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Hoffnung führt in die Hölle - linke Utopien sind Vergangenheit

Erschienen in "Hintergrund" 1/2011

Hoffnung führt in die Hölle

Linke Utopien sind Vergangenheit – heute konzentrieren sich Intellektuelle auf die Widerspiegelung der verkehrten Welt

Von Susann Witt-Stahl

Die kritische Intelligenz ist weitgehend verstummt. Die sozialdarwinistische Praxis des Neoliberalismus stürzt Abermillionen von Menschen immer tiefer ins Elend. Das Zerstörungswerk der mit dem „War on Terror“ in Bewegung gesetzten neoimperialistischen Militärgewaltmaschinerie ist unermesslich. Aber der „Aufschrei der Utopie“, der sich, wie es vor einigen Jahren der israelische Historiker Moshe Zuckermann auf einem Kongress über „Die Möglichkeiten einer anderen Welt“ forderte, als radikale Gesellschaftskritik der Intellektuellen zu artikulieren habe – er kommt nicht. Weder gegen Sparpakete, Lohndumping und den Überwachungsstaat noch gegen die Menschenjagden von Frontex im Mittelmeer und die Killerkommandos der Bundeswehr in Afghanistan.Die 2009 von dem Schauspieler Rolf Becker in der Zeitschrift Ossietzky veröffentlichte Forderung, Bert Brechts Diktum „Wir müssen sagen, dass gefoltert wird, weil die Eigentumsverhältnisse bleiben sollen“, habe auch für Guantánamo und Abu Ghraib zu gelten, verhallte – wie viele andere zuvor. Nicht einmal die Häftlinge in den Foltergefängnissen der westlichen Welt dürfen auf die von Adorno angemahnte Solidarität der Intellektuellen „mit den quälbaren Körpern“ hoffen. Linke Theoriearbeiter, die einst seine Minima Moralia eingeatmet hatten, beschränken heute ihre politische Moral auf ein Minimum. „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, hieß es damals über den Kapitalismus – mittlerweile halten viele Intellektuelle das falsche für richtig und das noch nie dagewesene richtige für richtig falsch. Einige wollen lieber den „bürgerlich-kapitalistischen Staat“ gegen die „Avantgarde der Barbarei“ verteidigen. Sie haben beschlossen, dass Kommunismus eigentlich „Käsetorte“, Faschismus links, Marx und Adorno Liberale und die von Historikern als „Intellektuellenbewegung“ charakterisierten Achtundsechziger „Mist“ waren.

Fortschrittliche Utopien entspringen nicht der rauschhaft-schwärmerischen Luftschloss-Architektur der menschlichen Fantasie, wollte der marxistische Philosoph Ernst Bloch sein Werk Das Prinzip Hoffnung richtig verstanden wissen. Kritisches Denken, das die herrschenden Verhältnisse wahrhaft überschreite, erkenne das Neue als im Vorhandenen vermittelt – gebäre „konkrete Utopien“.

In diesem Sinne siedelte Herbert Marcuse, einer der führenden Vertreter der Kritischen Theorie, den freien Menschen nicht im Nirgendheim an, sondern im Now-Here-Land. Der Entwicklungsstand der materiellen und intellektuellen Kräfte wäre derart hoch, so Marcuses Begründung, dass die Abschaffung von Hunger und Not, Unterdrückung und Gewalt hier und jetzt im Reich der Notwendigkeit ganz real möglich und die Pforten zum Reich der Freiheit offen wären. Daher proklamierte Marcuse 1967 das „Ende der Utopie“.

Mehr als vierzig Jahre später ist das „Ende der Utopie“ nicht in Sicht, aber die Utopie am Ende: Seit dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus weigern sich immer mehr Intellektuelle, auch nur über die Möglichkeit einer anderen Welt nachzudenken: „Bitte, nie wieder eine Utopie!“, flehte der Regisseur Volker Schlöndorff vor zwei Jahren in der FAZ und gestand reuig: „Ich war ein hundertprozentiger Kommunist.“ Dass er heute ganz bestimmt keiner mehr ist, daran lässt er keinen Zweifel: „Zu erleben, dass diese schöne Utopie sich nicht in der Wirklichkeit umsetzen lässt, das ist doch das eigentliche Fazit aus dem Mauerfall.“ Der Lyriker und Liedermacher Wolf Biermann – einst glühender Kommunist war er 1953 in die DDR übergesiedelt – offenbarte dem Spiegel 2006, er brauchte „noch mal einen Anlauf, um zu begreifen, dass die Hoffnung auf dieses Paradies, egal ob man es Kommunismus nennt oder Käsetorte, selbst schon in die Irre führt. Und in die Irre heißt in die Hölle.“

