stahlpress

Medienbüro Hamburg

Herzchirurgen diskutieren aktuelle Trends in der Therapie

Erschienen am 19.02.2005 in "Neues Deutschland"

Herzklappen aus der Petrischale


Herzspezialisten diskutierten auf Kongress in Hamburg aktuelle Trends der Therapie

Von Britta Warda 

Bei einem Herzinfarkt wird auf Grund mangelnder Durchblutung ein Teil des Herzgewebes zerstört. Bisher galt dieser Zustand als irreversibel. Doch seit einigen Jahren wird intensiv an Möglichkeiten zur Wiederherstellung der abgestorbenen Bereiche mit Hilfe so genannter adulter Stammzellen geforscht. Das sind Zellen im ausgewachsenen (adulten) Organismus, die noch die Fähigkeit besitzen, sich in spezielle Körperzellen zu verwandeln. Erste Ergebnisse einer klinischen Studie zur Infarktbehandlung mit solchen Zellen, die derzeit an der Universität Rostock durchgeführt wird, geben Anlass zur Hoffnung.
»Die Behandlung könnte in naher Zukunft zu den Standard-Therapien gehören«, versichert der Leiter der Studie Prof. Gustav Steinhoff bei einem Pressegespräch am Rande der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie in Hamburg. Bereits 2001 wurde an der Rostocker Uniklinik weltweit zum ersten Mal bei einem Herzinfarktpatienten eine Injektion von Stammzellen in den Herzmuskel vorgenommen. Behandelt werden Patienten mit länger zurückliegendem Infarkt, bei denen eine Bypass-Operation notwendig ist. Einen Tag vor dem Eingriff wird Knochenmark aus dem Beckenknochen gewonnen. Die daraus isolierten rund 150000 adulten Stammzellen werden anschließend während der Operation in das abgestorbene Herzgewebe gespritzt.
»Die Sicherheit und der Nutzen der kardionalen Stammzelltherapie ist bereits in verschiedenen Zentren bestätigt worden«, erklärt Steinhoff. Die aktuelle Studie soll nun die bisherigen Beobachtungen wissenschaftlich untermauern. Nur die Hälfte der insgesamt 100 Studien-Teilnehmer wird mit Stammzellen behandelt, bei den anderen 50 Patienten wird nur die Bypass-Operation durchgeführt. Der Vergleich beider Gruppen soll Rückschlüsse auf die Wirksamkeit der Stammzellentherapie erlauben. »Die bisherigen Nachuntersuchungen an 40 Patienten zeigten eine deutliche Verbesserung der Durchblutung des geschädigten Gewebes von etwa acht bis neun Prozent in der Gruppe der Stammzellen-Empfänger«, so der Herzchirurg.
Unklar ist der Mechanismus, der zur Regeneration des Gewebes führt. Denn eine Differenzierung der adulten Stammzellen zu Herzzellen wurde bisher nicht beobachtet. »Dieses Potenzial haben embryonale Stammzellen, bei den adulten ist man sich nicht sicher«, erklärt Steinhoff. Embryonale Stammzellen sind noch völlig unspezialisiert, sie sind »pluripotent«. Das heißt, sie haben die Fähigkeit, sich zu allen etwa 200 verschiedenen Zelltypen des erwachsenen Organismus zu entwickeln. Ein weiterer Faktor, der die Zellen so begehrt macht, ist ihre Fähigkeit, sich unbegrenzt zu vermehren, ohne dabei abzusterben.
In Deutschland ist die Herstellung menschlicher embryonaler Stammzellen derzeit verboten. Lediglich die Einfuhr von solchen Zellen für Forschungszwecke ist unter strengen Auflagen möglich. Das ethische Problem der Gewinnung ist aber nur ein Argument gegen die Anwendung bei der Behandlung von Herzinsuffizienz. Im Tierversuch wurden auch Abstoßungsreaktionen und die Entstehung von Tumoren beobachtet.
Auch bei anderen Herzerkrankungen bedient man sich inzwischen der Biotechnologie. »Gute Fortschritte machen derzeit die Studien zur Züchtung von Herzklappen aus körpereigenem Gewebe, dem so genannten Tissue engineering«, berichtete Prof. Axel Haverich von der Medizinischen Hochschule Hannover. Experimentelle Forschungen an Tieren – weltweit werden nur Schafe zur besseren Vergleichbarkeit der Ergebnisse genutzt – und erste klinische Versuche legen die Vermutung nahe, dass das implantierte Gewebe mit dem Patienten mit wächst. Bestätigt sich das, wäre das ein Durchbruch – nicht nur für Kinder.
Bisher werden mechanische Klappen, Transplantate Verstorbener oder Herzklappen von Schweinen als Ersatz benutzt. Der Nachteil: es handelt sich nicht um körpereigenes Gewebe. Die Klappen verkalken, wachsen nicht mit und Abstoßungsreaktionen müssen lebenslang durch Medikamente unterdrückt werden.
Um eine Herzklappe zu züchten, wird eine biologische »Matrix« benötigt. Das Trägermaterial kann sowohl von Tieren (in der Regel benutzt man das Gewebe von Schweinen) als auch von verstorbenen Menschen stammen. Alle Zellen des früheren Wirtes werden entfernt, so dass nur ein Gewebegerüst übrig bleibt. Anschließend wird die Matrix mit körpereignen Gefäßzellen des Implantatempfängers besiedelt. Die Zellen vermehren sich. Im Optimalfall soll die neue Klappe nach sechs Monaten so weit sein, dass man sie transplantieren kann. Bis zum klinischen Einsatz dieser Technik, so meinen die meisten Mediziner, dürfte man noch fünf bis zehn Jahre brauchen. Zurzeit gibt es im Tierversuch noch Probleme mit der Stabilität der Klappen.