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Moshe Zuckermann zur Gewalteskalation und dem israelischen Wahlkampf

Erschienen am 29.12.2008 in "Neues Deutschland"

"Eine übersteigerte Reaktion"

Moshe Zuckermann zur Gewalteskalation und dem israelischen Wahlkampf

Der Historiker lehrt am Cohn Institute for the History and Philosophy of Science and Ideas der Universität Tel Aviv, wo er bis 2005 das Institut für Deutsche Geschichte geleitet hat.


ND: Die IDF operieren mit drakonischer Härte und schließen auch eine Bodenoffensive nicht aus. Ist Israel im Krieg – was ist das Ziel?

MOSHE ZUCKERMANN: Ja, das muss man wohl so sehen. Es wird ja heftig geschossen, massenhaft getötet, und ein baldiges Ende ist für die Zivilbevölkerung beider Seiten nicht abzusehen. Offiziell geht es um die Wiederherstellung der Ruhe in Israels Südregion. Aber die übersteigerte Reaktion lässt darauf schließen, dass man auch das Fiasko des zweiten Libanonkrieges zu kompensieren trachtet. Was damals nicht gelang, soll diesmal umso mehr gelingen – und zwar ums schiere Gelingen willen. Man weiß, dass die Hamas militärisch nicht mit der Hisbollah vergleichbar ist, und will die Gelegenheit nutzen, einen deutlich schwächeren Feind mit aller Vehemenz niederzuwalzen.

Verteidigungsminister Ehud Barak kündigte an, „die Spielregeln grundlegend zu ändern“ und keine Waffenruhe mehr mit der Hamas zu vereinbaren – bloß Wahlkampfgetöse oder der entscheidende Schritt zur totalen Eskalation?

Das eine schließt das andere nicht aus. Die Eskalation hat nicht zuletzt mit dem Wahlkampf zu tun: Zipi Livni will sich als sicherheitsorientierte Politikerin profilieren. Barak will für seine untergehende Arbeitspartei und sich selbst politisches Kapital herausschlagen. Und Netanyahu bedauert einzig, den Schlag nicht selbst getan haben zu dürfen. Beängstigend wieder der allgemeine, auch mediale Konsens, wobei man freilich vorsichtiger geworden ist; man posaunt nicht wieder so herum wie zu Beginn des zweiten Libanonkrieges.

Beginnt jetzt die dritte Intifada?

Das kommt vor allem darauf an, wie lang die gegenwärtigen Kampfhandlungen andauern und welche Auswirkungen sie auf das Westjordanland haben werden. Zu beobachten wäre auch, welcher Druck aus den benachbarten Ländern Ägypten und Jordanien kommen wird. Geredet wird aber jetzt schon von der Möglichkeit einer weiteren Intifada.

Hierzulande sind laute „Bravo!“-Rufe und andere Kriegseuphorie aus dem „israelsolidarischen“ Lager zu vernehmen. Was empfinden Sie als Israeli angesichts dieses deutschen Freudentanzes auf den Gräbern der Palästinenser?

Den Ekel, den ich schon immer empfunden habe, wenn sich der furor teutonicus aus der Ferne am Opferleid von anderen ergötzt hat. Mit Israelsolidarität hat das gar nichts zu tun. Unter gewandelten historischen Umständen werden sich diese Tanzfreudigen am Untergang von Juden genauso delektieren. Sie verkörpern all das, was man sich klischierterweise als Deutsche vorstellt – sie sind eben die deutschesten aller Deutschen.

Fragen: Susann Witt-Stahl