stahlpress

Medienbüro Hamburg

Nashörner vom Aussterben bedroht

Erschienen am 15.01.2007 in "Neues Deutschland"

Nashörner vom Aussterben bedroht

Utopie und Menetekel
Schicksal der Nördlichen Weißen Nashörner steht auf der Kippe


Von Michael Sommer

Im Kongo sind die seltensten Säugetiere der Welt, die Nördlichen Weißen Nashörner, von ihrer Ausrottung bedroht. Ein neues Buch ist ihnen gewidmet.
In die Tiere vermummt sich die Utopie, schreibt Adorno in seiner Minima Moralia. Weil sie ohne eine für den Menschen erkennbare Aufgabe existieren, bedeuten sie nichts weiter als den eigenen Namen und entziehen sich so der Gesellschaft, die alles in Ware verwandelt und an seiner Zweckmäßigkeit misst. Das mache sie »den Kindern lieb und ihre Betrachtung selig«. »Ich bin ein Nashorn, bedeutet die Figur des Nashorns« – dies ist der schlichte Ausdruck, auf den Adorno die Utopie von einer mit sich und der Natur versöhnten Gesellschaft brachte. Dass das Nashorn einmal ein Zeichen dafür werden könnte, wie weit unsere Gesellschaft von diesem utopischem Bild entfernt ist, konnte der Philosoph sich vermutlich kaum vorstellen.
Zwei Nashörner liegen in der Afrikanischen Savanne, eine Nashornkuh mit ihrem Kalb. Sie sind tot. »Steif ragten die Beine in die Höhe, als flehten sie um Vergeltung dieser Gräueltat.« Beiden fehlen die Hörner. »Mit Macheten wurden sie aus den Köpfen der Dickhäuter losgehackt und gänzlich abgebrochen, davongetragen.« Mit diesen Worten beschreibt Armin Püttger-Conradt das Sterben der Weißen Nashörner, einer Unterart des Breitmaulnashorns, im Kongo. 1981 stieß der unweit von Hamburg geborene Zoologe bei seinem Aufenthalt in Afrika auf die Tragödie der imposanten Tiere. Innerhalb von nur fünf Jahren Jahren blieben von 200 Nashörnern im kongolesischen Garamba-Nationalpark, mehr als 200 im Sudan und 40 Tieren in Uganda ganze 14 übrig. 1979 war ein Programm des belgischen WWF zum Schutz der weißen Nashörner wegen Geldmangels ausgelaufen. In den vom Bürgerkrieg gezeichneten Regionen Afrikas ließ sich das Rhinohorn »bei gutem Verdienst leicht an Aufkäufer verschachern«, um als »Heilmittel« oder Dolchgriff in Südostasien oder dem Jemen zu horrenden Preisen verkauft zu werden.
Der Initiative Püttger-Conradts ist es zu verdanken, dass seit 1985 wieder kontinuierlich für den Schutz massigen Landtiere gearbeitet wird. Über seinen Einsatz für die Nashörner hat er einen Bericht geschrieben. Es ist die Geschichte seiner Aufenthalte im Garamba-Nationalpark, seiner Suche nach den letzten noch lebenden weißen Nashörnern und seines Kampfes für ihr Überleben. Vor allem aber ist es eine bedrückende Darstellung der »unumkehrbaren Endgültigkeit, die auftritt, wenn eine Art von der Erde verschwindet«.
Bis heute sind die weißen Nashörner das seltenste Säugetier auf Erden. Und ob ihr Überleben gesichert werden kann ist fraglich: Bei einer so kleinen Gründergruppe bestehen akute Inzuchtprobleme. Ein genetischer Austausch ist nur noch mit einigen in einem Zoo in Tschechien lebenden Nashörnern möglich. Ob das aber genügen wird, um das Überleben der Dickhäuter zu retten, lässt Püttger-Conradt, Gründer und Vorsitzender des »Komitees zur Rettung der letzten Nashörner e. V.«, offen. Der im Kongo noch immer nicht beendete Bürgerkrieg kostete bis zum Jahr 2005 erneut 15 Rhinos das Leben. Niemand, so der Zoologe, kann derzeit sagen, wie die Zukunft der verbliebenen 18 Tiere aussieht.
Die Nashörner, die für Messergriffe und Potenzmittel dahingeschlachtet werden, sind zum Menetekel einer Gesellschaft geworden, in der Menschen »brutal und rücksichtslos mutieren, wenn es darum geht, finanzielle Gewinne zu erzielen«. Und doch bleiben sie auch für Armin Püttger-Conradt mit der Utopie einer besseren Welt verbunden. Der Kampf für die Nashörner ist ein Kampf für die Menschen, schreibt der Nashornschützer, ein Kampf für eine Welt, für die wir uns vor zukünftigen Generationen nicht zu schämen brauchen.

Armin Püttger-Conradt, Der Fluch des Horns. Die letzten weißen Nashörner im Kongo, Frederking & Thaler Verlag, München 2006, 255 S., 11 EUR