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Sklaven der Manege

Erschienen am 2. Oktober 2012 in leicht gekürzter Fassung  in "Hintergrund" (Online-Ausgabe)

Sklaven der Manege

Das Leid und Elend der Zirkustiere ist unermesslich. Doch die schwarz-gelbe Bundesregierung blockiert hartnäckig ein Wildtierverbot. Tierrechts- und Tierbefreiungsaktivisten organisieren nicht nur lautstarke Proteste – sie fordern ein Ende der Ausbeutung und wollen Frieden machen mit der Natur

Von Susann Witt-Stahl

Premierenfeier in Hamburg auf dem Heiligengeistfeld, einen Steinwurf vom Vergnügungsviertel St. Pauli entfernt: Zirkus Charles Knie – ein Ableger der berühmten Schweizer Knie-Dynastie – hat geladen. Aus RTL und Boulevard-Magazinen bekannte Glamour-Promis, wie Starkoch Rach und „Naddel“, stehen auf der Gästeliste. Die meisten kommen gern, wenn sie mit der Stretchlimousine vorgefahren werden, edle Tropfen, ein üppiges Buffet und als krönender Abschluss ein Foto in BILD winken. Charles Knie braucht dringend Hilfe beim Aufpolieren seines ramponierten Images. Die vielen Zirkusplakate in der Umgebung, die von Unbekannten mit leuchtend gelben Aufklebern versehen wurden, auf denen „Abgesagt wegen Tierausbeutung“ zu lesen ist, lassen mehr als nur erahnen: Nicht alle Hanseaten heißen das Unternehmen willkommen. Zirkusse wie Knie, die Tiere dressieren und zur Schau stellen, stehen vermehrt im Kreuzfeuer der Kritik.

Am Zirkuseingang müssen drei Elefanten als Begrüßungskomitee in einer Reihe stehen. Man hat ihnen einen rosafarbenen Kopfschmuck mit der Aufschrift „Elvis“ verpasst. Dieses alberne Szenario wirkt wie eine vorsätzliche Demütigung der Tiere, aber es soll wohl einfach nur komisch sein –  Witzigkeit kennt kein Pardon. Davon, dass die Elefanten die ganze Zeit stereotype Bewegungen ausführen, unentwegt mit dem Kopf wackeln, kann auch der bunte Clown nicht ablenken, der offenbar dazu beordert wurde, um das Bild abzurunden. Der Kontrast zwischen seiner aufgesetzten Fröhlichkeit und dem stummen Leiden der geknechteten Wildtiere offenbart umso mehr die Obszönität der Lüge von der heilen Zirkuswelt (für deren Verbreitung die Opfer instrumentalisiert werden). Im Blick der Elefanten findet sich genau die gleiche Hoffnungslosigkeit und Resignation, von der Rilkes „Panther“ aus dem Zoo erzählt: „Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille sich lautlos auf. Dann geht ein Bild hinein, geht durch der Glieder angespannte Stille – und hört im Herzen auf zu sein.“

Es geht immer um Unterwerfung

Wer es immer noch nicht wahrhaben will: Mittlerweile gibt es unzählige Undercover-Aufnahmen  – darunter auch aus Deutschlands größtem Unternehmen Circus Krone (1) –, die belegen, woher die zur Apathie geronnene Verzweiflung der Tiere rührt. Tierquälerei, -schinderei- und -elend sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Der Zirkusalltag der Schau- und Dressurobjekte sei „durchsetzt von Gewalt und Unterdrückung“, benennt die Gruppe Tierbefreiung Hamburg das Problem auf einem Flugblatt.

