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Der Nahostkonflikt reicht bis Trondheim

Erschienen am 24.11. in "Neues Deutschland"

Der Nahostkonflikt reicht bis Trondheim

Die israelische Regierung mischt sich in Norwegens Wissenschaftsbetrieb ein

Von Susann Witt-Stahl

Avigdor Liebermans Außenministerium versucht mit allerlei Unterstellungen, eine Vorlesungsreihe über den Nahostkonflikt an der Universität Trondheim zu verhindern. Norwegische und israelische Gelehrte wehren sich gegen diesen Angriff auf die Freiheit der Wissenschaft.

Ein Sturm politischer Entrüstung weht vom Mittelmeer in den hohen Norden.
Der stellvertretende Gesandte der israelischen Botschaft in Oslo, Aviad Ivri, protestierte laut der Tageszeitung Haaretz schon vor Monaten beim Dekan der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität Norwegens (NTNU) gegen das „voreingenommene und einseitige Seminar". Israels ultrarechter Außenminister Avigdor Lieberman soll sogar von einer „feindlichen Haltung" Norwegens gegenüber seinem Land gesprochen haben.

Der Hauptgrund für die große Erregung ist offenbar, dass in der sechsteiligen Vortragsreihe, Wissenschaftler zu Wort kommen, die wiederholt die israelische Besatzungs- und Siedlungspolitik kritisiert hatten: „Ein All-Star-Team von Israel-Hassern", zitiert Haaretz einen Diplomaten aus Liebermans Stab. Mit den „Israel-Hassern" ist beispielsweise der US-amerikanische Harvard-Professor Stephen Walt gemeint, der eine Forschungsarbeit über den Einfluss der „israelischen Lobby" auf die Außenpolitik der Vereinigten Staaten veröffentlicht hat und laut Haaretz von „prominenten Gelehrten" (Namen kann die Tageszeitung keine nennen) als „antisemitisch" bezeichnet werde.

Ein Dorn im Auge sind Liebermans Ministerium – dessen wütenden Proteste mittlerweile mit weltweiter Unterstützung durch christliche und andere rechtskonservative Zionisten zu einer internationalen Kampagne gegen jüdische Linke ausgeweitet wurde – vor allem die israelischen Teilnehmer an der Vorlesungsreihe, die Historiker Ilan Pappé und Moshe Zuckermann.

Pappé, der inzwischen an der Universität Exeter in England lehrt, wurde nach der Veröffentlichung seiner Studie über die „ethnische Säuberung Palästinas" von Israels Rechten als „Verräter" geächtet und aus dem Land gemobbt.

Als Argument für Zuckermanns angebliche Israel-Feindschaft führt die Haaretz ein Interview an, das er Deutschlandradio während des Gaza-Krieges gegeben hatte. Darin hatte der „Zweierlei Holocaust"-Autor versehentlich vom „400.000" statt von 400 Kriegstoten auf palästinensischer Seite gesprochen. Was Haaretz verschweigt: Zuckermann hatte seine Aussage unmittelbar nach der Sendung in einer öffentlichen Erklärung korrigiert und sich für seinen Versprecher entschuldigt.

Zusatznahrung für den Zorn rechter Zionisten: Unabhängig von der Vorlesungsreihe über den Nahostkonflikt wird an NTNU ein akademischer Boykott Israels diskutiert. Da unter den Befürwortern auch Mitglieder des Programm-Komitees der Veranstaltung sind, unterstellen die Kritiker, die Norweger wollten mit der Vorlesungsreihe für den Boykott werben. Seit Wochen werden die Verantwortlichen der NTNU mit hasserfüllten Briefen und SMS bombardiert. Im Leser-Forum der Haaretz wird sogar die „Deportation" Zuckermanns auf den Gaza-Streifen gefordert.

Mitveranstalterin Ann Rudinow Saetnan zeigt sich verwundert über den „Lärm", den die israelische Regierung und ihre aufgebrachten Anhänger machen: Die Behauptung eines Zusammenhangs zwischen der Vorlesungsreihe und einem Aufruf zum akademischen Boykott Israels sei „offenkundig so lächerlich wie die Gleichsetzung von Judentum, Zionismus und israelischer Politik", kontert die Soziologin und macht darauf aufmerksam, dass die drei Wissenschaftler, die bisher referiert haben, sich „explizit gegen einen Boykott" ausgesprochen haben.

„Das Ergebnis wäre ein Boykott linker Veranstaltungen durch linke Akademiker im Ausland, die sich mit ihren israelischen Kollegen solidarisieren," begründet Moshe Zuckermann, der seinen Vortrag über die „Funktionalisierung des Antisemitismus im heutigen israelischen Selbstverständnis" bereits gehalten hat, seine Ablehnung. Eine Auffassung, der sich die Mehrheit des NTNU-Vorstands in der vergangenen Woche angeschlossen hat: Sie votierte dagegen, die institutionelle Zusammenarbeit mit israelischen Universitäten vorerst auf Eis zu legen.

Den Vorwurf des „Israel-Hasses" weisen die norwegischen Wissenschaftler entschieden zurück: „Solche falschen und aggressiven Behauptungen können eigentlich nur als Versuch verstanden werden, jede Kritik am israelischen Staat und an seiner Politik im Keim zu ersticken", erklärte Rune Skarstein, Wirtschaftswissenschaftler und Mitorganisator der Ringvorlesung, gegenüber ND. „Es ist einmalig, dass ein fremder Staat sich in solcher Weise in den Wissenschaftsbetrieb der NTNU einmischt."

Deutliche Worte für die Grenzüberschreitung findet auch Moshe Zuckermann: „Mit welchem Recht interveniert der israelische Botschafter in die akademischen Aktivitäten seiner Landsleute", rügt der Historiker das undiplomatische Vorgehen des israelischen Diplomaten. „Sein Beruf ist es, sich mit nichts anderem zu beschäftigen, als mit der Reinwaschung jeder – noch so schäbigen – Handlung seines Staates. Er ist eben ein ideologischer Apologet." Zuckermann weiter: „Bedenkt man, welchen Außenminister er gegenwärtig bedient, muss jeder anständige Mensch von vornherein Aussagen aus seinem Munde disqualifizieren."