Das sah die kritische Intelligenz traditionell ganz anders: „Wir wollen hier auf Erden schon das Himmelreich errichten“, schrieb Heinrich Heine 1843 in seinem Versepos Deutschland. Ein Wintermärchen, in dem bereits der Gedankenaustausch zwischen dem Dichter und Karl Marx und dessen Ideen von einer befreiten Gesellschaft Niederschlag gefunden hatte. Beide standen Modell für den modernen Intellektuellen, der seit der „Gottwerdung des Geldes“ (Heine) im Frühkapitalismus unerschütterlich auf die Möglichkeit einer ganz anderen Gesellschaft pocht und immer wieder den Aufstand gegen die historisch überwindbare Macht des unannehmbar schlechten Faktischen probt – gegen Militarismus und Krieg, Gewalt und Grausamkeit, vor allem gegen die Erniedrigung und Ausbeutung der Mehrheit, die kaum mehr besitzt als ihre Arbeitskraft.

„Intellektuelle sind sehr streitbar“, wusste Heinrich Mann über sie zu sagen. In der Tat – das waren sie in der Bonner Republik. Sie muckten mutig auf, als die alten Nazis zu Stützen der postfaschistischen Gesellschaft aufstiegen. Der Theologe Martin Niemöller und der Maler Otto Dix protestierten gegen die Wieder- und Atombewaffnung Deutschlands. Die achtundsechziger Intellektuellen leisteten geschlossen Widerstand gegen den Vietnamkrieg, die Hetzkampagnen der Springer-Presse, später gegen Berufsverbote und Rasterfahndung. Als 1983 Pershing-II-Nuklearraketen stationiert werden sollten, gingen Heinrich Böll und Walter Jens in Mutlangen mit auf die Barrikaden.

Wiederbelebung des McCarthyismus

Hatten die Nazis die Intellektuellen mit empathischen Hass verfolgt, garantiert der demokratische Rechtsnachfolger ihnen zwar alle Bürgerrechte. Aber die schützen nicht vor medial vermittelter Denunziation und Stigmatisierung. So titelte Der Spiegel nach der Schleyer-Entführung „Mord beginnt beim bösen Wort“ und ließ kaum noch einen Zweifel daran, „woher die Brut stammt, dass es der Schoß der Alma mater ist, der Terroristen zur Welt bringt und aufpäppelt“. Hauptverdächtige: Die marxistische Frankfurter Schule – „Direkte Beziehung zwischen Mord und Marcuse?“, so die Suggestivfrage des Spiegel.

Es ist noch immer Herbst in Deutschland. Aber mittlerweile ist die Terroristenjagd im „War on Terror“ kulminiert. Und als verdächtig gilt nicht mehr jeder deutsche Student mit langen Haaren, sondern jeder arabische – auch ohne langen Bart. Und Grundlegendes hat sich geändert: „So fraglich es ist, ob der Sowjetkommunismus Träger eines wirklichen Emanzipationspathos sein konnte, so stellte er doch zumindest den symbolischen Gegenentwurf zum Kapitalismus dar; und so hat sich die Welt mit seinem Zusammenbruch gleichsam monolithisiert“, konstatiert Moshe Zuckermann.

Das ist deutlich spürbar. Die NS-Verbrechen objektiv relativierende Auffassung von Ifo-Chef Hans-Werner Sinn – bekannt für seine Forderungen nach Aufhebung des Tarifvorbehalts und des Kündigungsschutzes –, Wirtschaftskrisen seien lediglich getragen von „Systemfehlern“ und die Manager von heute so unschuldig wie damals die Juden, ist hoffähig geworden unter Intellektuellen. Beispielsweise analysiert der Marx-Theoretiker Moishe Postone den Nationalsozialismus vor allem als „antikapitalistische Revolte“. 150 Jahre der Weigerung, Kapitalismus als abstrakte Herrschaft zu begreifen, so Postone, habe zunächst zur „Identifikation des globalen Kapitals mit der britischen und später amerikanischen Hegemonie und seine Personifizierung in den Juden“ geführt.