Gibt es für Tiger, Löwen, Bären jenseits der „tausend Stäbe“ ihres Gefängnisses „keine Welt“ – diesseits gibt es eine. Sie ist die reinste Hölle: Eine Filmsequenz beispielsweise, die die Tierrechtsorganisation People fort he Ethical Treatment of Animals (PETA) veröffentlicht hat, erhellt den Sinn des Dictums von dem französischen Schriftsteller Francis Picabia: „Die Zivilisation hat das Verbrechen erfunden.“ Sie zeigt, wie ein Mann, vermutlich der Dompteur, mit einer langen Stange auf zwei Elefanten einprügelt. Die Tiere stöhnen auf vor Schmerz. Das reicht dem Peiniger nicht. Er drischt einem der sensiblen Dickhäuter immer wieder mit den Fäusten ins Gesicht. Derartige Drangsalierungen sind in den Zirkusställen und während der Proben in der Manege seit jeher Normalität. Andere Aufnahmen zeigen, wie ein offenbar schlecht gelaunter „Tierpfleger“ einem Elefanten auf seine hochempfindlichen Ohren schlägt. Die Schreie und das Weinen des hilflosen Tieres lassen sein Leiden erahnen. (2) Üblich ist auch Prügel mit dem Elefantenhaken (ein Stab mit spitzen Metallhaken, mit denen in die empfindliche Haut der Tiere gestochen und daran gezerrt wird) auf andere besonders verletzliche Körperteile, wie den Rüssel und die Beine. Ein guter Dompteur weiß, wie man Tieren effektiv Qualen bereitet, ohne dass der Mehrwert der Schauobjekte vermindert wird, den man aus ihnen herauspressen will.

Andere gängige Methoden, mit denen die Tiere gefügig gemacht werden: Nahrungsentzug , Einschüchterung, Anwendung von Elektroschockern. Das Gerede von der „sanften Dressur“ und „einfühlsamen Tierlehrern“, wie die Dompteure im Zirkus-Neusprech heißen, ist für Wildbiologen und Verhaltensforscher nichts als Augenwischerei, ein Versuch, die alltäglichen Qualen der Tiere zu banalisieren und Konsumenten, deren Gewissen sich regt, aber auf den zweifelhaften Genuss von Tiernummern nicht verzichten wollen, ein Alibi und zumindest scheinbar moralische Entlastung zu verschaffen.

Die Wissenschaft ist sich weitgehend „einig, dass Wildtiere sich nur mittels Gewalt trainieren lassen. Der Dompteur muss sich seinen Status in der Rangordnung immer wieder neu erkämpfen, lautet ein Ergebnis von jahrelangen Studien“, die PETA zusammengetragen und ausgewertet hat. „Für die Erlangung der Kontrolle über so ein großes Tier ist ein gewisses Maß an Grausamkeit unvermeidbar", meint die US-amerikanische Wildlife-Forscherin Cynthia Moss. (3) Das bestätigt auch eine ehemalige Tiertrainerin: „Bestrafungen zur Verbreitung von Angst ist Standard in der Zirkusindustrie“, berichtet Carol B. „Den Elefanten wird mit physischem Schmerz und psychischer Einschüchterung beigebracht, dass sie Befehlen Folge zu leisten haben. Alle Elefanten in Zirkussen werden so trainiert.“ (4)

Es geht immer um Unterwerfung, nie um „Partnerschaft“ oder gar „Freundschaft“, wie beispielsweise die PR von Zirkus Knie weismachen will. (5) Ein Videoaufnahme in Zeitlupe beweist, mit welch perfiden Tricks auch vor den Augen der Zuschauer gearbeitet wird: Während einer Vorstellung im Karlsruher Weihnachtscircus Anfang 2012 zieht Dompteur René Casselly heimlich einen kleinen spitzen Metallhaken aus seiner Tasche und sticht damit einem Elefanten blitzschnell in den Halsbereich und ins Bein. Damit zwingt er das Tier, auf eine Wippe zu steigen. Und schon ist der faule Zauber in der Manege vorbei; Casselly lässt den Haken ganz schnell wieder verschwinden. (6)

Eingeknastet und angekettet

Die Elefanten, auch Pferde und andere Tiere in Gefangenschaft, bringen ihre physische und psychische Not durch sogenanntes Weben zum Ausdruck: Eine Verhaltensstörung, die sich durch gleichförmige Bewegungsmuster äußert – Nicken oder Hin-und-Herwackeln des Kopfes, angedeutete Vorwärts- und Rückwärtsschritte, Schwingen mit dem Rüssel. „Das Weben ist das Symptom eines tiefgreifenden seelischen Krankheitszustands. Die Tiere sind nicht mehr fähig, mit Stress fertig zu werden“, sagt der Elefanten-Experte Fred Kurt. Elefanten zu trainieren, einen Kopfstand zu machen, wie es Zircus Krone tut, sei nichts anderes als „Tierquälerei“.

