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Medienbüro Hamburg

Straßenfußball auf der Reeperbahn

Erschienen am 2. August 2010 in den Kieler Nachrichten

Hannibals Erben deutscher Fußball-Meister der Wohnungslosen

Kieler siegten auf der Reeperbahn

Von Volker Stahl und Folke Havekostjubel um kiels johannes wendt

Kiel/Hamburg - Sie haben es wieder geschafft:
Durch ein 7:3 gegen Kalandhof Celle sicherten sich
Hannibals Erben aus Kiel nach 2006 und 2009 zum
dritten Mal die deutsche Fußball-Meisterschaft der
Wohnungslosen.
„Das ist der Lohn einer intensiven Vorbereitung, in der wir
dreimal die Woche trainiert haben“, freute sich Trainer Olaf
Hansen. „Es wird von Mal zu Mal schwerer, da die
Leistungsdichte immer mehr gestiegen ist“, resümierte der
Diplompädagoge vom Drogenhilfeverein Odyssee, „aber es
ist uns gelungen, über Einsatz ins Spiel zu kommen“. Einen weiteren Grund zur Freude hatte
Johannes Wendt: Der Kieler wurde von Bundestrainer Stefan Huhn für den Homeless World Cup
berufen, der im November in Rio de Janeiro stattfindet.
Für die fünfte deutsche Meisterschaft hatten die Organisatoren von Anstoß!, der Bundesvereinigung
für Soziale Integration durch Sport, einen symbolischen Ort gewählt: Die 17 Viererteams kickten auf
einen 22 mal 16 Meter großen Court auf dem Spielbudenplatz, gelegen inmitten der Reeperbahn. Die
Mehrzahl der Spieler musste innerhalb des vergangenen Jahres wohnungslos gewesen sein,
Straßenzeitungen verkaufen, einen Drogenentzug absolvieren oder um Asyl suchen. Ihren
persönlichen Tiefpunkt haben die meisten Spieler schon hinter sich - sonst könnten sie kaum an zwei
Tagen in sechs Spielen um Meisterehren antreten.
In den 14-Minuten-Spielen waren Hannibals Erben kaum zu stoppen: Durch ein 4:3 gegen die
Jugendwerksiedlung Hannover erreichten die Kieler das Endspiel. „Der sportliche Erfolg ist nur die
Kür“, betonte Trainer Hansen gleichwohl: „Wichtig ist die mannschaftliche Geschlossenheit. Viele
Spieler sind Individualisten, die sich in ihrer Szene allein durchbeißen mussten und in der Gruppe
Integration lernen.“ Einer von ihnen ist der 37-jährige Javier, der elf Jahre drogenabhängig war und
zur Therapienachsorge nach Kiel kam. „Ich habe mich Jahr für Jahr verbessert“, bilanziert die
Nummer fünf, „und jetzt das“: Er deutet auf seinen rechten Arm, auf dem die Kapitänsbinde prangt.
Inzwischen ist Javier nicht nur deutscher Meister, sondern arbeitet als Altenpfleger und hat
geheiratet. Im Endspiel gegen Celle steht er an der richtigen Stelle und staubt zum 2:0 ab. Als
Johannes Wendt 90 Sekunden vor Schluss das 5:3 erzielt, gibt es kein Halten mehr. Der Titel ist
gesichert, und kurz zuvor hat Wendt auch noch erfahren, dass er im September an die Copacabana
fliegt.
„Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet“, sagt der 25-Jährige. Für den Stürmer war das Turnier
auf der Reeperbahn ein Heimspiel auf Umwegen: Wendt ist in Hamburg aufgewachsen, hat der
Hansestadt aber wegen der Drogen den Rücken gekehrt. „Nach meiner Therapie bin ich zu meiner
damaligen Freundin nach Kiel gezogen“, erzählt der neue Nationalspieler: „Es war dann nicht so,
dass ich in Kiel gesagt habe: Wow, Sport - das ist es! Man muss versuchen, die Löcher zu stopfen,
die die Drogen gerissen haben.“ Den Spitznamen Jojo, den einige Mitspieler rufen, mag er nicht
mehr - er steht für die Zeit, die er hinter sich gelassen hat. Lieber hört er auf Tam Damage: Unter
diesem Namen arbeitet Wendt an einem Hip-Hop-Album.
„Ich hoffe, dass die Spieler für ihren Lebensweg, der bisher nicht so gut gelaufen ist, einiges
mitnehmen“, wünscht sich Coach Hansen, der selbst für Holstein Kiel und den Wiker SV gespielt hat.
Ende August präsentiert sich der Meister dem Kieler Publikum. Dann treten Hannibals Erben gegen
die FT Eiche an.