Schon einer der Gründerväter des Neoliberalismus Friedrich August von Hayek sprach von „sozialistischen Wurzeln des Nationalsozialismus“. Neu ist, dass Marxisten ihm beipflichten. Über so eine unverhoffte Unterstützung freuen sich die Apologeten des freien Marktes freilich wie die Schneekönige. 2005 lobte Bernd Ziesemer, damals noch Chefredakteur vom Handelsblatt, den „eher linken Theoretiker und Schriftsteller“ Postone für seine vermeintliche Erkenntnis: „Antisemitismus und Antikapitalismus ... marschieren im gleichen festen Schritt und Tritt“, triumphierte Ziesemer. „Einige der wildesten antisemitischen Ausfälle stammen von den Begründern des ‚wissenschaftlichen Sozialismus’.“

Eine logische Konsequenz: Wer heute mit seiner Ideologiekritik noch Wirkung erziele, sehe sich „schnell dem Vorwurf ausgesetzt, einem verkürzten Kapitalismusbegriff aufzusitzen und dadurch objektiv dem Antisemitismus in die Hände zu spielen, im Prinzip selbst ein struktureller Antisemit zu sein“, sagte der Politwissenschaftler Gregor Kritidis 2005 in seiner Eröffnungsrede zum Utopiekongress in Hannover.

Mussten sich die intellektuellen Achtundsechziger früher unentwegt ‚Geh doch nach drüben!’ anhören. Heute wirft ihnen der Historiker Dietz Bering, ein ehemaliger Achtundsechziger, eine „erschreckende Neigung zum Antisemitismus“ vor, ohne dafür Belege zu liefern. Und undogmatische westliche Marxisten werden – bevorzugt von Ex-Marxisten – bezichtigt, dorthin zurückzuwollen, wo sie sich mit ihren ideologiekritischen Gedanken nie zu Hause gefühlt haben. Nicht selten werden sie als Stalinisten oder verlängerter Arm der Stasi verleumdet. So unterstellte der gewendete Achtundsechziger Wolfgang Kraushaar vom Hamburger Institut für Sozialforschung Wolfgang Abendroth 1998 in der FAZ, er habe als Marionette der SED agiert – eine „Wiederbelebung des McCarthyismus in seinen primitivsten Formen“, wie der Marburger Politikwissenschaftler Frank Deppe konstatierte.

Manche Exlinke geben sich mit Diffamierungen nicht zufrieden – sie wollen drakonisch strafen: 2007 sprach sich Erich Später, Publizist, tätig für die Heinrich-Böll-Stiftung in der linken Zeitschrift Konkret gegen die Freilassung des Ex-RAF-Mitglieds Christian Klar nach 26 Jahren Haft aus, weil Ziel seines „Antizionismus und Antiimperialismus war und bis heute bleibt“, weiß Später, „möglichst viele Juden umzubringen und Israel auszulöschen“. Wer kann besser wissen als geläuterte Linke, dass Linke mindestens so schlimm sind wie Hitler?

Schwarze Utopie

Statt Herbert Marcuses dringenden Rat zu folgen, „Der Marxismus muss riskieren, die Freiheit so zu definieren, dass sie als ein nirgends schon Bestehendes bewusst erkannt wird“, propagiert ehemals kritische Intelligenz vorsichtshalber das endgültige Scheitern konkreter Utopien, wie es der konservative Historiker Joachim Fest schon 1991 mit seinem pauschalen Totalitarismusvorwurf gegen jegliche utopische Hoffnung getan hatte. Zum Teil verbreitet sie sogar „schwarze Utopie“, wie Kritidis die neoliberale Ideologie nennt. „Denn es gibt nichts Illusionäreres als die Annahme, die totale Entfesselung der Marktkräfte könne eine bessere Welt hervorbringen.“

Das sieht der Historiker Götz Aly heute anders. Der ehemals aktive Achtundsechziger und Ex-Mitglied der Roten Hilfe verbreitet fröhlich den NS-Mythos vom Faschismus als sozialstaatlicher „Wohlfühldiktatur“. 2004 schrieb er in der SZ: „Vom Kündigungs- über den Mieter- bis zum Pfändungsschutz bezweckten Hunderte fein austarierte Gesetze das sozialpolitische Appeasement.“ Um zu seinem eigentlichen Anliegen zu kommen: Hitler „zeichnete damit die politisch-mentalen Konturen des späteren Sozialstaats Bundesrepublik vor. Die Regierung Schröder/Fischer steht vor der historischen Aufgabe des langen Abschieds von der Volksgemeinschaft.“ Die Abschaffung des Sozialstaates zugunsten des Marktkapitalismus als praktizierter Antifaschismus?