Tiger und Löwen – sie bewegen sich auf freier Wildbahn in Revieren von mindestens 40 Quadratkilometern – eingesperrt in engen Käfigverliesen, Elefanten angekettet in kleinen Stallzelten, ab und zu wenige Schritte Bewegung in einem einige Quadratmeter großen Außengehege – im Zirkus Knie ist das für ein Kamel schon das größte „Glück“, das es in seinem armseligen Leben erfahren darf. Das Unternehmen pferche seine Tiere bis zu 16 Stunden in enge Transporter, behauptet die Tierschutzorganisation Vier Pfoten, die die Reise des Unternehmens dokumentiert und Strafanzeige gegen Knie erstattet hat (7) – sie wird vermutlich im Sande verlaufen, wie das meiste, was bisher auf juristischem Weg unternommen wurde. Staatsanwälte und Richter erweisen sich meist als blind für das Tierleid; die wenigen, die handeln wollen, haben kaum eine Handhabe.

Kommt es einmal zu einem Bußgeldbescheid – die meisten Zirkusunternehmer begleichen ihn aus der Portokasse. Oder sie legen Widerspruch ein, der auf der „langen Bank“ der Gerichte verschimmelt. Die Mängellisten und Auflagen von Amtstierärzten – viele drücken allzu gern auch mal ein Auge zu – werden einfach ignoriert. So erhielt Circus Krone für sein Münchner Winterquartier von den zuständigen Behörden Bescheide mit rund 100 Auflagen. Die meisten Tiere dort müssen „in derart engen und qualvollen Verhältnissen leben, dass hier erneut ein Fall von massiver Tierquälerei vorliegt“, ergab Anfang des Jahres eine Recherche von PETA. Kontrollen hätten ergeben, dass die Außengehege für die Löwen wesentlich kleiner waren als die vorgeschriebenen 50 Quadratmeter. „Das ,Freigehege‘ des großen Nashorn-Bullen Tsavo ist lediglich ein trauriger Witz“, erklärt die Organisation. „Anstatt der vorgeschriebenen 125 Quadratmeter muss Tsavo mit weniger als 30 Quadratmetern auskommen.“ Auch die Elefanten würden tagsüber, oftmals angekettet, in einer Halle stehen. Einzige Abwechslung sind gelegentliche Auftritte oder Trainings-Einheiten. In der Natur legen Elefanten bis zu 80 Kilometer pro Tag zurück. Die Krone-Elefanten haben eine traurige Erinnerung daran, wie süß die Freiheit schmeckt. Sie „sind Wildfänge, die um ein erfülltes Leben mit Nachwuchs und langen Wanderungen in freier Natur beraubt wurden“, weist PETA auf eine zusätzliche Tragödie hin. „Weil ihr Bewegungsapparat nicht an endloses Herumstehen angepasst ist, entwickeln die meisten Elefanten im Zirkus schwere Fuß- und Gelenkerkrankungen und sterben früh.“ (8)

Schwarz-Gelb sieht „keinen Handlungsbedarf“

Nennenswerte, vor allem wirksame Sanktionen, wie die Beschlagnahmung der Tiere, müssen die Peiniger nur in Ausnahmefällen fürchten. Mit Tieren im Zirkus und anderen Kulturindustriebranchen lassen sich riesige Geschäfte machen. Die Zirkuslobby ist mächtig, und sie hat mächtige Helfer: Wie gewohnt, wenn es um die Belange wehrloser, hilfe- und solidaritätbedürftiger Menschen geht, stehen CDU/CSU und FDP auch hier loyal auf der Seite der Ausbeuter.

