stahlpress

Medienbüro Hamburg

Vereinswappen mit Schweinsblase

Vereinswappen mit Schweinsblase

Der Hamburger Stefan Wellmer ist leidenschaftlicher Sammler von Fußballvereins-Wimpeln und kennt die Geschichten, die sich hinter Farben und Symbolen verbergen.

Von Volker Stahl

Stachel

Hamburg - Panini-Bildchen, Stadionhefte, Vereinsnadeln – das Sammeln von Fußball-Devotionalien ist eine besonders unter männlichen Jugendlichen und älteren Herren häufig verbreitete Leidenschaft. Auch Stefan Wellmer hortet Wappen und Wimpel kleiner und großer Clubs. Doch der Hamburger passt in keine der beiden Schubladen. „Stachel“, wie ihn seine Freunde rufen, ist weder pubertierender Jungspund noch gehört er zu der Grauhaar-Fraktion. Der gestandene Mittdreißiger mit der Wuschelfrisur ist ein in der Wolle gefärbter Altpunk und Deutschlands größter Experte für Vereinswappen.

Wir sitzen in der Küche. Wo normalerweise Handtücher, Topflappen und Schöpfkellen hängen, baumeln Wimpel. Auf der Anrichte und dem Tisch stapeln sich weitere Objekte der Begierde, die der Archäologie-Student extra für den Besuch aus seinen Kisten hervorgekramt hat – insgesamt mehr als 3000 Stück. „Es gibt hier zu Lande nur eine Handvoll Sammler“, plaudert Stachel über seine seltene Zunft. „Doch mit der Geschichte und Systematik der Embleme beschäftigt sich kaum jemand.“ Wellmer schon. Rhetorisch versiert plaudert der Pastorensohn über „deutsche Standardwappen“, den Unterschied zwischen Flächen- und Fahnenwappen und die Bedeutung „des großen C in Verbindung mit dem Glaskolben“ in Logos sozialistischer Clubs aus der ehemaligen DDR. Beiläufig erfährt der Zuhörer, dass der dritte Buchstabe des Alphabets für „Chemische Industrie“ steht.

Hinter jedem Wimpel verbirgt sich eine kleine Geschichte. Wellmer kennt und erzählt sie gerne. Er zeigt auf den Wimpel mit dem runden Wappen vom Sportclub Sparta von 1901 e.V. Bremerhaven, das aus einem Kreis mit zwei „S“ (steht für Sport und Sparta) besteht, die von einem C (für Club) umschlungen sind: „Das Buchstaben-Wappen ist eine typisch deutsche Entwicklung und ein Markenzeichen hiesiger Vereine.“ Kein Zufall, dass auch das DFB-Emblem dieser Kategorie zuzurechnen ist. Das Wort Heraldik, im Wörterbuch mit Wappenkunde übersetzt, flutscht dem Endreißiger leicht über die Lippen. Die Entstehung des Wappenwesens lässt sich bis zum Beginn der 12. Jahrhunderts zurück verfolgen. „Die Einführung farbiger Abzeichen für vollgerüstete Krieger ergab sich aus der militärischen Notwendigkeit, die Ritter für Freund und Feind erkennbar zu machen“, erklärt Band 9 des Brockhaus. Jahrhunderte später knüpften die Sportvereine an diese Tradition an und gaben sich Erkennungszeichen in den klassischen heraldischen Farben Gold, Silber, Rot, Blau, Schwarz, Grün und Purpur, ergänzt durch architektonische Motive, Tiersymbole, Buchstaben – und mitunter Glaskolben, Traktoren oder Rotationsmaschinen.

Mit einem spitzen Metallstock arbeitet sich Stachel von Wappen zu Wappen vor. Er deutet auf das Emblem des Krefelder FC Uerdingen („Die Kerbe oben links diente bei mittelalterlichen Schilden zum Einlegen der Lanze“), des Wuppertaler SV („sehr ansehnliche Kombination aus traditioneller Heraldik und Buchstabenwappen“) oder von Teutonia 05 Ottensen („enthält den in der Fußball-Frühzeit üblichen typischen Schweinsblasenfußball“). Als sein verlängerter Finger den Wimpel des norddeutschen Clubs FC Schönberg 95 streift, den ein Fußball ziert, auf dem sich der Sponsor verewigt hat und aus dessen „Südpol“ der Vereinsname herausläuft, verfinstert sich seine Miene. „Völlig austauschbar, kein eigener Stil, gesichtslos“, lautet das vernichtende Urteil des um Qualitätssicherung bedachten Fachmanns: „Das darf nicht Schule machen.“

