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Warten auf die fetten Jahre

Warten auf die fetten Jahre

Erschienen: taz, 07.06.2011

Von Rainer Kreuzer

ÖKONOMIE Der viel beklagte Fachkräftemangel ist nur eine mediale Schimäre. Gäbe es ihn wirklich, müssten unsere Löhne und Gehälter endlich steigen

Liest man die Zeitungen und Zeitschriften, dann leidet Deutschland unter einem enormen Fachkräftemangel. Also: Arbeitslosigkeit, ade? Hartz IV war einmal, Armut gibt es nicht mehr, denn Königin Fachkraft diktiert die Preise für ihre Ware Arbeitskraft. Die Profite schrumpfen, Aktionäre gehen leer aus. An allen Ecken und Enden fehlt es an Ingenieuren, es herrschen Pflegenotstand und Ärzteschwund, Erzieher werden händeringend gesucht. Und wie es erst in den Jahren 2030, 2040 oder 2050 aussehen mag? Umsonsteinkauf im Supermarkt, weil keine Kassierer zu finden sind? Textfreie Zeitungen, weil die Journalisten fehlen? Schön wär's.

Lese ich dagegen meine aktuellen Honorarabrechnungen in der real existierenden Gegenwart, sieht die Welt ganz anders aus. Seit zehn Jahren war da kaum eine Erhöhung zu verzeichnen, trotz allen demografischen Wandels. Ein Kollege, der bei einem Lokalblatt den gültigen Tarif gefordert hatte, wurde gefeuert - allem Fachkräftemangel zum Trotz.

In meinem Nebenjob als Sozialpädagoge sehen die Erfahrungen nicht anders aus. Obwohl Leute wie ich angeblich dringend gesucht werden, rauscht ihre Entlohnung seit Jahren crashförmig in den Keller. Sozialpädagogen werden bei Neueinstellungen, von Ausnahmen abgesehen, in der Regel nur noch wie Erzieher eingestuft. Für eine Vollzeitstelle in der Erwachsenenbildung wurden mir glatte 2.000 Euro brutto angeboten. In der Jugendhilfe waren es 2.300 Euro - vor fünf Jahren dagegen lagen die Angebote trotz höherer Arbeitslosigkeit noch bei 2.600 bis 2.800 Euro. Einige Träger verzichten inzwischen lieber auf die Neubesetzung ihrer Stellen, wenn sie keinen Dummen finden, der trotz abgeschlossenen Studiums bereit ist, für einen Hungerlohn Leitungsfunktionen zu übernehmen.

Wohlfeiler Appell des FDP-Chefs

Fast schon niedlich wirkte da der neue FDP-Chef Philipp Rösler, als er kürzlich die Pflegeunternehmen aufforderte, ihren Beschäftigten mehr als den gesetzlichen Mindestlohn zu zahlen. Als Marktliberaler müsste es für ihn eine Selbstverständlichkeit sein, dass Güterknappheit zu Preissteigerung führt, dazu brauchte es keine Ratschläge eines Ministers. Stagnieren oder fallen gar die Preise oder Löhne hingegen, kann das Gut nicht allzu begehrt sein.

"Die Lohnentwicklung lässt also keinen verbreiteten Fachkräftemangel erkennen. Vielmehr scheint es mit Blick auf die Löhne mehr als hinreichend Fachkräfte zu geben", erkannten die Wirtschaftsforscher vom DIW deshalb schon im vergangenem Herbst glasklar. Der von der Arbeitgeberlobby ausgerufene Mangel lässt sich statisch kaum nachweisen. Er basiert vielmehr auf kleinen Stichprobe-Umfragen, Schätzungen und Vermutungen. Es ist eher ein gefühlter Fachkräftemangel, weil alle davon reden.