2011 hatte der Bundesrat – nachdem ein erster Anlauf 2003 gescheitert war –, sich für ein  Wildtierverbot in Zirkussen ausgesprochen. Die Umsetzung wurde dann aber von der schwarz-gelben Bundesregierung torpediert, wie sie bereits 2010 einen Antrag der Bündnis 90/Die Grünen-Fraktion im Bundestag abgeschmettert hatte.

Während die Bundestierärztekammer immer wieder mit Verweis auf das Leid und Elend der Zirkustiere zum Handeln drängt („Es ist Zeit für einen Paradigmenwechsel in der gesamten Politik“

(9), verschanzt sich die Regierung hinter den eigenen Sprechblasen: „Wir messen dem Tierschutz bei der Haltung von Zirkustieren eine besondere Bedeutung zu.“ Die Arbeitsgruppe Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz der CDU/CSU-Bundestagsfraktion sehe die grundgesetzlich garantierte „Eigentums, Berufsausübungs- und Berufswahlfreiheit“ durch ein Wildtierverbot „unverhältnismäßig beeinträchtigt“, heißt es in ihrer Erklärung von November 2010. Für die Befürworter des Verbots ist das nichts anderes als ein Scheinargument: Sowohl die Europäische Kommission als auch Rechtsgutachten renommierter Juristen hätten das Gegenteil bestätigt, hält PETA entgegen. Verbraucherministerin Ilse Aigner, maßgeblich verantwortlich für den Blockadekurs, und ihre Union würden „Lügen“ verbreiten. (10)

Was 14 andere europäische Länder bereits realisiert haben – Verbote von Wildtieren in Zirkussen oder zumindest einiger Tierarten – in der Nation, die 2002 den Tierschutz ins Grundgesetz aufgenommen hat (in Artikel 20a GG wurde der Satz „Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen“ um die Worte „und die Tiere“ ergänzt), offenbar eine Unmöglichkeit. Die Union sieht „derzeit keinen Handlungsbedarf im Bereich der Zirkustiere“.

Kritiker zum Schweigen bringen

Die Ignoranz der Politik sichert der Wirklichkeitsabstinenz der Zirkusindustrie unbegrenzte Freiräume: Seit Jahrzehnten leugnet sie systematisch jede noch so unwiderlegbare Wahrheit über alles Schreckliche, was sie den Tieren antut. Je lückenloser die Verantwortlichen der Misshandlung ihrer angeblichen „Freunde“ überführt werden, desto aggressiver streiten sie alles ab und flüchten sich in Phantasmagorien: „Unsere Haltung ist artgerecht. Weil wir unseren Tieren alles bieten, was sie von Natur aus brauchen“, findet Frank Keller, Sprecher des Circus Krone. (11) Auch Zirkus Knie ist keine Verlautbarung zu absurd. Das Unternehmen behauptet in seinen PR-Materialien sogar, dass es einen Beitrag für den Tierschutz leisten und „für den Erhalt von Tierarten“ sorgen würde. Kritiker werden  als „Fanatiker“ bezeichnet. Die Zirkusse versuchen, sie mit allen Mitteln zum Schweigen zu bringen – beispielsweise mit einstweiligen Verfügungen gegen Tierrechtler, die das Elend und die Qual der „Sklaven der Manege“, wie es auf einem Flugblatt heißt, zeigen und die Täter als solche  benennen wollen. 2011 musste Circus Krone eine Niederlage hinnehmen. Das Unternehmen scheiterte in allen Instanzen bis hinauf zum Bundesgerichtshof mit dem Antrag, die Veröffentlichung von Filmaufnahmen zu untersagen, die teils mit versteckter Kamera gemacht wurden.

