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Der Mordprozess Morsal O. endete mit dem Urteil „lebenslänglich“ und Tumulten

Erschienen am 14.02.09 in den "Kieler Nachrichten"

„Er tötete aus reiner Intoleranz“

Der Mordprozess Morsal O. endete mit dem Urteil „lebenslänglich“ und Tumulten

Von Susann Witt-Stahl

Die Große Strafkammer 21 des Schwurgerichts Hamburg hat entschieden: Ahmad-Sobair Obeidi, der seiner 16-jährigen Schwester Morsal 23 Mal ein Messer in den Körper gerammt hat, ist kein Totschläger im Affekt, wie es seine Verteidiger sehen – laut Gericht ist er ein eiskalter Vollstrecker eines archaischen Ehrenkodexes.

Der Prozess gegen den 24-jährigen Deutsch-Afghanen, der am 16. Dezember eröffnet worden war, kam gestern zu einem dramatischen Abschluss. Der Angeklagte, der offenbar auf das harte Urteil „lebenslange Haft“ nicht vorbereitet war, brüllte in Richtung des Staatsanwaltes Boris Bochnik: „Du bist eine Fotze! Du Hurensohn, ich fick Deine Mutter!“ Der junge Mann rastete völlig aus, ruderte mit den Armen und schleuderte die Akten seiner Verteidiger durch den Saal. Bis er schließlich von drei Justizbeamten überwältigt und abgeführt werden konnte.

Zu Beginn der Urteilsverkündung hatte Obeidi seine Aggressionen noch im Griff:
Als er die Worte des Kammer-Vorsitzenden „wegen Mordes verurteilt“ vernahm, sprang er zwar auf, drehte sich um und drückte seine Stirn an die Wand, setzte sich dann aber wieder. Während der 60-minütigen Urteilsbegründung suchte er Blickkontakt zu den Angehörigen seiner Familie. Lauthals kommentierte er die Ausführungen des Gerichts über falsch verstandene Ehrbegriffe („Bitte erklären Sie mir: Was ist Ehre?“) oder die Sittengesetze in Afghanistan („Dort wäre ich schon längst wieder draußen.“). Ansonsten blieb er aber ruhig.

Die Strafkammer sei „von einer geplanten, heimtückischen und niederträchtigen Tat ausgegangen, die mit einem Blutbad geendet hat“, begründete der Vorsitzende Wolfgang Backen das Urteil. „Er tötete aus reiner Intoleranz“, so der Richter. „Morsals Unglück war, dass sie eine Frau war.“ Auch die Familie, die sich nicht integrieren wolle, sondern lieber in einer „afghanischen Kolonie“ nach „den Normen ihres Heimatlandes“ lebe, habe eine „hohe moralische Mitschuld“ auf sich geladen.

„Wir werden in jedem Fall in die Revision gehen“, kündigte Verteidiger Hartmut Jacobi an. „Das Urteil ist fehlerhaft“, ergänzte sein Kollege Thomas Bliwier. Das Gericht habe sich in Spekulationen ergangen und sei ohne vernünftigem Grund erheblich von dem „fachlich integeren Gutachten“ der Psychiaterin abgewichen, die Obeidi eine schwere Persönlichkeitsstörung und verminderte Schuldfähigkeit bescheinigt hatte. Das sei aber „durchaus zulässig und üblich“, entgegnete der Sprecher der Staatsanwaltschaft Wilhelm Möllers.

Bei Obeidis Angehörigen löste die Entscheidung heftige Reaktionen aus – es kam zeitweise zu Tumulten im Gerichtssaal. Familienmitglieder weinten und schrieen: „Kennt Ihr keine Gerechtigkeit!?“, schluchzte Ahmads Mutter. „Habt Ihr denn keine Kinder!?“, rief der Vater. Sein jüngster Sohn musste aus dem Saal geführt werden, nachdem er die Beherrschung verloren und mit den Fäusten gegen die gläserne Trennwand des Zuschauerraumes getrommelt hatte.

Unter die Klagerufe der Familie mischten sich laute Jubelrufe aus dem Publikum – einige Besucher streckten triumphierend ihre Fäuste in die Luft. „Das Urteil ist noch viel zu milde“, machte Rentner Hans H. (70) aus seinem Herzen keine Mördergrube. „In einem anderen Land würde so einer aufgehängt werden, aber die Deutschen haben ja einen Wiedergutmachungskomplex.“

Heidemarie Grobe, Sprecherin der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes, beobachtete die „Ausbrüche“ ihrer Landsleute mit Missfallen. So sehr, wie sie vor Vorurteilen warnt – „nicht alle Migranten sind wie die Obeidis“ –, begrüßt sie das Urteil als „zukunftsweisend“. Grobe: „Ich hoffe, mehr junge Frauen fassen nun den Mut, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.“