„Den politischen und sozialen Eliten ist es in den letzten 15 Jahren gelungen, den Gedanken an Alternativen zur herrschenden Politik weitgehend aus den gesellschaftlichen Institutionen und der öffentlichen Diskussion herauszudrängen“, stellt Gregor Kritidis fest. Für „die ideologische Offensive der Neokonservativen“ gebe es zwingende Gründe: „Wer angesichts eines überquellenden gesellschaftlichen Reichtums Menschen zwingt, sich von knapp vier Euro am Tag zu ernähren“, so Kritidis weiter, „wer angesichts von Massenarbeitslosigkeit Arbeitszeiten verlängert, Löhne senkt und einem modernen System der Zwangsarbeit den Weg ebnet, möchte sich keinen kritischen Fragen aussetzen.“

„Normalisierte Intellektuelle“

Einer der ersten, der andere Saiten gegenüber der wachsenden Unterschicht aufziehen wollte und neue Töne gegen die angeblich stets verkannte „Gutmütigkeit“ der besserverdienenden Deutschen angeschlagen hat, war die ehemalige Achtundsechziger-Ikone Hans Magnus Enzensberger. Der Dichter und Herausgeber der Gespräche mit Marx und Engels hielt 1998 in Düsseldorf anlässlich der Verleihung des Heinrich-Heine-Preises eine Rede, in der er die Kritiker der „Zweidrittelgesellschaft“ verhöhnte: Für die „ist nicht nur unser ungezügelter Individualismus verantwortlich, der Verlust an Mitmenschlichkeit und christlicher Nächstenliebe, sondern auch der brutale Kapitalismus, die hemmungslose Globalisierung, überhaupt die an allen Ecken und Enden ihr hässliches Haupt erhebende Ungerechtigkeit“, zog Enzensberger über die „wahre Phalanx von Mahnern“ her, „deren vorwurfsvolles Unisono uns in den Ohren schallt“.

In seiner Essay-Sammlung Gedenken und Kulturindustrie über die von ihm diagnostizierte „Zeitenwende“ nach Gründung der Berliner Republik, hatte sich Moshe Zuckermann mit Enzensbergers Versuch, die „Kritik am Bestehenden als unangemessen zu geißeln“, auseinandergesetzt: „Was früher durch die Ideologie der Besitzenden noch kaschiert werden sollte, ist inzwischen zur populistisch gewendeten, antikritischen Kritik des ‚schlechten Gewissens’ verkommen.“ Neu sei „das nicht mehr verhüllte, ja ganz offenbekundete Ressentiment des Satten gegenüber den Fürsprechern der Armen, Diskriminierten oder sonst wie mit den Verhältnissen nicht gar so enzensbergerisch ,gutmütig’ zurechtkommenden Anderen.“

Enzensberger mit seinem Bekenntnis zu neoliberalen Ideologemen sollte keine Ausnahme bleiben. Der Sozialwissenschaftler Bernhard von Mutius sollte bald  den „konstruktiven Intellektuellen“ entdecken. Für Dietz Bering ist der zeitgemäße Intellektuelle ein „forcierter citoyen“. Der Ex-Feuilleton-Chef der Welt, Thomas E. Schmidt findet, es gehöre zu den „späten Errungenschaften der politischen Zivilisation der Bundesrepublik“, dass Intellektuelle heutzutage auch mal die Position der Bundesregierung teilen können. Und er brachte 2002 in der Zeit seine Freude über die Geburt einer neuen Spezies zum Ausdruck: Der von dem Philosophen Axel Honneth so benannte „normalisierte Intellektuelle“ hatte die Weltbühne betreten. Der kennzeichne sich, so Schmidt, durch die Einsicht, dass „der Arbeitsmarkt doch ein wenig flexibilisiert gehöre“ und den Zweifel daran, dass angesichts der Existenz von Schurken wie Saddam Hussein der „traditionelle Pazifismus“ noch trage. Und es sei „ein wahrhaft revolutionäres Phänomen, wenn Intellektuelle nach dem 11. September 2001 dann und wann sogar die Position der Vereinigten Staaten teilen können, ohne das Gefühl zu haben, sie verdingen sich an das Reich des Bösen“, findet Schmidt, der Frank Walter Steinmeier beim Verfassen seines Buches Mein Deutschland behilflich war. Die Intellektuellen von heute – zu denen Schmidt neben Harald Schmidt, Hans-Ulrich Wehler und Ulrich Wickert auch den Ex-Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie Olaf Henkel („wieso nicht?“) zählt – könnten sich „die Verachtung der Gegenwart nicht leisten“.

