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Paul Löffler: Der Hamburger Musikexperte über Fangesänge und singende Fußballer

Erschienen am 7. Juni 2006 im "Hamburger Abendblatt"

"In Deutschland wird alles sehr ernst genommen - auch die Musik"

Interview: Der Hamburger Musikexperte Paul Löffler über Fangesänge und singende Fußballer

Von VOLKER STAHL

ABENDBLATT: Herr Löffler, seit wann wird im Stadion gesungen?

LÖFFLER: Man muß zwischen Südamerika, den USA und Europa unterscheiden. Hier gab es die ersten Versuche bei der WM 1958. Die Zuschauer intonierten "Heja, heja, Sverige", das seinen Ursprung im schwedischen Eishockey hatte. Es war aber nicht mehr als ein Kurzgesang, vergleichbar mit dem heutigen "Olé, olé, olé". In den südamerikanischen Stadien waren schon ein Jahrzehnt zuvor Gesänge zu hören. In Argentinien haben die Fans Tangomelodien adaptiert. Haufenweise Notenmaterial gibt es vom American Football. Fast alle Footballteams in den 40er und 50er Jahren hatten eigene Songs, die von Big Bands in den Stadien präsentiert wurden. Und das Publikum hat mitgesungen.

ABENDBLATT: Was passierte zur gleichen Zeit in Deutschland?

LÖFFLER: Der DFB hat 1952 kleine Heftchen mit Liedtexten für Fußballer herausgegeben. Das Singen der Liedchen gehörte allerdings zu der Kategorie "Männerabend im Klubheim".

ABENDBLATT: Was waren das für Lieder?

LÖFFLER: Fußball wurde immer mal erwähnt - ähnlich wie das heute bei den banalen Schlagern der Musikindustrie der Fall ist. Da spielte dann der besungene Lover oder gute Freund in einer Fußballmannschaft. Es gab aber auch martialische Texte, die das Deutschtum oder die Männlichkeit betonten, gefolgt von Zeilen, die sich auf den Fußball bezogen.

ABENDBLATT: Wann und wo ging es in den Stadien richtig los?

LÖFFLER: Seit den 50er Jahren wurde beim Cup Final in Wembley traditionell eine alte Hymne, "Abide With Me", aus dem 19. Jahrhundert gesungen. Das war eine Art Choral. Die ersten richtigen Fangesänge kamen erst Anfang der 60er Jahre in England auf, als der Rock 'n' Roll vom Beat abgelöst wurde. In England war es üblich, daß man sich vor dem Spiel auf ein Pint traf. Man trank sein Bierchen, marschierte dann los und hatte auf dem Weg ins Fußballstadion die hitparadenorientierten Titel auf den Lippen. Langsam fingen die Fans auch auf den Tribünen an zu singen. Ein klassisches Beispiel ist der 1961 in der Hitparade plazierte Fats-Domino-Titel "When the Saints Go Marching in". Das Lied wurde erst von kleinen Gruppen im Stadion gesungen, dann von immer mehr Leuten - es war der erste deutlich vernehmbare Fangesang in Liverpool und anderswo. Die Texte hatten zunächst nichts mit Fußball zu tun. Eine Ausnahme war die 1961 von den Totnamites als Tribut an den Tottenham-Spieler Danny Blanchflower herausgegebene Single "Danny Boy", die B-Seite hieß "The Spurs Song".

ABENDBLATT: Wurde bei der WM 1962 in Chile schon auf den Rängen gesungen?

LÖFFLER: Das taten die Fans schon viele Jahre davor in den brasilianischen Stadien. Bereits bei der WM 1950 in Brasilien wurde gesungen und geklatscht - und zwar nach einem Cha-Cha-Rhythmus. Von 1954 ist nichts bekannt, 1958 gab es das "Heja".

ABENDBLATT: Und 1966?

LÖFFLER: Zum Zeitpunkt der WM in England hatten sich schon eine Menge Vereinslieder etabliert. Die hat man dann bei den Spielen gehört - unter anderen "You'll Never Walk Alone". Das wurde unendlich oft gebrüllt.

ABENDBLATT: Dieser Song wird heute überall gesungen. Was zeichnet einen Stadionhit aus?

LÖFFLER: Er muß bekannt sein, eine einfache Struktur haben und die Melodie einen hohen Wiedererkennungswert. Denn die Fans sind in der Regel, was Musiktheorie betrifft, musikalische Analphabeten. Sie können keine Noten lesen, lernen die Texte nur durch ständige Wiederholung. Deshalb ist der Rhythmus besonders wichtig. Es muß ein einfach strukturiertes Lied sein, das auch an die Qualität des Singens keine großen Ansprüche stellt. "Zieht den Bayern die Lederhosen aus" ist einer der legendärsten deutschen Fangesänge. Die Melodie kommt von dem bekannten Beatles-Song "We All Live in a Yellow Submarine", der bei hunderten Texten musikalisch Pate stand.

ABENDBLATT: Der ehemalige Fanbeauftragte des FC St. Pauli, Hendrik Lüttmer, hat einmal gesagt: "In England und Italien wird gesungen, in Deutschland gebrüllt."

LÖFFLER: Ein wunderbarer Satz, dem ich zustimme. In Deutschland wird alles sehr ernst genommen, auch die Musik. Die Engländer und Italiener nehmen die Dinge leichter.

ABENDBLATT: Welchen Ursprung haben Vereinslieder?

LÖFFLER: Ich vermute, daß die meisten Ergüsse von Fans sind. Auffällig ist, daß die offiziellen Vereinslieder im Stadion fast nie gesungen werden. Das liegt oft an den langen Texten, die kaum jemand präsent hat.

ABENDBLATT: Wann wurden die ersten Singles von Fußballern im Studio eingespielt?

LÖFFLER: Der erste singende Fußballer war vermutlich Ferenc Puskás. Er spielte Ende 1964, noch bei Real Madrid unter Vertrag, eine Platte mit Puszta-Zigeunermusik ein. Ungarisch gesungene Volkslieder, in Spanien veröffentlicht - kommerziell war das vermutlich ein totaler Flop. Heute ist das Stück Vinyl mit einem Preis von 100 Dollar das teuerste in unserer Ausstellung ("Tooooor! Goal! Goles!" über internationale Fußball-Gesänge, bis zum 30. Juli in der "Plattenrille", Grindelhof 29, d. Red.).

ABENDBLATT: Wer war der erste singende Kicker in Deutschland?

LÖFFLER: Petar Radenkovic. Sein Lied "Bin i Radi, bin i König" kam 1965 heraus - ein großer Erfolg. Der Keeper von 1860 München gehörte zu den ersten Lichtgestalten der Bundesliga. Die Schallplattenindustrie hat seine Popularität genutzt und ein riesiges Geschäft gemacht.

ABENDBLATT: Die WM 2006 wird in Deutschland von Sasha und Herbert Grönemeyer besungen. Wie gefallen Ihnen die Lieder?

LÖFFLER: Der Grönemeyer-Titel ist eine Auftragsproduktion - und klingt auch so. Diese WM ist komplett kommerzialisiert, deshalb paßt dieser Song auch total ins Bild. Meine Prognose ist: weder der rockigere Sasha-Song noch das belanglose Grönemeyer-Lied, das von der ungeheuren Dramatik seiner Stimme total überfrachtet wirkt, werden ein Erfolg.

Paul Loeffler

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