Manche Zirkusbetreiber lassen auch gern mal Hand anlegen, um sich lästige Proteste vom Halse zu schaffen. Dass Tierschützer und Tierrechtsaktivisten, die vor ihren Zelten gegen die für die Tiere unerträglichen Zustände demonstrieren oder auch nur stille Mahnwachen halten, von Schlägern attackiert und ihre Foto- und Videokameras zerstört werden, ist alles andere als eine Seltenheit. Auf Tierrechtswebsites und in -magazinen sind zahlreiche brutale Übergriffe von Zirkusleuten dokumentiert. (12) Beispielsweise sollen vor einigen Jahren die Direktoren des österreichischen Nationalzirkus Louis Knie sen. und jun. zusammen mit rund 30 ihrer Angestellten in Tulln eine angemeldete Demonstration angegriffen und mehrere Tierrechtler „krankenhausreif“ geprügelt haben. Die Opfer wiesen zum Teil schwere Gesichtsverletzungen auf; einige hatten durch Tritte in Bauch und Nieren innere Blutungen. (13) Laut Bericht der Neuen Westfälischen Zeitung wurde 2000 sogar eine Amtsveterinärin des Landkreises Darmstadt-Dieburg zusammengeschlagen, nur weil sie das Tierhaltungsbuch des Zirkus Alberti, in dem diverse Missstände dokumentiert gewesen sein sollen, mitnehmen wollte, um davon eine Kopie anzufertigen. Die Frau erlitt schwere Verletzungen. (14)

Eine „neue Sensibilität“

Einige der rund 120 Mitglieder und Sympathisanten der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung, die sich vergangene Woche an einer Demonstration gegen Charles Knie in Hamburg beteiligten, haben auch schon Gewalterfahrungen machen müssen: „Wir werden immer wieder bedroht, bespuckt, manchmal auch mit Tritten traktiert. Es kam auch schon mal vor, dass Zirkusleute mit Eisenstangen auf uns losgegangen sind“, berichtet eine Aktivistin, die schon 1995 bei einer Manegen-Besetzung während eines Gastspiels des Moskauer Staatszirkus in der Hansestadt dabei gewesen war. Damals verlief alles glimpflich. „Vor Hunderten von Augenzeugen und in Anwesenheit von Pressefotografen schlagen sie meist nicht zu.“ Auch die Demo gegen Knie wird nicht angegriffen – nicht zuletzt, weil die Polizei der Anmelderin untersagt hat, mit den Teilnehmern vor den Eingang des Zirkus zu ziehen. Das gesamte Gelände ist von dem Unternehmen gepachtet worden; damit ist dort das Versammlungsrecht ausgehebelt. Die Tierfreunde können die Geschäfte, die auf Kosten der Tiere gemacht werden, kaum durch ihre Anwesenheit stören.

Aber bei der Bevölkerung haben sich die Tierrechts- und Tierbefreiungsaktivisten Aufmerksamkeit verschafft – mit einer Kampagne gegen Charles Knie. Für die Organisation und Durchführung haben sich sieben Gruppen zu dem Bündnis „Hamburg ohne Tierzirkusse“ zusammengeschlossen, das zum „Boykott der Tierausbeuter“ aufgerufen hat. Der Senat soll sich dafür einsetzen, dass „den geschundenen Opfern endlich ein Leben frei von menschlicher Nutzung ermöglicht wird, und den Auftritt von Zirkussen mit Tieren in Hamburg verbieten“, fordert Sprecherin Melanie Holzmann und kündigt fünf weitere Kundgebungen an.

Während sich die Sprecherin für Tierrechte der Linkspartei-Bürgerschaftsfraktion mit den Protesten solidarisiert („Es ist schlicht Tierquälerei, was in Zirkussen stattfindet. Haltung, Aufführung und die Reiserei sind weder artgerecht, noch mit dem Staatsziel Tierschutz zu vereinbaren“), begrüßen Christdemokraten und FDP, als einzige Parteien in der Stadt, das Knie-Gastspiel. „Schwarz-Gelb bedient doch immer die Profit-Interessen der großen Unternehmer“, meint Holzmann. Dass der tierschutzpolitische Sprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion den Zirkus zu allem Übel auch noch für dessen „vorbildliche Tierhaltung“ lobt, zeugt nach Ansicht der jungen Frau von „nahezu bemitleidenswertem Realitätsverlust und Anachronismus“.

