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Arved Fuchs berichtet von seiner Expedition nach Grönland

Erschienen am 15.10.09 in den "Kieler Nachrichten"

Das Eis schmilzt den Grönländern unter den Füßen weg

Abenteurer Arved Fuchs berichtet von seiner Expedition nach Grönland

Arved FuchsVon Volker Stahl

Hamburg – Schiffe sind das Biotop des Weltenbummlers Arved Fuchs. Dazu passt die Wahl der Rickmer Rickmers im Hamburger Hafen als Ort für die Präsentation seiner jüngsten Expedition „Nordpoldämmerung“, die den Bad Bramstedter nach Grönland geführt hat.

Hauptthema der 6000 Meilen langen Seereise mit dem Haikutter Dagmar Aaen ist der Klimawandel. „Wir stehen vor einem neuen Zeitalter“, sagte Fuchs im Clubraum des Museumsdampfers an den Landungsbrücken. Die Folgen des Klimaumschwungs in der Arktis seien zum Teil dramatisch, berichtete der 56-Jährige und nannte ein Beispiel: Der Monat August war früher die beste Zeit, um den Smithsund zwischen der kanadischen Ellesmere-Insel, der weltweit zehntgrößten Insel, und Grönland zu überqueren. Bedingt durch die Veränderung des Weltklimas wurden in diesem Jahr gewaltige Eismassen in den Sund geschoben – verursacht durch die Eisschmelze im arktischen Ozean. „Das Navigieren unseres Schiffes war äußerst problematisch“, berichtete Fuchs und erklärte, er könne – bedingt durch die völlig anderen Eisverhältnisse – seine nautischen Erfahrungen der vergangenen 30 Jahre über Bord schmeißen.

Arved FuchsDoch nicht nur erfahrene Seebären müssen sich auf die neue Zeit einstellen: Am stärksten betroffenen sind die Menschen, die in der Nähe des Polarkreises leben. Eine Station auf der Forschungsreise war die Gemeinde Siorapaluk, die als nördlichste Siedlung der Welt gilt. Zwar liege das norwegische Spitzbergen noch weiter im Norden, diene wie andere vergleichbare Orte aber nur als Forschungsstation, so Fuchs: „In Siorapaluk leben die Menschen seit Generationen.“

Den Heutigen schmilzt dort das Eis quasi unter den Füßen weg. Es bildet sich erst zwei Monaten später als zu früheren Zeiten und bricht zwei Monate früher auf. Außerdem ist das Meereis dünn und deshalb unsicher geworden, sodass die Jäger nicht zu ihren angestammten Jagdgründen gelangen können. Sichere Fahrten sind nur noch auf dem Fjordeis möglich. „Die Zeiten, in denen sie Verwandte im kanadischen Grise Fjord mit dem Hundeschlitten besuchen konnten, sind vorbei“, so Fuchs. Die Zahl der eingebrochenen Schlitten und Rettungsmaßnahmen habe sich zuletzt sprunghaft erhöht. Außerdem müsse das Fleisch neuerdings gesalzen werden, da es sich nicht mehr so lange lagern lasse und Fliegen anlocke, die dort Maden absetzten.

Wissenschaftliche Messungen bestätigen die subjektiven Erfahrungen in Sachen Klimawandel. Im Sommer 2009 war die kleinste Eisfläche des Jahres im Nordpolarmeer nur noch 5,1 Millionen Quadratmeter groß. Früher umfasste die sommerliche Eisausdehnung im Durchschnitt 7 Millionen Quadratmeter. Laut dem US-Eis- und Schneedatenzentrum NSIDC ist diese Eisfläche die drittkleinste seit Beginn der Messungen per Satellit im Jahr 1979. Den Negativrekord hatten die Forscher 2007 mit 4,1 Millionen Quadratmeter vermeldet.

Die mit drei Crew-Mitgliedern besetzte Dagmar Aaen wird nach Fuchs’ zwischenzeitlicher Rückkehr nach Deutschland in Upernavik im Nordwesten Grönlands überwintern. In der Nähe des Schiffes sollen zahlreiche wissenschaftliche Messinstrumente installiert werden, um Daten zu sammeln. Es handelt sich dabei um Temperaturmessungen im Meereis, im Ozean und der Luft. Außerdem sollen der Salz- und Schadstoffgehalt festgestellt und die Eisdicke ermittelt werden. Ziel ist es, mithilfe dieser Daten im nächsten Weltklimareport eine genauere Vorhersage über zukünftige Entwicklungen der Umwelt zu ermöglichen.

Doch Fuchs wäre nicht Fuchs, wenn er nicht auch von einem Abenteuer berichtet hätte, das vor 126 Jahren 19 Menschen das Leben gekostet hatte. Trotz schwieriger Eisverhältnisse steuerte der Holsteiner das Kap Sabine auf der kanadischen Pim-Insel an. Dort fand er Relikte der dramatisch verlaufenen Expedition des Oberleutnants Adolphus Greely, dem 1881 der Rückweg durch Packeisfelder versperrt war. Nach 51 Tagen auf See strandete die 24-köpfige Crew auf der Pim-Insel. Nur fünf Mitglieder überlebten Hunger und Kälte. „Wir haben zahlreiche vermoderte Kleidungsstücke gefunden“, erzählte Fuchs vom grausigen Fund, aus dem sich „eine Art Humus“ gebildet habe. Mit Folgen: Während die Umgebung des alten Hausfundaments ein ödes Brachland ist, hat sich an dem Ort, wo die zwei Dutzend Männer auf engstem Raum nebeneinander kauerten, eine grüne Mini-Vegetation gebildet.

Arved Fuchs