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Jolly Rouge: St. Pauli-Fans protestieren gegen fortschreitende Vermarktung

Erschienen im "Neuen Deutschland" am 12. Januar 2011 

St. Paulis Fans sehen bei Vermarktung Rot

Anhänger wollen am Samstag protestieren

Von Folke Havekost, Hamburg

2010 feierte der FC St. Pauli seinen 100. Geburtstag und den Aufstieg in die 1. Bundesliga. 2011 steht für den »etwas anderen Verein« bislang unter keinem guten Stern. Erst sprach Ex-Spieler René Schnitzler mit dem »stern« über beauftragte Spielmanipulationen, dann verlor der Klub vor dem Landgericht einen Streit um Merchandising-Rechte gegen seinen Vertragspartner Upsolut. Nun sehen auch die Fans Rot. Zum Rückrundenauftakt gegen Freiburg am kommenden Samstag wollen sie mit zahlreichen roten Totenkopffahnen am Millerntor erscheinen – als Protest gegen die Vermarktung des Vereins, die seit dem Aufstieg neue Dimensionen angenommen hat.

Die roten Piratenflaggen, bei Seefahrern ein Zeichen, dass beim Kapern keine Gefangenen gemacht würden, wehen unter dem Motto »Bring Back St. Pauli« – frei übersetzt: »Gebt das alte St. Pauli zurück!«. Die Kritiker bemängeln eine unsensible Auswahl von Sponsoren und Werbemaßnahmen. Es gebe einen Punkt bei jedem Menschen, an dem er nicht mehr in der Lage sei, die Verhältnisse weiterhin hinzunehmen, schreibt die Anhängergruppe »Sozialromantiker St. Pauli« in einer Petition, die bislang über 3000 Unterzeichner gefunden hat und in der unter anderem der Rückbau von Teilen der so genannten Business-Seats und deren Umwandlung in bezahlbare Sitzplätze gefordert wird.

Dass mit dem Aufstieg in die fußballerische Beletage auch die Verwerfungen zwischen Vereinsführung und kritischer Anhängerschaft steigen würden, war absehbar. Der aktuelle Konflikt entzündete sich allerdings nicht an symbolischen Themen wie etwa einem – von den Mitgliedern ausgeschlossenen – Verkauf des Stadionnamens oder der Ausgliederung der Profifußballer aus dem Verein. Kleine Nadelstiche der Marketingabteilung sind es, die zum vorherrschenden Unmut geführt haben: Im November wurde bekannt, dass in einer der Stadionlogen (vom Verein »Separees« genannt) ein Kiez-Etablissement leicht bekleidete Frauen regelmäßig Stangentänze vor den Besuchern vollführen lässt. Während des letzten Heimspiels gegen Mainz ließ ein Telekommunikationsunternehmen auf Leuchtschriftbändern SMS-Botschaften laufen, als wäre ein Fußballspiel nur eine weitere Möglichkeit, sein Handy zu benutzen.

»90 Minuten Fußball ohne Firlefanz und Werbung drumherum«, fordern die »Sozialromantiker« und berufen sich dabei auch auf das Abschlusspapier eines Fan-Kongresses, den der Verein im Juli 2009 veranstaltete. »Der Umfang werblicher Aktivitäten soll sich stets in einem vernünftigen Verhältnis zum eigentlichen Unterhaltungsangebot, dem Spiel, befinden«, heißt es dort. Viele Fans zweifeln, ob die Führung des über 12 000 Mitglieder zählenden Klubs zu grundsätzlichen Veränderungen bereit ist. Es herrscht einmal mehr der Abwehrkampf für ein Erbe, das den FC St. Pauli ausmacht.

»Wir werden der immer mehr vermisste Sand im Getriebe sein«, heißt es in der Petition, die keinesfalls bittstellerisch daherkommt, »wir werden Aktionen anzetteln, die Euch nicht mal im Traum einfallen«. Die Führung des Vereins, der derzeit kreditfinanziert sein Stadion ausbaut und sich einen festen Platz in der »Top 25« des deutschen Fußballs als Ziel gesetzt hat, reagiert bislang zurückhaltend. Präsident Stefan Orth erklärte, sich mit den Protesten »eingehend zu befassen«. Die »Integration der verschiedenen Anspruchsgruppen« sei »eine der zentralen Aufgaben der Vereinsentwicklung«. Auch das Präsidium will sich erst ein Bild von der Situation am Samstag verschaffen. Hier teilen sie die Haltung ihrer Kritiker. Denn auch die Sozialromantiker sind »gespannt, was von der Macht des Millerntores noch übrig ist.«