Wie man es ebenfalls nicht machen sollte, zeige auch die Neuschöpfung des Karlsruher SC, echauffiert sich Stachel. Die Badenser Bosse unterlegten eine abgespeckte Variante des blau-weißen Kreis-Klassikers mit einer rot-gelben Pyramide. „Das Wappen sieht jetzt aus wie das Logo einer Spedition“, schüttelt sich Wellmer. Erst nach massiven Protesten der KSC-Fans ruderte die Vereinsführung – wie auch beim SV Waldhof Mannheim – zurück und führte zur laufenden Saison wieder das Ur-Logo ein. Einen ästhetischen Sündenfall habe auch der frühere Regionalligist FSV Wacker Nordhausen begangen, so der Kritiker: „Die haben einfach einen Ball aus dem Netz gezogen, einen Schriftzug drüber gepappt und fertig – einfach gruselig!“ Als „Schreckensgespenst schlechthin“ bezeichnet Wellmer das Wappen von LR Ahlen. Das Kürzel des Westclubs steht nicht nur für „Leichtathletik“ und „Rasensport“, sondern findet auch im Wappen seinen Niederschlag, das durch den Städtenamen und einen Fußball komplettiert wird. Übrigens: Das Firmen-Logo des Sponsors sieht genauso aus – mit einer Ausnahme: Statt eines Fußball ziert die Weltkugel das Produkt aus des Grafikers Gruselkammer. Ein klarer Fall für den Wimpel-Ästheten. Er verteilt die Note 6: „Aalglatt, steril, nichts sagend.“

Geschmacksverirrungen gab es bereits vor 30 Jahren. Die locker-lustigen 70er Jahre wurden nicht nur durch die langen Haare von Günter Netzer, Schlaghosen, Schwindel erregend hohe Absätze und bunt-poppige Klamotten geprägt, sondern leiteten auch eine Zeitenwende in der Fußball-Wappenkunde ein – sehr zum Leidwesen des Hamburger Experten, der seit 1994 dem Stadtteilclub Altona 93 die Daumen drückt. Der Aufbruch in die Moderne habe sich nicht zum Vorteil für die Wappenkultur ausgewirkt, meint Wellmer und nennt den 1972 gegründeten OSC (Olympischer Sport-Club) Bremerhaven als abschreckendes Beispiel. Offensichtlich berauscht von den Spielen in München erklärten die Verantwortlichen des Küstenclubs kurzerhand das Olympia-Logo zu ihrem Wappen. Auch der Anbruch des Computer-Zeitalters ist nicht spurlos an den bunten Erkennungszeichen der Vereine spurlos vorbei gegangen. „Mit den für jeden Hobby-Künstler greifbaren Grafikprogrammen ist bei der Neugestaltung der Wappen, oft bei Fusionen, ein biederer Einheitsbrei entstanden“, ärgert sich der Herr der Wappen.

Im Hamburger Stadtteil Niendorf schlugen die Wellen hoch, als der Vorstand des Niendorfer Turn- und Sportvereins seinen Mitglieder ein neues Emblem präsentierte: Auf dem Entwurf schlängeln sich rote Bälle um den blauen Schriftzug mit dem Vereinsnamen.
„Wir hatten das neue, frische Wappen von einem Grafiker entwerfen lassen und waren von dessen Arbeit hellauf begeistert“, erzählt NTSV-Geschäftsführer Mike Schreiber. Die meisten der 8000 Mitglieder entpuppten sich jedoch als unheilbare Nostalgiker, die das gute, alte Schildwappen aus dem Jahr 1919 behalten wollten. Nachdem eine Unterschriftenaktion auf die Schnelle knapp 400 Protestnoten erbracht hatte, wurde der Vorstandsbeschluss wieder gekippt. „Die Fußballer haben sich am heftigsten gewehrt. Mit so viel Traditionsbewusstsein haben wir nicht gerechnet“, wundert Schreiber sich noch Monate später.