So ein Ideal des Intellektuellen, der distanzlos gegenüber den herrschenden Verhältnissen ist, sich aus pragmatischen Gründen mit ihnen versöhnt, womöglich zu ihren Architekten zählt, lassen einen alten Frankfurter wie Moshe Zuckermann erschaudern. War er, als er seine Enzensberger-Kritik verfasste, schon pessimistisch – zwölf Jahre später klingt seine Bestandsaufnahme erschüttert: „Es ist in der Tat kaum zu glauben, mit welcher Geschwindigkeit und Selbstverständlichkeit die allermeisten der Intellektuellen sich im neuen Weltzustand einrichteten – und dabei eben ihr altes emanzipatorisches Erbgut aufs Schändlichste verrieten.“

Für das Recht aufs eigene Unglück

Zog es das Gros der Intellektuellen, selbst in bewegtesten Zeiten, vor, Karl Marx’ Forderung, nicht „ihre Ansichten und Absichten zu verheimlichen“, lieber zu ignorieren – der repressive Antikommunismus saß tief –, sie ließen keinen Zweifel aufkommen: Die Theorielinie Hegel-Marx-Frankfurter Schule war die Achse, um die sich ihre radikale Gesellschaftskritik drehte. Akademiker gaben sich auf ungezählten Kritische-Theorie-Kongressen und Adorno-Symposien ein Stelldichein. Einer der damals selten fehlte, ist der Soziologe, Adorno-Schüler und -Biograph Detlev Claussen, der vor einigen Jahren mit einer interessanten Entdeckung aufwartete: Horkheimer und Adorno hätten Deutschland als Marxisten verlassen und seien aus dem US-amerikanischen Exil nicht als „linksradikale Intellektuelle“, sondern „als bewusste Aufklärer und Demokraten“ und Bewunderer des American Way of Life zurückgekehrt. Dass Adorno – „Mister America“, wie das SZ-Magazin 2003 titelte – die USA als „totale Kapitalmacht“ reflektierte, ihre Kulturindustrie als totalitär und fand, die Voraussetzungen ihrer Reklamewelt würden „mit denen des Faschismus korrespondieren“, war Claussen offenbar entfallen. Ebenso dass Adorno sich noch kurz vor seinem Tod, 1968 auf dem 16. Deutschen Soziologentag, zu Marx’ Kapitalismuskritik bekannt hatte.

Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz  („Ich komme aus dieser Adorno-Schule“), Verfasser eines „konsumistischen Manifests“, in dem die Ware als Garant der Freiheit lobpreist wird, gab sich nicht damit zufrieden, Adorno zum Liberalen zu transformieren. Er zog es vor, ihn vollständig zu demontieren. Anlässlich Adornos 100. Geburtstag diskreditierte er dessen Kritische Theorie als „Konformismus des Andersseins“ und bescheinigte ihm eine „blasierte Selbstgerechtigkeit des geistigen Antifaschismus“ und den Hochmut, „anderen das Recht aufs eigene Unglück abzusprechen“. Bolz’ vernichtendes Fazit: „Nichts von dem, was Adorno geschrieben hat, zählt in der heutigen Philosophie.“

Viele alte Adorniten oder K-Grüppler, wie Alan Posener, ehemaliges Mitglied der maoistischen KPD-AO, oder der Ex-KBler Matthias Küntzel, heute Referent für den Neocon-Think-Tank American Enterprise Institute, haben früher oder später abgeschworen. Sie haben Marcuses Kritik der repressiven Toleranz (gegenüber Aufrüstung, Chauvinismus und rassistischer Diskriminierung) durch Henryk M. Broders Kritik der reinen Toleranz (gegenüber der Friedensbewegung, Muslimen und anderen Minderheiten) ausgetauscht. Exlinke und -linksliberale, wie Fred Viebahn, Jan Fleischhauer, Bernd Zeller stehen Schlange zum Schaulaufen auf der Achse des Guten wie Germany’s-Topmodel-Anwärter auf Heidi Klums Catwalk. Von den Achsen-Mächten begangene Brüche von linken Tabus, rassistische und sexistische Beleidigungen wie „Fatima“(Muslima) und „linksreaktionäre Schlampe“ (Ulla Jelpke) und „politisch unkorrekte“ Tiraden über den „rassistischen Gewalttäter“ Mumia Abu Jamal, die „hamasophilen Solidarlinge“ (Passagiere der Free-Gaza-Flotte) oder „Inländerfeindlichkeit“ (Antirassismus) sind nicht bloß der letzte Schrei – sie sind Initiationsrituale für den Aufstieg ins neoliberale Establishment.

