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Tore gegen die Taliban

Erschienen am 13.11.2007 in "Financial Times"

Tore gegen die Taliban

Die WM-Qualifikation hat die Fußballnationalelf von Afghanistan zwar verpasst - aber dank Exilkickern ist das geschundene Land wieder auf dem Weg in den Weltfußball.

Von Folke Havekost und Volker Stahl

Manchmal wird Fußballgeschichte auch in der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe geschrieben. "Ich laufe im Strafraum von der linken auf die rechte Seite, da kommt ein Steilpass, ich bin schneller als mein Manndecker und ziehe direkt mit links ab", erzählt Obaidullah Karimi: "Als der Ball im Netz war, wusste ich erst gar nicht, was los ist, und bin wie ein Verrückter hin und her gelaufen."

Erst der Referee klärte ihn nach dem Schlusspfiff auf: Karimi hatte das erste WM-Qualifikationstor für sein Heimatland Afghanistan geschossen. Normalerweise kickt der Mann für Eintracht Norderstedt in der Verbandsliga Hamburg. Zwar verlor sein Team noch mit 1:2 gegen Syrien, sodass nach dem 0:3 im Hinspiel die Träume von der Endrunde in Südafrika 2010 schon wieder vorbei sind - doch ein Eintrag in die Fußballgeschichtsbücher des zentralasiatischen Landes ist dem 27-jährigen Hamburger sicher: "Ata Yamrali nennt mich seitdem immer Hero, ich antworte nur: Hör auf, du Spinner‘." Der frotzelnde Gratulant Yamrali ist der zweite Hamburger, der am 26. Oktober für Afghanistan im Einsatz war. "Selbst syrische Fans haben uns bejubelt", berichtet der 25-jährige Mittelfeldspieler des Oberligisten Bergedorf 85.

43 Jahre ohne Sieg

Seit dem Sturz des Taliban-Regimes 2001/02 kommt der Fußball in Afghanistan langsam wieder in Fahrt. Von 1941 bis 1984 verzeichnete die Länderspielbilanz keinen einzigen Sieg, danach versank das Land unter sowjetischer Besatzung im Bürgerkrieg. Unter den Taliban in den 90er-Jahren war Fußball verpönt. Zwar fanden Spiele statt, doch wurden diese häufig durch Massengebete unterbrochen oder das Stadion als Schauplatz für Schnellgerichte zweckentfremdet. Die aktuell prekäre Sicherheitslage betrifft auch den Fußball: Für ihr Heimspiel mussten die Afghanen nach Duschanbe umziehen. Im über 50.000 Zuschauer fassenden Nationalstadion der Hauptstadt Kabul dürfen wegen befürchteter Terroranschläge keine WM-Qualifikationsspiele ausgetragen werden.

Karimi"Noch befindet sich der Fußball bei uns im Aufbau", erzählt Karimi, "aber die Begeisterung ist groß. Nach meinem Tor hatten die Zuschauer Tränen in den Augen." Für die beiden "Hamburger Jungs" waren die Qualifikationsspiele auch Reisen zu ihren Wurzeln, die sie selbst kaum kennen. Beide sind in Kabul geboren, doch bereits als Kinder mit ihren Familien geflüchtet.

Zu den WM-Spielen sind beide "mit viel Herzblut" aufgebrochen. Sie wollen auch ein anderes Bild ihrer Heimat zeichnen als jenes aus den TV-Nachrichten: Armut, Krieg, Taliban-Regime, Opiumhandel. "Die Menschen", sagt Karimi, "sind sehr sportbegeistert. Fußball ist eine willkommene Ablenkung vom schwierigen Alltag."

"Wunder darf man nicht gleich erwarten"

2003 fanden wieder die ersten Länderspiele statt. Die Fifa unterstützte die Aufbaubemühungen, der DFB schickte erst Fußballentwicklungshelfer Holger Obermann und dann Klaus Stärk, der die Auswahlmannschaft betreut und sich um die Trainerausbildung kümmert. Auf ihrem Weg in den Weltfußball schauen sich die Afghanen nach Spielern um, die im Ausland Erfahrungen gesammelt haben. Neben den beiden Hamburgern Karimi und Yamrali kamen gegen Syrien auch Djelaludin Sharityar vom SV Weiden sowie Yusuf Barak und Harez Habib vom FSC Lohfelden zu einer Nominierung.

Derzeit befindet sich die afghanische Auswahl auf Platz 190 der Weltrangliste. "Wunder darf man nicht gleich erwarten", sagt Yamrali, "es fehlt noch an vielem: vernünftigen Trainingsplätzen, Bällen, Schuhen." Immerhin existiert seit dem Sommer eine Nationalliga, gesponsert von der Kabul Bank, deren Betriebsfußballteam die Halbserie hinter dem Ordu Kabul FC auf dem zweiten Platz abschloss. Damit erhalten einheimische Fußballer erstmals Geld für ihre Tätigkeit - zuvor mussten viele Kicker vielmehr ihre Berufe aufgeben, um mit der Nationalmannschaft in Kabul trainieren zu können. An der Spitze entwickelt sich etwas, doch der Nachholbedarf ist groß. "Im taktischen Bereich mangelt es noch", weiß Karimi, denn "es fehlt an Spielern, die seit ihrer Kindheit mit Fußball aufgewachsen sind." Aber er erinnert an einen Nachbarstaat: "Mit dem iranischen Fußball war vor 20 Jahren auch nichts los, ehe dort Stützpunkte eingerichtet wurden. Man kann Afghanistan nicht von heute auf morgen aufbauen, aber wir versuchen, unseren Teil beizutragen."

kicker