stahlpress

Medienbüro Hamburg

„Ich bin hier, um über ein Massaker zu sprechen“

Erschienen am 16.01.09 im "Wiesbadener Kurier"

„Ich bin hier, um über ein Massaker zu sprechen“

Wie der ehemalige israelische Hubschrauberpilot Yonatan Shapira für den Frieden im Gaza-Streifen kämpft

Von Susann Witt-Stahl

ShapiraTEL AVIV. Jeden Morgen das gleiche Ritual: Der Blackhawk-Flieger a.D. Yonatan Shapira zieht mit einer Gruppe von 15 bis 20 israelischen Kriegsgegnern zum Militärflughafen Sde Dov im Norden der Stadt. An der Zufahrtsstraße zu dem streng bewachten Armeegelände bilden die Friedensaktivisten ein Spalier. Sie halten Schilder hoch mit Aufschriften wie „Stoppt die Kriegsverbrechen!“ und „Ob in Sderot oder in Gaza: Die Kinder wollen leben.“

Keiner der Passanten - viele von ihnen Soldaten auf dem Weg zum Dienst - zeigt Verständnis für die Proteste. Im Gegenteil: Die Kriegsgegner müssen sich wüste Beschimpfungen anhören: „Ihr seid Müll“, brüllt ein Angehöriger der israelischen Streitkräfte aus seinem Wagen heraus. „Ab mit euch in den Gaza-Streifen!“ Vor allem die Friedensaktivistinnen werden hart attackiert: „Araber-Hure“ ist längst nicht die übelste Beleidigung, die sich die Frauen anhören müssen.
Ein Stein fliegt in die Richtung Yonatan Shapiras und der anderen Friedensaktivisten. Aus der benachbarten Feuerwache werden Wasserschläuche auf die Gruppe gerichtet. Von dem Hochdruck-Strahl werden nicht nur die Demonstranten bis auf die Haut durchnässt - es trifft auch einige Polizisten, die bisher dem Treiben mit verschränkten Armen zugeschaut haben. Tag für Tag dasselbe Szenario: Die Beamten unternehmen nie etwas, um die friedlichen Proteste zu schützen.

Warum lässt ein ehemaliger Angehöriger der Elite der israelischen Streitkräfte, die in Israel als Helden verehrt wird, all diese Demütigungen über sich ergehen? „Aus Scham, aus Wut“, sagt Shapira mit ruhiger Stimme. „Ich betrachte es als meine Pflicht, auf das Leiden der Menschen in Gaza aufmerksam zu machen.“ Viele der Luftwaffen-Angehörigen, die hier vorbeifahren, so Shapira, werden in den nächsten Tagen Zivilisten bombardieren. „Ich möchte den Soldaten die Resultate ihres Handelns vor Augen führen und sie daran erinnern, dass es einen Ausweg gibt: Sie können verweigern“, erklärt der 36-Jährige, der ein Schild mit Fotos von palästinensischen Kriegsopfern und der Aufschrift „Zirkel der Gewalt - Du bist ein Teil davon“ in Händen hält.

Shapira weiß, wovon er redet: In der Luftwaffe flog er Einsätze über der Westbank, dem Gaza-Streifen und Südlibanon; die meisten davon Verwundeten- und Truppentransporte, aber auch Kampfeinsätze. Vor allem die hohe Anzahl an zivilen Opfern stürzten den Soldaten mehr und mehr in Gewissensnot. 2003 initiierte er eine Deklaration, in der er und weitere 26 israelische Luftwaffen-Piloten Kampfeinsätze in den besetzten Gebieten verweigerten.

Als Shapira 2003 die Armee nach acht Jahren Dienst - drei davon in der Reserve - verließ, war sein Leben fortan von Schikanen und sozialer Ausgrenzung bestimmt. Er flog für die zivile Fluggesellschaft Aeropower. Aber sein Chef ließ es sich nicht nehmen, den „Verräter“ zu feuern, als er von Shapiras Engagement erfuhr. „Allerdings nicht, bevor ich ihn zum Piloten ausgebildet hatte“, berichtet Shapira lächelnd.

Aber das alles hat er längst hinter sich gelassen. Heute lebt er in den USA und arbeitet wieder als Helikopterpilot. Eine neue Heimat habe er dort aber nicht gefunden, betont Shapira. Und was ist mit seiner alten? „Solange Israel mehr als eine Million Menschen in einen Käfig sperrt, ist es keine echte Demokratie“, findet er. „Ich bin hier, um über ein Massaker zu sprechen.“