„Hey Du, Achtundsechziger...“

An schlauem Nachwuchs mangelt es den marktradikalen Konservativen nicht. Wer nicht ganz nach rechts und für die Junge Freiheit und die Sezession schreiben will, die mit dem Slogan „Right is right und left is wrong“ wirbt, arbeit für Neocon-Magazine, wie die Weltwoche oder Cicero – oder die Achse des Guten, wo auch die jungen Wilden ihren Linken-Hass rauslassen können: „Hey Du, Achtundsechziger (ich darf Dich selbstverständlich duzen, DAS immerhin habt Ihr erreicht), was willst Du eigentlich noch?“, pöbelt David Harnasch mit dem Selbstbewusstsein des historischen Siegers. Der Publizist beschwert sich, dass seine Generation sich den „Mist“ der Altlinken noch anhört und fordert den „Schlussstrich“. Auch bei der „linken“ Wochenzeitung Jungle World ist der 33-Jährige herzlich willkommen, vor allem wenn es gegen die Linkspartei geht: Wo die „tatsächlich gefährlich ist, kann der Verfassungsschutz gar nicht aktiv werden: Antizionismus“, bedauert Jungle World-Redakteur Ivo Bozic in der gemeinsamen Videokolumne Berliner Ferngespräche. David Harnasch kann trösten: „Um die Funktionäre der SED, die ihren Antisemitismus beim Bootsausflug zur Hamas ausgelebt haben, hat sich ja das israelische Militär gekümmert.“

Kommunistisches Manifest für den Kapitalismus

Die LINKEN indes arbeiten an ihrer eigenen Abschaffung und ziehen in ihrer Denkfabrik, die sie mit dem Namen Rosa Luxemburg versehen haben, normalisierte Intellektuelle heran: Unter ihren Stipendiaten und Referenten findet sich der Politikwissenschaftler Stephan Grigat („Israel ist zu liberal“), Mitinitiator der bellizistischen Kampagne Stop the Bomb! gegen den Iran. Grigat meint, „Verhandlungen und Dialoge bringen nichts“. Dabei auch der Journalist Udo Wolter: „In der ,globalisierungskritischen’ oder Antikriegs-Bewegung wie auch in Teilen der Linkspartei wird unter dem Vorzeichen einer gemeinsamen Frontstellung gegen Israel und die USA teilweise der offene Schulterschluss mit Islamisten praktiziert.“ Und Sebastian Voigt: Der Dozent der Rosa-Luxemburg-Ferienakademie und der Roten Ruhr Uni, der mittlerweile bei der Hans-Böckler-Stifung untergekommen ist, ruft ­– getreu dem neokonservativen Schlachtruf „Kapitalismus oder Barbarei“ – zur Verteidigung der USA gegen die „Avantgarde der Barbarei“ auf.

Mit den „Barbaren“ meint Voigt freilich die „Islamfaschisten“, die „Spaß, Freude und Hedonismus mit Musik- und Alkoholverboten“ abschaffen wollten, sowie ihre linken Unterstützer, darunter Noam Chomsky, und die „sogenannte Friedensbewegung“. Voigt vergleicht die Anschläge auf das WTC mit der Shoah und empört sich: „Die Linke ist blind für die totalitäre Bedrohung der bürgerlichen Gesellschaft.“ Und er hat verblüffend viele politische Gemeinsamkeiten zwischen sich, Adorno, Horkheimer, Marcuse und nicht zuletzt Karl Marx ausgemacht. Bei seinen ideologischen Dehnübungen an den Theoriebeständen der Kritischen Theorie pfeift er nicht nur auf die Zivilisationskritik von Adorno und Horkheimer, dem in ihrem Hauptwerk Dialektik der Aufklärung ausgebreiteten Fundament der Frankfurter Schule. Er ignoriert nicht nur Herbert Marcuses Warnungen vor dem dystopischen Potential des Kapitalismus („die zweite Periode der Barbarei kann durchaus das fortbestehende Imperium der Zivilisation selbst sein“).  Er hat auch entdeckt, dass Karl Marx die „positiven Errungenschaften“ des Kapitalismus“ im Kommunistischen Manifest hervorgehoben habe. Wofür sonst hätte Marx es verfassen sollen?

