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„Totgesagte leben länger“ Die SPD-Basis im Arbeiterbezirk Altona setzt auf alt bewährte sozialdemokratische Tugenden

Erschienen am 18.10.08 in "Neues Deutschland"

„Totgesagte leben länger“

Die SPD-Basis im Arbeiterbezirk Altona setzt auf alt bewährte sozialdemokratische Tugenden

Von Susann Witt-Stahl

Das Glücksrad am Stand der SPD auf dem Flottbeker Flohmarkt im Bezirk Hamburg-Altona steht gar nicht mehr still. „Ich will auch!“, ist immer wieder aus der Schar sichtlich vergnügter Youngster zu hören, die sich mehr oder weniger artig anstellen, um einen der Hauptgewinne zu ergattern: Eine rote Brotdose mit SPD-Logo, aber ohne Inhalt – in Zeiten stetig ansteigender Kinderarmut ein symbolträchtiger Preis. Die erwachsenen Besucher zu so engagiertem Mitmachen zu bewegen, erweist sich für die Genossen vom derzeit seinen 100. Geburtstag feiernden Ortsverein Flottkek-Othmarschen als erheblich schwieriger. Der Slogan „Nicht weinen – wählen!“ auf den Taschentuch-Päckchen, die die Partei kredenzt, zündet nicht so recht in dieser bleiernen Zeit.

So werden die Stehtische, an denen Bezirks- und Bürgerschaftsabgeordnete aus Altona zum offenen Dialog bereitstehen, an diesem trüben Herbstnachmittag von den meisten Besuchern weiträumig umgangen. Daran ändert auch der Auftritt von Bundesarbeitsminister Olaf Scholz, politisches Eigengewächs und Stolz der Altonaer Sozialdemokraten, nicht viel. Für ein Gruppenfoto mit seinen Genossen steht er nicht zur Verfügung – zumindest nicht für ND. Und schon ist er wieder weg.

„Die Leute haben zurzeit nicht viele Fragen an uns – zumindest keine verärgerten“, erklärt Kristina Böhlke, bis vor kurzem noch Ortsvereinsvorsitzende, den ausbleibenden Andrang.
„Die SPD in Hamburg muss sich nicht rechtfertigen, denn sie macht ja gute Arbeit“, lobt Böhlke sich und ihre Genossen. „Außerdem liefern Grüne und CDU schon mehr als genug Steilvorlagen für Kritik“, ergänzt die Bürgerschaftsabgeordnete Anne Krischok. „Allein das Genehmigungsverfahren für das Kohlekraftwerk Moorburg...“ – „Also, wenn ich Grün-Wählerin wäre, wirft Böhlke ein, „dann würde ich mich über den Tisch gezogen fühlen.“ Und dann nimmt sich die Diplom-Biologin genüsslich Ole von Beusts Truppe vor: „Bei der CDU ist Feuer untern Dach, weil sie die Primarschule einführt, was in keinem Wahlprogramm stand und nie diskutiert wurde.“

Aber da gibt es schon auch die eine oder andere kleine Unstimmigkeit in der SPD – beispielsweise über die Agenda 2010? „Um Hartz IV ranken sich zentrale gesellschaftliche Fragestellungen“, sagt der ehemalige Vorsitzende der SPD Altona Hans-Christoff Dees, der sich zu der Gesprächsrunde gesellt hat. „Leider wird in Deutschland gern über Scheinwelten diskutiert statt über die realen Probleme.“ Der Fachsprecher für Arbeitsmarktpolitik fühlt sich unverstanden: „Von rechts wurde eine irrationale Debatte über den Missbrauch von Leistungen losgetreten. Die Linken behaupten hingegen fälschlicherweise, wir hätten die Menschen in die Zwangsarbeit getrieben.“ In Wahrheit habe Hartz IV durchaus Erfolge gezeitigt, wie die Absenkung der Langzeitarbeitslosen-Zahlen. „Wenn es der SPD nicht gelingt, die Menschen für unseren Reformkurs zu gewinnen, dann kann das Pendel umschlagen“, lautet Dees’ Warnung, die keinen Platz für Visionen einer freien Gesellschaft jenseits des Kapitalismus lässt. „Das humane Konzept der Grundsicherung für alle würde durch ein Gegenmodell nach dem Vorbild der USA ersetzt, das die Leute einfach abstürzen lässt.“ Hartz IV oder Untergang – sehen die Bürger das auch so? Die Partei-Linke Krischok beobachtet nach dem Abgang von Kurt Beck: „Viele haben auch Angst, dass die Hartz-IV-Architekten Müntefering und Steinmeier jetzt für eine Rolle rückwärts der SPD sorgen.“

