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Medienbüro Hamburg

Chirurgen sprechen über Behandlungsfehler

Erschienen am 25.10.2005 in "Neues Deutschland"

„Absolute Offenheit“ bei Fehlern

Chirurgentag in Hamburg erörtert Kommunikationsverhalten der Ärzte

Von Britta Warda

Im ärztlichen Alltag findet zu wenig Fehleranalyse statt, bemängelten Fachleute jüngst auf dem Chirurgentag in Hamburg

In nur etwa 20 Prozent aller deutschen Kliniken finden regelmäßig Morbiditäts-Konferenzen statt, auf denen Komplikationen, die während Operationen auftreten, erörtert werden. Ähnlich verhält es sich mit der Todesursachenforschung. Meist bleibt offen, warum der Patient im Operationssaal verstorben ist.

„Wir haben in Deutschland einen kontinuierlichen Rückgang von Obduktionen. Das Gegenteil wäre wünschenswert“, erklärte Prof. Joachim Jähne, wissenschaftlicher Leiter des Chirurgentages. Der Tod kann natürliche Ursachen haben, er kann aber auch aus Fehlern des ärztlichen Handels resultieren. „Untersuchungen sind für den Wissenszuwachs von entscheidender Bedeutung“, betonte der Leiter der Akademie für chirurgische Weiterbildung und fordert einen offenen Umgang mit Fehlern. „Die gehören zum ärztlichen Handeln, es gibt keine Chirurgie ohne Komplikationen, doch man muss über diese Tatsache reden“, sagte der Chirurg.

Jähne plädierte für die „absolute Offenheit“ bei der Suche nach den Ursachen, wofür eine angstfreie Atmosphäre des gegenseitigen Vertrauens im Ärzteteam Voraussetzung sei. Gerade leitende Ärzte sollten in ihrer Vorbildfunktion selbstkritisch agieren. Jähnes Ziel ist die Etablierung von regelmäßigen Mortalitäts- und Morbiditätskonferenzen in allen Kliniken und chirurgischen Abteilungen. Zusätzlich fordert der Mediziner die Einführung von  Indikationskonferenzen, auf denen vor der Operation die Diagnose noch mal anhand der Befunde und der Röntgenbilder diskutiert wird, um so unnötige Eingriffe auszuschließen. Außerdem sollten klinikinterne Fortbildungen und das Führen von Logbüchern als Nachweis des Weiterbildungsstandes zum Standard gehören. All diese Punkte sollten Grundvoraussetzung für  die Erteilung einer so genannten Weiterbildungsermächtigung werden. Nur mit diesem Dokument dürfen Kliniken Fachärzte ausbilden.

Kommunikation spielt auch im Verhältnis von Arzt und Patient eine wichtige Rolle. Nicht jeder Mediziner hat ein glückliches Händchen im Umgang mit dem Kranken. Aus dieser Erkenntnis heraus hat der Berufsverband der Deutschen Chirurgen (BDC), zugleich Veranstalter der Konferenz, das Seminarangebot „DOC.COM – Professionelle Kommunikation für Ärzte“ entwickelt. Von der Visite bis zur Übermittlung von schlechten Nachrichten werden Themen aus der Praxis in den Seminaren durchgespielt. „Uns ist wichtig, die Kollegen in ihrem Alltag zu erreichen und ihnen durch Schulungen ihr Verbesserungspotential sowie ihre ungenutzten Ressourcen zu zeigen“, sagte Dr. Friedrich Otto Stählin, selbst Chirurg und Seminar-Trainer.

Jüngste Neuerung zur Steigerung ärztlicher Kompetenz ist das Projekt ECKO (Evaluation chirurgischer Kompetenz). Das haben sich der  Berufsverband der Deutschen Chirurgen (BDC) und die Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCh) in Kanada abgeschaut. Dort ist die regelmäßige Teilnahme an diesen Tests Voraussetzung für die Verlängerung der Arztlizenz. Für deutsche Chirurgen ist dies bislang freiwillig. Die Probanden werden auf Herz und Nieren geprüft. Das geschieht durch anonyme Befragung von ärztlichen Kollegen, nichtmedizinischen Mitarbeiter und Patienten. Dabei wird ein ganzer Strauß von Kompetenzen hinterfragt. Neben dem Fachwissen stehen Kommunikations- und Teamfähigkeit, aber auch Managementqualitäten im Mittelpunkt. In Kanada bestehen etwa 90 Prozent der Teilnehmer die Prozedur, der Rest kann Defizite durch Schulungen wett zu machen. Fünf Prozent der Teilnehmer wird geraten, den Beruf aufzugeben.