Die meisten jungen Normalisierten jedoch rennen ohne Umweg über Lenin und Luxemburg direkt in die Arme von Lukullus – dem neoliberalen Glücksversprechen des Hedonismus hinterher, das mit dem der „Antideutschen“ weitgehend identisch ist. Letztere pochen nur darauf, dass das ihrige etwas mit   Kommunismus zu tun habe, den sie offenbar mit Konsumismus verwechseln: „Es wird Gebrauchsgüter im Überfluss für alle geben müssen, die nicht das Vegetieren, sondern das Leben im Luxus garantieren. Es wird opulent den verfeinerten Genüssen nachgegangen werden. Das gilt besonders für die Fleischeslust, und zwar in allen Varianten“, heißt es in ihrem Zentralorgan Bahamas – Kommunismus als Flaterate-Fressen und Großraum-Swingerclub.

Künstler als Freihandelshausierer und Kulturkämpfer

Die Kunst gilt seit jeher als Statthalterin und letzte Bastion emanzipativer Utopien und Zufluchtsort für das subversive Bewusstseins. Aber „die bildende Kunst heute ist inhaltlos und sinnlos – Unterhaltung, die aus Zufallsprodukten besteht. Sie ist eine Auseinandersetzung zwischen Kunsthändlern und nicht zwischen Künstlern. Sie ist ein verwaltetes Gebiet, das die Verwalter erhält, aber nicht die Kunst“, beklagte der Wiener Bildhauer und Marxist Alfred Hrdlicka den Verlust des Visionären in der Kunst sowie ihre Unterjochung durch totalitäre Ökonomie – eine bittere Bilanz, die er 2008, kurz vor seinem Tod, zu ziehen hatte.

Dass die Agenten der verwalteten Welt die Kunst kolonisiert haben, findet auch der US-amerikanische Künstler und Musiker Michel Chevalier, Initiator des kunstbetriebkritischen Projekts target: autonopop, der seit 2003 die Kritik der Neutralisierung widerständiger Subkultur und den Protest gegen die Okkupationen ihrer politischen Diskurse durch den Kunstmarkt in den Mittelpunkt seiner Arbeit stellt. In Hamburg organisiert er Projekte als „symbolischen Kampf außerhalb der Konventionen der freien Marktwirtschaft“.

Chevalier warf  Künstlern, die als Linke apostrophiert werden, wie Thomas Hirschhorn und Daniel Richter und Kunsttheoretikern wie Isabelle Graw und Diedrich Diederichsen, unlängst in einem taz-Interview vor, einerseits „Marx-Namedropping“ zu betreiben, andererseits „im Einklang mit den Regeln des Kunstmarktes“ zu agieren und einen „konservativen Kunstbegriff“ zu perpetuieren: Der „verlangt Werke, die Waren sind. Unikate, limitierte Editionen und Künstlerpersönlichkeiten, die als Marke funktionieren“, erklärt Chevalier gegenüber Hintergrund. Seit den achtziger Jahren gebe es eine Regression zur Produktion von Kunsthandwerk nach dem Ideal des ‚künstlerischen Genies’ des 19. Jahrhunderts – auch wenn diese immer wieder  durch „Duchampianische Aneignungsmanöver“ und „ausgelagerte Herstellung“ unterbrochen werde, um postmoderne Distanz zur „Authentizität“ zu demonstrieren.

Eine „relativ neue Variante“ der Unterminierung von Bemühungen, die Kunst nicht für die Freihandelshausiererei dienstbar zu machen, sei, so Chevalier, dass Projekte – meist von Unternehmen oder der Stadtverwaltung, die dort ihre ökonomischen und politischen Interessen durchsetzen wollen – an sozialen Brennpunkten initiiert und gesponsert werden, um dort „Frieden“ zu stiften. „Derartige Produktion und Vermittlung sollen die Botschaft transportieren‚ ,die zeitgenössische Kunst ist auf Eurer Seite’“, beschreibt Chevalier die Perfidie, für die sich offenbar immer mehr linke Künstler zur Verfügung stellen. Daniel Richter & Co – wohl aus marktstrategischen Erwägungen inszenieren sie sich immer noch als „gentrifizierungskritisch“ –, erweisen sich als kompatibel mit der neoliberalen Agenda der möglichst vollständigen Inwertnahme und Aufwertung der Lebensräume in den Städten, die, wie Chevalier sagt, zur Matrix des „Klassenkampfs von oben“ gehören.