Vor dem Hintergrund des bundesweiten dramatischen Absturzes der Sozialdemokraten in der Wählergunst und einer entsprechenden Mitgliederentwicklung (von 1998 bis 2008 haben sie knapp ein Drittel ihrer Mitglieder eingebüßt): Die SPD in der traditionellen Arbeiterhochburg Altona, die bis 1938 eine von Hamburg unabhängige Gemeinde war und wegen des großen Einflusses der Kommunisten im Volksmund „Klein-Moskau“ genannt wurde, steht vergleichsweise gut da. In den vergangenen zehn Jahren verlor sie nur rund 20 Prozent ihrer Mitglieder. Auch die Wahlergebnisse waren respektabel: Bei den Bezirkswahlen Ende Februar konnte die SPD nach einem Einbruch 2004 wieder 2,3 Prozent zulegen, blieb aber mit 29,8 Prozent in der Opposition zur schwarz-grünen Koalition, die seit 2004 regiert.
Feuerrote Partei-Fahnen und ein Banner mit der Aufschrift „Mit uns zieht die neue Zeit“ – im SPD-Kreisbüro an der Max-Brauer-Allee in der Altonaer Altstadt werden die stummen Zeugen aus glanzvollen Tagen liebevoll gehütet: „Wenn man weiß, woher man kommt, weiß man, wohin man will“, so SPD-Sprecher Bülent Ciftlik über die Bedeutung der Traditionspflege für seine Partei. „Das hat die SPD – allen Widrigkeiten zum Trotz – immer wieder bewiesen. Und mit dieser Geschichte im Rücken, kann ich mit den Menschen glaubwürdig über Zukunftsfragen diskutieren.“
„Wir haben unsere Geschichte nicht vergessen“, sagt der Distriktchef von Altona-Altstadt Mark Classen andächtig. Nach der Versammlung des Ortsvereins hockt er gern noch mit seinen Genossen zum gemütlichen Klönschnack beim Griechen um die Ecke zusammen – mit frisch gezapftem Pils und dem einen oder anderen Köm.
Hier sind die Sozis noch stolz auf ihre Arbeiter-Biographie – falls vorhanden: „Ich gehöre zu den wenigen in der Partei, die körperlich gearbeitet haben“, frotzelt der ehemalige Hafenarbeiter Arno Münster, der heute Betriebsratsvorsitzender der Hamburger Hafen und Logistik und Bürgerschaftsabgeordneter ist. „Die anderen sind ja Lehrer“, meint Münster und zeigt auf den stellvertretenden Distriktvorsitzenden Dirk Schöler (40), der nach eigenen Angaben lediglich der „Quotenlehrer“ ist.

Aber die Altonaer Genossen haben sich trotz schmerzhafter Schelte und Häme von Medien und politischen Gegnern über den Taumelkurs der SPD nicht nur ihren Humor bewahrt. Es kommen auch längst verloren geglaubte sozialdemokratische Tugenden zum Vorschein: Die Männerrunde macht ihrem Unmut über die große Kluft zwischen Arm und Reich Luft: „Die Leute, die in den Call-Centern arbeiten müssen, sind das neue Proletariat“, meint Mark Classen, der Groß- und Außenhandelskaufmann gelernt hat und auf dem zweiten Bildungsweg Soziologie studiert. Der Verfechter der Agenda 2010 („die einzige Chance, ein solidarisches Sozialsystem zu erhalten“) macht aber sogleich deutlich, dass seiner Ansicht nach Klassenkampf nicht die Konsequenz sein kann: „Der Kapitalismus hat sich verändert. Die Menschen werden nicht mehr von der Bourgeoisie beherrscht, sondern vom Geld, das zu einer Klasse an sich geworden ist.“ Fernfahrer a.D. Rolf Ringleb (68) mit Spitznamen „Mecki“ ist sich sicher: „An der Ideologie der Dumpinglöhne kann man erkennen, dass die Klassengesellschaft wieder im Kommen ist.“

