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Medienbüro Hamburg

Ausgebrannt und unterbezahlt

Erschienen am 23.11.2007 im "Weser Kurier"

Ausgebrannt und unterbezahlt

Volker Stahl

Weniger Stunden, mehr Arbeit - auf diese Faustformel lässt sich das Ergebnis einer Studie zur Belastung der Hamburger Krankenhausärzte bringen. Immer mehr fühlen sich ausgebrannt.Die Zahlen sind alarmierend. Fast jeder dritte in Hamburger Krankenhäusern beschäftigte Mediziner ist laut Selbstdiagnose "emotional erschöpft" - 50 Prozent mehr als vor zehn Jahren. Der Anteil Burnout-Gefährdeter unter Ärzten und Ärztinnen liegt aktuell bei 30 Prozent.Interessant ist die Aufschlüsselung der vom Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM) erstellten Studie: Männer sind stärker betroffen als Frauen.

Der Anstieg bei Ober- und Chefärzten ist bei einer Steigerung von 12,5 auf 32,7 Prozent "hochsignifikant". Die an den Universitäts- und vor allem den privaten Asklepios-Kliniken Beschäftigten leiden deutlich häufiger an Symptomen wie Reizbarkeit, Selbstzweifel, Arbeits- und Lebensunlust, Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Kopfschmerzen, und Herzrasen als in gemeinnützigen Einrichtungen Tätige.Was auffällt: Am stärksten von Burnout-Symptomen betroffen sind Ober- und Chefärzte in der Chirurgie: An Universitätskliniken und gemeinnützigen Krankenhäusern sind es rund 28 Prozent, bei Asklepios-Beschäftigten sogar 60 Prozent.Für die Erhebung, die aus dem Sommer dieses Jahres stammt, stand die 4399 Anschriften umfassende Datei der Hamburger Ärztekammer zur Verfügung. Die federführende Arbeitsgruppe Psychosomatische Belastung am ZfAM unter der Leitung von Dr. Ralf Wegner schrieb 2140 Mediziner an und verzeichnete einen Fragebogenrücklauf von 48 Prozent (Männer: 45 Prozent, Frauen: 51 Prozent).

Anlass zur Erstellung der Studie war ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs zur Arbeitszeit von Ärzten. Als Folge des Richterspruchs waren in den vergangenen zwei Jahren Bereitschaftsdienste vermehrt in Schichtdienste umgewandelt worden. Tatsächlich hat sich die Zahl der in den Kliniken geleisteten Arbeitsstunden deutlich verringert und zwar um durchschnittlich fünf Stunden wöchentlich. So sank die Stundenzahl in der Inneren Medizin von 64 auf 55. Auch die Chirurgen arbeiteten weniger. Kaum Veränderungen gab es dagegen in der Pädiatrie und in der Gynäkologie, wo die mittlere Arbeitszeit weiter 60 Stunden beträgt."Der von uns aber deutlich festgestellte Rückgang der reinen Arbeitszeit widerspricht dem, was man in der Presse im Allgemeinen liest", kommentierte Studienleiter Dr. Ralf Wegner das Ergebnis. Der Arbeitsmediziner konstatiert, dass es durch den Zuwachs der bürokratischen Aufgaben, der Arbeitsdichte und der von vielen Ärzten beklagten "Ökonomiezentriertheit der Patientenversorgung", also der starken Orientierung an wirtschaftlichen Prinzipien in der Therapie, zu höheren Belastungen vor allem im mentalen Bereich gekommen sei.Dass die "gefühlte" Mehrbelastung eine schlechtere Versorgung der Patienten nach sich ziehe, schließt Wegner aus.

Ein Problem sieht er eher in der zunehmenden Unzufriedenheit in der Ärzteschaftt. Viele beklagten Einkommensverluste und ärgerten sich, dass Leistungen im Ausland besser anerkannt würden: "Fast jeder kennt einen Kollegen, der nach Norwegen, Dubai oder in die Schweiz gegangen ist und dort deutlich mehr verdient."

"Hält dieser Trend an, werden langfristig nicht mehr genügend qualifizierte Ärzte zur Verfügung stehen, befürchtet Wegner. Rund 20 Prozent der ausgebildeten Mediziner ergriffen nicht mehr den Arztberuf, sondern gingen beispielsweise in die Pharmaindustrie: "Viele holen sich ihre Approbation gar nicht mehr ab - das hat es früher nie gegeben." Frank Ulrich Montgomery, ehemaliger Vorsitzender der Krankenhausvereinigung Marburger Bund, sieht daher "akuten Handlungsbedarf". Arbeitzeiten und -bedingungen müssten schnellstmöglich verbessert werden, lautet seine Forderung: "Viele fühlen sich unter Wert behandelt." Vor dramatischen Folgen für das Klinikpersonal und die Patienten warnt die gesundheitspolitische Expertin der Hamburger SPD, Tanja Bestmann: "Wer Gesundheitswesen und Krankenhäuser ausschließlich nach Aspekten der Gewinnmaximierung betrachtet, wird seiner Verantwortung sowohl für Beschäftigte als auch für Patienten nicht gerecht." Bedrückend sei insbesondere die hohe Belastung in den ehemaligen Kliniken des Landesbetriebs Krankenhäuser, die jetzt zum Asklepios-Konzern gehören. Dort arbeiteten die Ärzte nahe an der Erschöpfungsgrenze.