An dem beteiligt sich Richter auch auf andere Weise sehr rege: Wenn er nicht gerade mit seinem „linksautonomen Hintergrund im Umfeld der Hafenstraße“ (der ehemaligen Hamburger Hausbesetzerszene) wie es im Jargon der Radical Chicen heißt, kokettiert, dann stellt er sich Springer-Medien als Kronzeuge gegen die „Antiimperialisten mit einem verkalkten Klassenkampf- und Imperialismusbegriff“ zur Verfügung.

Je weniger Daniel Richter für den Klassenkampf der Linken übrig hat, desto mehr kann er sich für den Kulturkampf gegen die arabische Welt begeistern. Zählte er gestern noch zu einem Milieu, in dem der Name Israel nie ohne Anführungsstriche ausgesprochen und das Recht auf seine Existenz geleugnet wurde – heute ist er konsequenter und bestreitet gar nicht erst das Recht Palästinas auf eine ebensolche, sondern lieber gleich die Existenz der Palästinenser: „Jetzt versuchen einige am Beispiel Israel zu argumentieren, dass in dieser Region vorher eine homogene Entität namens ‚Palästinenser’ lebte“, empört sich Richter in Die Welt und offenbart sogleich sein Wissen über die barbarisch-arabische Weltverschwörung: „Man darf nicht vergessen, dass Israel eindeutig von Antisemiten aller Couleur umzingelt ist, die alle bereit sind, sich zu einigen, wenn es gegen die Juden geht.“

Triumph der Reaktion

Der Freiburger Sozialwissenschafter Gerhard Hanloser, der sich intensiv mit der affirmativen Wende der kritischen Intelligenz befasst hat, bescheinigt dem neuen (Zeit-)Geist eine Neigung zur „Desavourierung des Antikapitalismus“, Abkehr von der materialistischen Analyse und Rückfall in den Idealismus, die sich nicht zuletzt in einer Empirieabstinenz von bekennenden Marxtheoretikern äußerten. Die umfangreichen Theoriebestände der Frankfurter Schule würden zur antilinken Kritik am angeblichen Ressentiment der Armen gegen ,die da oben’, reduziert und verstümmelt – zum Zweck der Komposition einer „prokapitalistischen Hymne auf die Welt, die mit Globalisierung, Markt und Arbeitslosigkeit nun mal ist, wie sie ist, auch in aggressiver Abkehr, ja einer fast schon rituellen Hinrichtung der Kritischen Theorie“, findet Hanloser. Und er erinnert daran, dass allen voran Adorno „den Herrenzynismus der Liberalen“ durchschaut und Max Horkheimer das Lamento über das „Ressentiment“ der Unterschicht als ideologische Selbstviktimisierung der Reichen entlarvt hatte: „Diese Ordnung, in der Proletarierkinder zum Hungertod und die Aufsichtsräte zu Festessen verurteilt sind, erweckt in der Tat Ressentiment“, schrieb Horkheimer in seinen Notizen 1950 bis 1969: „Ein feiner Trick: das System zu kritisieren soll denen vorbehalten bleiben, die an ihm interessiert sind. Die anderen, die Gelegenheit haben, es von unten kennenzulernen, werden entwaffnet durch die verächtliche Bemerkung, dass sie verärgert, rachsüchtig, neidisch sind.“

Hanloser spricht von einer „Renaissance Hayeks“ in der publizistischen Linken – die keine mehr ist. Aber warum bedienen sich Exlinke, mittlerweile häufig Profiteure des Neoliberalismus, nicht direkt bei Hayek, Friedman und Fukuyama, sondern immer noch bei Marx, Adorno und Benjamin? Eine treffende Antwort auf diese Frage, meint Michael Chevalier, hätten linksradikale Künstler bereits 1954 gegeben: „Überall, wo die Reaktion triumphiert hat“, zitiert er die Lettristische Internationale, „tat sie es durch Sinnentfremdung oder Parodie revolutionärer Ideen.“