Was für Töne – hat LINKE tatsächlich bewirkt, dass die SPD wieder sozialdemokratischer wird, wie Gregor Gysi behauptet? „Die Linkspartei hat uns in die Mitte gedrängt, bis wir uns gefallen lassen mussten, dass Gerhard Schröder als ‚Genosse der Bosse’ tituliert wurde“, meint Arno Münster. „Aber Gysi hat Recht: Wir müssen unser Profil schärfen.“ Auch wenn Mark Classen der Linkspartei Rückständigkeit attestiert – „während die LINKEN noch Marx lesen, sind wir schon bei Althusser“ (der französische Philosoph hatte die Möglichkeit einer revolutionären Praxis verworfen) – erste zarte Banden gibt es ja bereits zwischen SPD und LINKEN. Warum nicht: Die Linkspartei sei ein „bunter Haufen“ mit „kompetenten Leuten wie Dora Heyenn“, finden die Genossen. „Wir haben schließlich eine linke Mehrheit in Deutschland“, erinnert Dirk Schöler.

Aber solange Oskar Lafontaine an der Spitze der LINKEN steht, da sind sich die Genossen einig, gibt es im Bund keinen gemeinsamen Weg: „Ums Verrecken nicht“, zeigt sich Mark Classen unversöhnlich. „Der hat seine eigene Partei in die Pfanne gehaun – was wäre Lafontaine ohne die SPD!“

Ein weiteres Hindernis: „Ich habe nicht für die Wiedervereinigung gekämpft, um einen Kommunismus ohne Mauer salonfähig zu machen“, stellt Arno Münster energisch klar. Mit den Linksaußen der LINKEN will man hier auch nichts zu tun haben. Ausnahme: Sarah Wagenknecht. „Sie macht einen guten Eindruck und argumentiert sachlich“, findet Hermann Mahnkopf (65) – mit 30 Jahren Mitgliedschaft dienstältester Sozi in der Runde. „Und sie hat eine tolle Ausstrahlung“, schwärmt Otto Schunke.

Und in noch einem Punkt folgt der 71-jährige Rosa-Luxemburg-Verehrer der Stimme seines Herzens – und einem Prinzip, das vielen Sozialdemokraten während der Bonner Republik heilig war: „Krieg war noch nie eine Lösung“, findet Schunke. „Ich bin für einen hundertprozentigen Rückzug der Bundeswehr aus Afghanistan.“ Mit dieser Meinung steht der Pazifist in der SPD mittlerweile auf verlorenem Posten: „Der Aufbau geht nicht ohne Gewalt“, ist sich Mark Classen sicher. „Die Rückzugsforderung der LINKEN ist nichts als mieser Populismus.“ „Wäre ich 20 Jahre jünger, würde ich selbst hingehen“, sagt Hermann Mahnkopf entschlossen. „Die brauchen uns doch.“ Allerdings müssten endlich mal die demokratischen Kräfte im Land gestärkt werden, findet Distriktvorstandsmitglied Mohammad Moghadam. Der Perser besitzt zwei Zeitschriftenläden in Altona und unterstützt seine Partei hier und da mit einer kleinen Spende. „Das ist schon etwas Besonderes“, erklärt Classen, warum Moghadam von seinen Genossen – mit einem zugekniffenen Auge – als „der Mäzen“ tituliert wird. „Hier wohnen nun mal nicht die Reichen.“

Für die Bundestagswahl ist die SPD – da gibt es keine zwei Meinungen unter den Sozialdemokraten in Altona – mit Müntefering und Steinmeier „hervorragend aufgestellt“. Kurt Beck vermisst hier niemand: „Der hat uns kurz vor der Bürgerschaftswahl durch seine aufgedeckten Geheimabsprachen mit der Ypsilanti den Kopfstoß gegeben“, ärgert sich Hermann Mahnkopf immer noch ein wenig über den schweren Patzer des zuweilen etwas tapsigen Ex-SPD-Chef.

Aber die Genossen wollen die ollen Kamellen hinter sich lassen: Wahlen, davon sind sie überzeugt, werden nicht von Becks oder Münteferings gewonnen, sondern von der Basis. Und die wappnet sich nun für die Aufholjagd nach verlorenen Prozenten. „Totgesagte leben länger“, sagt Arno Münster trotzig.

Und mit welchen Offerten will die SPD das Vertrauen und die Gunst der Wähler zurückerobern? „Mit der Bürgerversicherung und den Atomausstieg“, preist Mark Classen die Stärken seiner Partei. Außerdem werde sie gute Konzepte zur Regulierung der Finanzmärkte vorlegen und nach einem ihrer großen Vorbilder für Chancengleichheit in der Bildung kämpfen, so Classen: „Unser Wahlkampf wird ein Willy Brandt Reloaded.“

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