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Das falsche Geschlecht

Erschienen am 06.08.2008 in "Financial Times Deutschland"

Das falsche Geschlecht

Fast die Hälfte der Olympioniken sind weiblich. Doch für viele bleibt richtiger Sport immer noch Männersache. Nur Gymnastik und Synchronschwimmen gönnt man ihnen wirklich. Es war ein langer Weg, bis Frauen in olympischen Königsdisziplinen zugelassen wurden.

von Folke Havekost und Volker Stahl

Als man sie nicht ins Panathinaikos-Stadion ließ, lief sie ihre letzte Runde einfach drumherum. Stamatis Rovithi, Mutter von sieben Kindern, hatte den 40 Kilometer langen Weg von Marathon nach Athen schließlich nicht umsonst absolviert. Mit ihrem Lauf protestierte die 35-Jährige dagegen, dass Frauen bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit im April 1896 keinen Platz hatten. Die Veranstalter verspotteten die Marathonpionierin als Melpomene - so hieß im Griechenland der Antike die Muse des Trauergesangs.

Bei den alten Griechen war die patriarchalische Welt noch in Ordnung gewesen. Während an den übrigen panhellenischen Festspielen in Delphi, Korinth und Nemea auch Frauen teilnahmen, blieb ihnen der Weg zu olympischem Lorbeer verstellt. Dennoch gab es eine antike Olympiasiegerin: Der spartanischen Prinzessin Kyniska gehörte der Pferdewagen, den ein unbekannter Fahrer 392 vor Christus als Erster ins Ziel lenkte - der Siegerkranz ging an die Besitzerin.

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Die nette rhythmische Sportgymnastik überlassen Männer gern ganz den Frauen

Sport treibende Frauen stünden "in völligem Gegensatz zu den Gesetzen der Natur", befand der französische Baron Pierre de Coubertin, der Ende des 19. Jahrhunderts die olympische Idee aufgriff. Sein Vorschlag: "Ihre Rolle sollte vornehmlich die sein, die Sieger zu bekränzen."

Dass in den Folgespielen Frauen ein bescheidener Platz zukam, lag an der laxeren Organisation der frühen Spiele. 1900 in Paris und 1904 in St. Louis fanden sie im Rahmen von Weltausstellungen statt. In Paris gewann die Schweizerin Hélène de Pourtalès mit ihrem Mann und Neffen den Segelwettbewerb für Zweitonner und wurde zur ersten Olympiasiegerin der Neuzeit.

23 Frauen nahmen an Wettbewerben wie Ballonfahren, Golf, Krocket, Reiten, Segeln und Tennis teil - Sportarten, die als erbaulich galten und in weiten Kostümen und langen Röcken ausgeübt werden konnten. "Die Teilnahme von Frauen an solchen Wettbewerben erschien hinnehmbar, weil sie dort nicht ins Schwitzen gerieten und unfraulich aussahen", schreibt die Sportwissenschaftlerin Anita Tedder in ihrer Untersuchung über die Olympiapionierinnen.

Anfang des 20. Jahrhunderts rückten noch Bogenschießen und Eiskunstlauf ins weibliche Olympiaprogramm. Ein echter Fortschritt war die Aufnahme von Schwimmwettbewerben für Stockholm 1912. Doch auch nach dem Ersten Weltkrieg, als Frauen in vielen Ländern ihr Wahlrecht durchgesetzt hatten und der Typ des "Sportsgirl" für Furore sorgte, stand die olympische Königsdisziplin Leichtathletik weiter unter männlichem Monopol.

Die französische Übersetzerin Alice Milliat gründete am 31. Oktober 1921 den Frauensportverband FSFI, der zwischen 1922 und 1934 alle vier Jahre Frauenweltspiele mit Leichathletikwettkämpfen austrug. Die Pariser Premiere im August 1922 lockte über 20.000 Zuschauer an. Gegen den erbitterten Widerstand von de Coubertin und dem Vatikan wurden für Olympia 1928 fünf Leichtathletikwettbewerbe für Frauen zugelassen.

Als nach dem 800-Meter-Lauf Bilder und Berichte von erschöpften Läuferinnen um die Welt gingen, strich man die Mittelstrecke bis 1960 wieder aus dem Programm. Sie sei ein "animalisches Martyrium für Frauen", urteilte "Harper's Monthly": "Männliche Frauen stellen vielleicht den größten Irrtum der Natur dar; er sollte mit denselben drastischen Mitteln korrigiert werden wie die abscheulichsten Missbildungen." Erst 1981 wurden die ersten Frauen ins IOC aufgenommen.

Suche nach nicht sichtbaren Hoden

1968 in Mexiko-Stadt führten die Olympiaverwalter den Sextest für Frauen ein. Starke Leistungssteigerungen hatten den Verdacht genährt, insbesondere aus sozialistischen Staaten würden Männer in weibliche Wettbewerbe eingeschleust. "Es war die härteste und demütigendste Erfahrung meines Lebens", erinnert sich die nordirische Fünfkampf-Olympiasiegerin von 1972, Mary Peters, an den Test: "Die Ärzte machten sich an eine Untersuchung, die ans Befummeln grenzte. Vermutlich suchten sie nach nicht sichtbaren Hoden. Sie fanden keine, und ich ging wieder."

Später wurde durch einen Abstrich von der Wangenschleimhaut ein Chromosomentest vorgenommen. Während etwa Männer mit Klinefelter-Syndrom (Häufigkeit circa 0,2 Prozent) den Test als Frau passieren würden, galt die androgenresistente Hürdenläuferin Maria Patino wegen ihres XY-Chromosomenpaars genetisch als Mann und wurde von den Spielen 1988 ausgeschlossen. "Die Botschaft lautet, dass, wer gut ist, nicht wirklich eine Frau sein kann", verurteilte die Biologin Alison Carlson den Sextest, der erst 1999 nach zahlreichen Protesten abgeschafft wurde.

In Peking 2008 werden etwa 45 Prozent der Teilnehmer weiblich sein. Doch das Bild der Frau als das den ursprünglichen Sport bedrohende Geschlecht ist keinesfalls verschwunden. Zwei Sportarten sind allein Frauen vorbehalten: Die nette rhythmische Sportgymnastik und das adrette Synchronschwimmen, obwohl der Spitzenathlet Bill May dort jahrelang sein Recht auf olympische Teilnahme einforderte.