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Himbeereis mit Sägespänen

Erschienen am 06.08.2008 in "Neues Deutschland"

Himbeereis mit Sägespänen

Ein Rundgang im Deutschen Zusatzstoffmuseum in Hamburg

Von Susann Witt-Stahl

MuseumDie Hamburger Lebensmittelstiftung will mit einem bisher einmaligen Projekt über die Problematik des Einsatzes von Zusatzstoffen aufklären. Dabei kommen auch beunruhigende Gesetzeslücken zum Vorschein.

Substanzen, deren Behälter mit einem Totenkopf-Symbol gekennzeichnet sind, verortet der Verbraucher im Giftschrank des Kammerjägers. Sie sind aber auch häufig als Zusatzstoff in Lebensmitteln enthalten. Das gilt beispielsweise für Natriumnitrit, das zur Umrötung von Wurstwaren verwendet wird und im Magen in krebserzeugende Nitrosamine umgewandelt werden kann.

Unter den Sammelbegriff „Zusatzstoffe“ fallen Geschmacksverstärker, Antioxidationsmittel, Enzyme, Trenn- und Verdickungsmittel, Wachse, Farb-, Süß-, Füll- und viele andere Stoffe. Welche Wirkung haben sie? Welche Zusätze sind bedenklich? Bislang tappte der Verbraucher im Dunkeln.

Das Deutsche Zusatzstoffmuseum soll intensive Aufklärung leisten und den Dschungel der geheimnisvollen Substanzen und ihrer für den Verbraucher nichtssagenden Bezeichnungen erschließen. Das von den Lebensmittelchemikern Georg Schwedt und Udo Pollmer mitentwickelte Projekt hat Ende Mai auf dem Gelände des Hamburger Großmarkts seine Pforten geöffnet. Es ist bislang weltweit das einzige Museum dieser Art.

Der Besucher schlendert durch eine Supermarkt-Kulisse, in der Attrappen von Lebensmitteln aller Segmente, beispielsweise Kühlprodukte, Backwaren und Getränke, vorhanden sind. „Für repräsentative Produkte der einzelnen Bereiche haben wir typische Zusatzstoffe herausgegriffen und erläutern jedes Detail ihrer Herkunft, Funktion und Wirkung“, erklärt Friederike Ahlers, Leiterin und Vorstand der Hamburger Lebensmittelstiftung, die Träger des Museums ist.

Während des Rundgangs erfährt der Verbraucher allerlei Erstaunliches, Hilfreiches – manchmal auch Ärgerliches: Selbst in Bioprodukten sind zahlreiche Zusatzstoffe erlaubt. Und wer ein Himbeer-Eis kauft, das laut Packungsangabe „natürliche Aromen“ enthält, kann nicht unbedingt davon ausgehen, dass tatsächlich Früchte enthalten sind. Oft sind Sägespäne die Lieferanten des „Himbeer-Aromas“.

Um die Herstellungsprozesse künstlicher Geschmacksstoffe nachzuvollziehen, können die Besucher an einem Versuchstisch eigenhändig ein Bananen-Aroma zusammenmischen. Dabei entsteht ein aufdringlicher, stechender Geruch. „Ein Hinweis, dass viele Lebensmittel überaromatisiert sind“, erläutert Friederike Ahlers. „Bei häufigem Genuss wird der Geschmack auf das echte Aroma von natürlichen Lebensmitteln verdorben.“
Es lohnt sich auch, einige der zahlreichen E-Nummern in den ausliegenden Listen nachzuschlagen. Hinter den Zahlen verbergen sich nicht selten unappetitliche Zusätze wie Wollwachs (E 913), ein Sekret der Talgdrüsen des Schafes, das in Kaugummis enthalten sein kann.

Zwar sind die meisten Zusatzstoffe unbedenklich. Aber manchmal werden hinter harmlos klingenden Tarnbegriffen wie „Gewürze“ auch gesundheitsgefährdende Stoffe versteckt. Das gilt beispielsweise für Mononatriumglutamat das oft als „Hefeextrakt“ oder „fermentierter Weizen“ deklariert wird. Der Geschmacksverstärker kann das so genannte China-Restaurant-Syndrom auslösen: Schläfendruck, Kopfschmerzen, Nackensteife.

Ein weiteres Problem: Zusatzstoffe müssen auf den Packungen nicht ausgewiesen werden, wenn sie keine technologische Funktion mehr ausüben. Das heißt, ein Joghurt dessen enthaltene Fruchtzubereitung mit Konservierungsmitteln haltbar gemacht wird, darf die Aufschrift „ohne Zusatz von Konservierungsstoffen“ tragen, wenn die Dosis so gering ist, dass sie nur reicht, um die Früchte, nicht aber den kompletten Joghurt zu konservieren. Und bei dem Großteil unverpackter Ware und beim Einsatz von geringen Mengen müssen Zusatzstoffe gar nicht ausgewiesen werden.

Das sind Gesetzeslücken, die es den Herstellern leicht machten, den Verbraucher zu täuschen, bedauert Museumsleiterin Ahlers: „Sokönnensie ungehindert ihre Clean-Label-Strategie fahren: Auf dem Etikett nicht nichts drauf, aber in den Lebensmitteln viel drin.“


Informationen: Deutsches Zusatzstoffmuseum, www.zusatzstoffmuseum.de, Tel. 040-32 027 757