgesellschaften: Langzeitstudenten, Drückeberger, Sozialhilfearistokratie, Hartzer und jetzt auch die muslimischen Integrationsverweigerer.

Stigmatisierte Gruppen dieser Art gehören zum wirtschaftlichen Kalkül dazu, weil ihre potenziellen Arbeitsplätze dem Renditegebot geopfert werden mussten. Politisch sind sie nützlich, weil ihnen der ökonomisch bedingte Zerfall dieser Gesellschaft als persönliche Schuld und perfide Absicht zugeschrieben werden kann. Zur Integration gehört stets auch der Ausschluss: die Außenstehenden, von denen sich die integere Gemeinschaft abgrenzt und mit sich selbst zusammenschließt. Ohne Außen gibt es kein Innen.

Was Innen und was Außen ist, wird dabei immer fragiler. Wer gehört überhaupt noch dazu und wozu eigentlich? Die vielzitierten Abstiegsängste der Mittelschicht lassen das Phantom der "neuen Mitte" verblassen. Zwischen etablierter Kernbelegschaft und prekärem Jobbermilieu werden die Grenzen flüssiger. Mit gemeinsamen Genen, Abstammungen und Religionen lassen sich da ersatzweise neue Grenzen ziehen, um die neue Unübersichtlichkeit vordergründing überschaubar zu machen.

Der gemeinsame Gott des alten Kapitalismus war, wie Max Weber bereits erkannte, der Tendenz nach protestantisch. Jeder hatte an seinem von oben zugewiesenen Platz seine Arbeit zu verrichten: pünktlich, sauber und korrekt. Stetiger Lebenswandel und "innerweltliche Askese", Fleiß und Bedürfnisaufschub waren allgemeingültige Werte, die eine Zeit lang zu vorzeigbaren Erfolgen führten.

Das von Bismarck eingeleitete solidarische Sozialsystem sollte Unruhen verhindern und die Parallelgesellschaften der Klassen in ein Gesamtsystem integrieren. Das funktionierte über lange Zeiträume hinweg erfolgreich. In den großen Anstalten der Wirtschaft und Verwaltung relativierten sich kulturellen Differenzen gegenüber der gemeinsamen Beziehung, die die Menschen dauerhaft eingehen mussten.

An die Stelle von Beziehungen sind im flexiblen Kapitalismus "Transaktionen" zwischen den Menschen getreten, meint Finanzguru George Soros, der dies von der Börse her kennen muss. Tatsächlich werden Verbindungen zunehmend brüchiger. In befristeten Arbeitsverhältnissen entwickelt sich keine tiefere Zugehörigkeit, Minijobs schaffen keine Bindung und Hartz IV kein Klassenbewusstsein.

Auch wer regelmäßig arbeitet, kennt häufig weniger die Belegschaft als vielmehr die temporären, projektbezogenen Teams, die oft sogar miteinander konkurrieren. Der Bismarcksche Konsens wird durch die schrittweise Privatisierung der Sozialversicherungen aufgelöst, Integration verweigert.

Das Problem ist bekannt: Der flexible Kapitalismus entlässt seine Insassen in die Unsicherheit, in einen kaum abgefederten ökonomischen Existenzkampf, den brutalen Wettbewerb. Exklusive Subkulturen versprechen in einer chaotischen Welt klare Orientierungen. Autoritäre Familienbanden sind die letzten geschlossenen Anstalten, die repressive Sicherheit verbürgen. Eine genetisch konstruierte Volksgemeinschaft ersetzt den calvinistischen Glauben an die Gnadenwahl. Wer das richtige Gen besitzt, darf Hoffnung schöpfen.

Statt über Gott, Gene und Kopftuch zu diskutieren, sind in der harten sozialen Welt jedoch wirtschaftspolitische Visionen gefragt, große Entwürfe, die nach dem Bankrott des neoliberalen Projekts wieder das Wohl aller zum Inhalt haben. Wir brauchen ein neues gesellschaftliches Gesamtprojekt. Wer über Integration reden will, darf über den Kapitalismus nicht schweigen.