Eine Umfrage der Gfk Marktforschung von 2010 gibt ihr Recht: 64,4 Prozent der Deutschen lehnen die Vorführung von Wildtieren in Zirkussen als „nicht mehr zeitgemäß“ ab. Umso weniger Verständnis können die Tierrechts- und Tierbefreiungsaktivisten aufbringen, wenn sie mitansehen müssen, wie sich immer noch viele Lehrer vor den Werbekarren der Zirkusunternehmen spannen lassen und komplette Schulklassen in den Zirkus lotsen. Das sei „pure Antiaufklärung“, „Vertrauensmissbrauch“ und Betrug an den Kindern, sagt eine Demonstrantin wütend. „Die meisten Kids würden weinen, wenn sie das Grauen hinter dem schönen Schein der bunten Zirkuskulissen sehen könnten“, ist sie überzeugt. „Außerdem sind Gewalt an Tieren, ebenso ein Tier- und Naturbild, das noch von den aneignenden Machtfantasien der Kolonialzeit durchzogen ist, keine pädagogisch sinnvollen Unterrichtsinhalte“, ergänzt Bündnis-Sprecherin Holzmann.

Für die Tierbefreiungsaktivisten ist ein Wildtierverbot nur der richtige Weg, aber nicht das Ziel. Sie sind Verfechter einer „neuen Sensibilität“, der Anerkennung der Tiere als empfindungsfähige Individuen und der Natur als „Verbündete im Kampf gegen die ausbeuterischen Gesellschaften“, wie sie der Philosoph Herbert Marcuse Ende der 1960er-Jahre verlangt hatte. „Die Befreiung der Natur bedeutet Wiederentdeckung ihrer lebenssteigernden Kräfte, der sinnlich-ästhetischen Qualitäten, die einem in endlosen Konkurrenzleistungen vergeudeten Leben fremd sind; sie verweisen auf die neuen Qualitäten der Freiheit.“ (15) Auf großen Bannern und Schildern mit Slogans wie „Artgerecht ist nur die Freiheit“ machen die Tierbefreier dann auch deutlich, dass es ihnen nicht um größere Käfige, sondern um die Einrichtung einer ganz anderen Gesellschaft geht – eine, in der Tiere keine Ware und keine Produktionsmittel mehr sind, eine in der es Bedürfnisbefriedigung für alle statt Profite für wenige gibt. Einige Passanten bleiben am Straßenrand stehen, als sie den Sprechchor der Demo-Teilnehmer „Wir sind laut, und wir sind hier – für die Befreiung von Mensch und Tier!“ hören; vereinzelt gibt es sogar spontanen Beifall.


Anmerkungen:

(1) http://www.youtube.com/watch?v=74b8JgfQ7ss&feature=related

(2) http://www.youtube.com/watch?v=OSn_5nZIuGg&feature=related

(3) http://elephanttrust.org/node/414

(4) http://www.peta.de/web/dressur_von.2388.html

(5) http://www.zirkus-charles-knie.de/startseite/unsere-tiere/

(6) http://www.peta.de/web/casselly.5511.html

(7) http://www.vier-pfoten.de/website/output.php?id=1227&idcontent=5195&language=1

(8) http://www.peta.de/web/kronezoo.5692.html

(9) http://www.zirkus-in-berlin.de/bundestierarztekammer-fordert-wildtierverbot/

(10) http://www.peta.de/web/pinocchioaigner.4222.html

(11)http://www.sueddeutsche.de/panorama/debatte-ueber-wildtierverbot-in-zirkussen-das-publikum-will-tiere-sehen-vor-allem-exotische-1.1218057

(12) http://www.saarkurier-online.de/?p=9522

(13) http://www.vegan.at/warumvegan/tierrechte/gewalt_gegen_tierrechtlerinnen.html

(14) http://www.peta.de/web/home.cfm?p=4916

(15) Herbert Marcuse, Natur und Revolution, in Konterrevolution und Revolte, Frankfurt am Main 1972, S. 72, 74