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Das Phantom-Tor von Altona

Erschienen in der "Hamburger Morgenpost" am 12. Juni 2013

HAMBURGER AMATEURKICKER ALS INTERNETSTARS

Phantom-Tor von Altona: Reif für Hollywood

Von Folke Havekost

Das kuriose Tor von Beytullah Atug am 17. Mai in Altona ging um die Welt. Der Vierländer Stürmer setzte den Ball ins Netz, nachdem er vom Football-Gestänge aus dem Aus ins Feld zurückgesprungen war. Der irreguläre Treffer zählte – und wurde im Internet allein bei YouTube inzwischen mehr als 400.000 Mal angeklickt. Die MOPO hat die Beteiligten noch einmal zum Ort des Geschehens gebeten.

„Beim Abschlussgrillen mit den Fans nach dem Spiel gingen die Diskussionen schon los“, erzählt Altonas Torhüter Marcel Kindler, „schließlich hatten die meisten ja gesehen, dass der Ball schon im Aus war“. Aus dem Internet wissen das mittlerweile Hunderttausende, aber „live“ war die Situation offenbar nicht ganz so klar. „Ich habe nur gesehen, dass Patrick Westermann schießt und der Torwart hält. Die zweite Latte habe ich gar nicht bemerkt“, beteuert Torschütze Atug.

Besagter Westermann knallte aus 20 Metern auf das Tor von Altona 93, wo Kindler den Ball über die Latte lenkte. Kurz hinter dem Kasten steht ein American-Football-Tor, da die Blue Devils an der Griegstraße ihre Heimspiele austragen. Von der Football-Querstange sprang der Ball zurück ins Feld, ehe Atug ihn im Netz platzierte. Schiedsrichter Paul Jennerjahn zeigte zum Entsetzen der Altonaer zur Mitte: 1:0 für Vierlande!

„Ich höre ein leises ’Dung’ und gucke auf den Schiedsrichter. Der macht nichts und Beytullah läuft los“, schildert Kindler: „Da dachte ich, ich bewege mich mal in die Ecke ...“ Dass der 31-jährige Keeper versucht, den Schuss aufzuhalten, lässt die Situation noch realistischer wirken – und kurioser. „Keiner hat mich gefragt, obwohl ich am nächsten dran war und alles erklären konnte“, wundert sich Kindler.

Den Trubel, den der Treffer auslöste, hat vor allem der Schütze abbekommen. „Es ist Wahnsinn, wie viel Anrufe ich bekommen habe“, berichtet der 22-jährige Atug. „Dass es sich so ausbreiten würde, hätte ich im Leben nicht gedacht“.

Dies wiederum liegt an Jan Carlos Tofern, der die Szene für Elbkick.tv gefilmt hat. Der 14-Jährige absolvierte ein Praktikum und gehört mittlerweile zum Einsatzteam. Dass er die Bilder bannte, war ein glücklicher Zufall. „Eigentlich wollten wir das Spiel gar nicht filmen“, erzählt Tofern, „aber beim Altonaer Spiel davor fand ich meine Bilder nicht so gelungen, deshalb habe ich mir noch mal eine Kamera besorgt“.

Bei YouTube wurde der 45-Sekunden-Film inzwischen fast 420.000 Mal angesehen. Weltweit sprangen Medien auf das „Phantom-Tor“ an. Der englische „Guardian“ stellte den Clip auf seine Internetseite, die türkische „Hürriyet“ berichtete. Bei Elbkick.tv fragte sogar eine Produktionsfirma aus Hollywood an, die den Streifen für eine Zusammenstellung kurioser Sportszenen verwenden möchte.

Längst wird der Treffer mit dem „Tor“ von Bayern-Spieler Thomas Helmer verglichen, der den Ball 1994 gegen Nürnberg ans Außennetz setzte, worauf das Gespann überraschenderweise auf Tor entschied. „Im Gegensatz zu Helmer habe ich das Tor wenigstens getroffen“, sagt Atug über den kuriosesten seiner 14. Saisontreffer. Dass die Beteiligten mit der Situation locker umgehen, liegt auch daran, dass Altona noch 3:1 gewann.

Keeper Kindler wirft bei unserem Ortstermin den Ball abwechselnd gegen beide Latten, um die verschiedenen Geräusche vorzuführen. „Ganz dumpf hat sich das angehört“, sagt er, als die Kugel vom Football-Gestänge zurückprallt. „Im Nachhinein ist es ganz nett, dass dadurch über den Amateurfußball gesprochen wird“, resümiert Kindler: „Es ist einfach das Ding der Saison.“