Die größte Revolution in der Geschichte der Vereinswappen hat in den 20er Jahren stattgefunden. Fußball avancierte zum proletarisch geprägten Massensport – Zeitschriften, Clubpostillen und Stadionhefte begleiteten diesen Wandel publizistisch und sorgten für eine stärkere Wahrnehmung von Abzeichen, Nadeln und Vereinslogos in der Öffentlichkeit. Vereinsneugründungen und -umbenennungen sorgten für eine neue Blüte der Wappenkultur. Vereinsnamen wie Preußen, Germania oder Hohenzollern kamen ebenso aus der Mode wie die damit verbundenen Stilelemente Adler oder die preußischen Klassiker Schwarz und Weiß. „Als Symbol der herrschenden Klasse des Adels und der Besitzenden taugten sie nicht mehr“, so Wellmer. Dafür zierte in der aufkeimenden Arbeitersport-Bewegung (ATSB und Rotsport) die Kombination Rot-Weiß immer mehr Embleme. Später, im Dritten Reich, fand das Hakenkreuz erstaunlich selten Einzug in das Vereinswappen, hat der Sammler recherchiert – meist nur bei neu gegründeten Luftwaffenvereinen wie dem LSV Hamburg. Nach dem Zweiten Weltkrieg bereicherte die DDR die Wappenkultur mit zum Teil kuriosen Neuschöpfungen. Traktor und Glaskolben erhielten Symbolwert. Wellmer: „Die Entwicklung der Abzeichen zeigt, dass es ist großer Schwachsinn ist, zu behaupten, Sport habe nichts mit Politik zu tun.“

Heute steht das Wappen vor allem für Tradition. „Das Emblem ist das Gesicht eines Vereins“, weiß Wellmer. Früher standen treue Fußball-Recken wie Uwe Seeler für ihren Club. Oder Stadien. Doch seitdem Fußballerbeine zur Saisonware verkommen sind, Vereinspräsidenten wie Wirtschaftskapitäne sprechen und das Volksparkstadion AOL-Arena heißt, bleibt meist nur noch das Logo – spätestens seitdem die Spieler des grün-weißen Traditionsclubs Werder Bremen die Meisterschale mit Gliedmaßen gen Himmel strecken, die in orangen Ärmeln stecken.

Es gibt tonnenweise Bücher zur Fußball-Geschichte – zum Thema Wappen ist kaum Literatur aufzutreiben. Auch die Quellenlage ist absolut mau. Deshalb plant Wellmer ein Buch zum Thema und sucht derzeit einen Verlag. Seine Fachkunde („Ich sehe mich ein bisschen als Missionar“) hat sich mittlerweile herumgesprochen. Für den DJK Schwerte und eine Reihe kleinerer Vereine entwarf er bereits Embleme. Und vor drei Jahren beriet der „Wimpelloge“ den Göttinger Fußballarchäologen und Rundlederstatistikgott Hardy Grüne bei der Erstellung des Vereinslexikons, zauberte längst verschollen geglaubte Embleme aus verstaubten Archiven hervor und zeichnete die Fundstücke nach. Die kiloschwere Enzyklopädie des deutschen Ligafußballs bildet 3000 Wappen aktueller und historischer Fußballclubs ab und ist die zurzeit umfangreichste Kompilation von Club-Erkennungszeichen zwischen Flensburg und Berchtesgaden. Zum Vergleich: Das unter Sammlern zur Legende gewordene Kurland-Album aus dem Jahr 1931 zeigt nur 645 Vereinswappen.

Pünktlich zu dessen 111-jährigem Jubiläum klopfte Wellmer bei seinem Lieblingsclub an. Der Altpunk schlug dem Präsidium von Altona 93 vor, das alte Wappen aus dem Jahr 1925 wieder einzuführen: „Das ist verschnörkelter und klassischer. Besonders das Stadtwappen der bis 1937 selbstständigen Stadt ist detaillierter dargestellt.“ Die großen Vorsitzenden überlegen noch. Weist ihr Daumen nach oben, feiert der kompakte „Schweinsblasenball“ aus Adolf Jägers Zeiten seine Renaissance. Prall ist er immer noch.

Foto: Volker Stahl