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Polarisierende Fans: Zwei Bücher über die Ultra-Kultur

Erschienen am 27. Dezember 2010 in der "Financial Times Deutschland"

Fußballkultur

Ultras, Fans mit Explosionspotenzial 

Sie polarisieren - gegenüber der Gesellschaft, dem Verein, dem Anhang. Zwei Bücher beleuchten die besondere Fankultur

Von Volker Stahl und Folke Havekost, Hamburg

Tagelang basteln sie in Fabrikhallen liebevoll Transparente. Fernsehkameras schwenken in ihre Richtung, wenn die Bildregie Atmosphäre fordert. Ohne Ultra-Kurven wäre die Stimmung in den Stadien um einiges trüber. Aber die Ordnungshüter teilen diese Begeisterung selten. Für sie sind Ultras ein latent gefährlicher Zusammenschluss mit starker Neigung zu verbotenen Feuerwerkskörpern sowie einer indifferenten Haltung zur Gewalt. Bequem sind sie jedenfalls nicht, auch für den eigenen Verein, der oft als "magisch" besungen wird. Die Ultras des Bundesliga-Schlusslichts Borussia Mönchengladbach witterten jedenfalls faulen Zauber und boykottierten das letzte Hinrunden-Heimspiel gegen den Hamburger SV.

Ultras polarisieren - gegenüber der Gesellschaft, dem Verein und im eigenen Anhang. Für den Sozialwissenschaftler Daniel Langer sind die Ultras die "erste multimediale Fanbewegung", die sich über vielfältige Ausdrucksformen Raum und Gehör verschafft. Der Politologe Jonas Gabler warnt: "Es wäre geradezu fahrlässig, die legitimen Anliegen der Ultras weiter mit Ignoranz zu strafen."

Die Wurzeln wie die Bezeichnung "Ultras" stammen aus Italien, wo bereits um 1970 jugendliche Protestgruppen den Weg in die Stadien suchten. Für die Anfänge der deutschen Ultras in den 1990er-Jahren waren die italienischen Verhältnisse keine gute Voraussetzung: Gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Ultras und Polizei sowie rechtsextreme Parolen sorgten für erhebliche Vorurteile gegenüber der neuen Bewegung hierzulande. Die Ultras standen somit von Beginn an im Raster des Nationalen Konzepts Sicherheit und Sport. Die rechtsstaatlich höchst umstrittenen Stadionverbote treffen heute nicht mehr in erster Linie Hooligans, sondern immer häufiger Ultras, die für den Soziologen Gerd Dembowski einen "kreativen Reflex auf ordnungspolitische Maßnahmen und Disziplinierungen des Fanseins" darstellen.

In ihrer Ablehnung des "modernen Fußballs", der Kommerzialisierung des Spiels, verkörpern die Ultras allerdings traditionsverhafteten Konservativismus in neuen, meist dunklen Gewändern. Die Gruppe "Nordkaos" etwa unterstützt den Hamburger Fünftligisten SC Victoria und begründet dies mit der Ablehnung der Gegebenheiten im Profifußball.

Der gepriesene enge Zusammenhalt in der Gruppe könne von links als Solidarität, von rechts als Kameradschaft angesehen werden, beschreibt Gabler die konträre Wahrnehmung. Indem sie sich gegenüber Polizei und staatlichen Behörden auf Meinungsfreiheit, Unschuldsvermutung und Datenschutz beriefen, bezögen sich die Ultras "in ihrem Protest immer wieder auf die Grundsätze des politischen und juristischen Systems der Bundesrepublik", konstatiert Gabler und wertet dies als "Beispiel für engagierte demokratische Partizipation".

Die Gesellschaft für deutsche Sprache würde Ultras als Wutbürger bezeichnen. Aus ihrer Sicht übernehmen sie sogar eine Vorbildfunktion: "Die Rolle, die früher Vereinsverantwortliche und Spieler besetzten und nun anscheinend nicht mehr einnehmen wollen, muss man nun selbst einnehmen", heißt es selbstbewusst im bundesweiten Magazin "Blickfang Ultrà".

Die Ultras. Fußballfans und Fußballkulturen in Deutschland, von Jonas Gabler, Papyrossa, 222 S., 14,90 Euro

Faszination Ultras. Aspekte und Erklärungsansätze zur Fußballfan- und Jugendkultur, von Daniel Langer, Scientia Bonnensis, 92 S., 16,90 Euro