Gerade bei Ingenieuren, die angeblich weltweit angeworben werden müssen, ist die Zahl der Studierenden in den vergangenen zehn Jahren um 30 Prozent in die Höhe geschossen. Die Menge der Absolventen an deutschen Hochschulen ist inzwischen so groß, dass die Industrie ihr Heer an Ingenieuren jährlich um 8 Prozent erweitern könnte. Doch darum geht es nicht. Fachkräftemangel ist das Mantra, das täglich wie Gottes Wort unhinterfragt durch die Medien schallt - obwohl über 4 Millionen Menschen verzweifelt einen Job suchen.

Sind Arbeitslose selbst schuld?

Zwischen Diskurs und Wirklichkeit klaffen Welten. Wer als Arbeitsloser oft genug Nachrichten hört, muss an seinen Sinnen zweifeln. Woher kommen die vielen Absagen, wenn doch angeblich massenweise Fachkräfte fehlen? Liegt es etwa an meiner mangelnden Fachlichkeit? Oder stimmt mit mir persönlich was nicht? Arbeitslosigkeit erscheint im Kontext des Fachkräftemangel-Diskurses wieder als rein persönliches Schicksal.

Als politisches Thema taugt sie schon lange nicht mehr, denn Arbeitslosigkeit ist allzu gegenwärtig und real. Viel reißerischer klingen die Prognosen für die Zukunft. Redner, die ihre Sätze mit "Im Jahre 2050 werden wir einmal" beginnen, ziehen das Publikum magisch in ihren Bann. Sie wirken hypnotisierend, da sie den beruhigenden Appell mitliefern: "Vergessen Sie die schnöde Gegenwart. Sie ist wenig wert, weil sie vergänglich ist. In vielen, vielen Jahren aber beginnt die Zukunft, und die wird dann für immer so bleiben, wie wir sie jetzt schon genau vorausberechnen können."

Tragt Sonnenbrillen bei Nacht!

Schon vor über fünfzehn Jahren, in den 1990er Jahren, als die Arbeitslosenzahlen ihre Höchststände erreichten, sorgte sich die Wirtschaftslobby um den Fachkräftemangel künftiger Generationen. Um diesen zu verhindern, sollten bereits Jahrzehnte im Voraus zusätzliche Arbeitskräfte aus dem Ausland angeworben werden. Ebenso gut hätte man empfehlen können, die Sonnenbrillen nachts zu tragen, weil tagsüber die Sonne scheint.

Der Druck auf die viel beklagten "Lohnkosten" sollte gesteigert werden, um die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen noch mehr zu pushen. Billiglöhne entstehen nur dann, wenn ein unbegrenztes Heer von Arbeitskräften nach Belieben abrufbar und manövrierbar ist - das gilt für polnische Pflegekräfte, rumänische Bauarbeiter und indische IT-Experten.

Am besten ist es für die deutsche Wettbewerbsfähigkeit, wenn die weitaus ärmeren Herkunftsländer die Kosten für die Fachausbildungen tragen, von denen die deutschen Unternehmen profitieren. So bleibt der Vorsprung auf dem Weltmarkt sicher, die Konkurrenten werden kleingehalten, müssen deutsche Waren importieren und sich bei den deutschen Banken dafür verschulden.

Wer den deutschen Billiglöhnen als Fachkraft entkommen will, kann zum Glück auswandern. In Norwegen verdienen Pflegekräfte und Verkäufer mindestens das Doppelte wie hierzulande. Der Abstand zu den Reichen ist geringer, aber die Wirtschaft stabil. Die deutsche Elite hingegen braucht die breite Einkommensschere für ihr Selbstbewusstsein auf hohem Ross. Man lässt die Leute lieber ziehen, als sie leistungsgerecht zu bezahlen.

Zu hoffen bleibt nur, dass der gefühlte Fachkräftemangel so schnell wie möglich Wirklichkeit wird: so stark und heftig, dass die Löhne endlich steigen müssen.

RAINER KREUZER

st freier Journalist und lebt in Hamburg. Er hat an der Uni Lüneburg in Behindertenpädagogik promoviert und im besetzten Hamburger Gängeviertel das integrative Kulturprojekt "Möglichkeitsräume" gegründet.