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Medienbüro Hamburg

Vom Multikulti-Prinz zum Multi-Arschloch

Erschienen in "Kunst + Kultur" 3/2005

„Vom Multikulti-Prinz zum Multi-Arschloch“

Eine Blütenlese aus dem multimedialen Kampf gegen die multikulturelle Gesellschaft

Von Susann Witt-Stahl

Wie führt man die islamische Parallelgesellschaft in die „bessere, in die aufgeklärt-christliche“ Gesellschaft hinein (Die Welt)? Diese Frage scheint bei weitem nicht mehr nur  konservativ-leitkulturell geprägte Organe zu umtreiben, deren Ausläufer bis in die rechten Randbezirke der Berliner Republik hinein ragen. Dort hatte Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) der Jungen Freiheit bereits 1998 offenbart, ohne „deutsche Leitkultur“ sei kein „innerer Friede in Deutschland“ zu haben.
Seit dem 11. September bilden auch Publizisten aus der neuen Mitte und dem links-liberalen Lager eine Front gegen den „Kniefall vor dem Multikulti-Prinzip“ (Der Spiegel). Unerwartete Schützenhilfe bekommt die Konsensgemeinschaft gegen die „Multikulti- und Antidiskriminierungsidylle“ (Bild) sogar von Linksaußen. Dort hatten in den neunziger Jahren einige Versprengte vom Kommunistischen Bund (KB) und den Grünen mit prominenter Unterstützung des konkret-Herausgebers Hermann Gremliza eine affirmative Wende Richtung bürgerliche Vernunft und kapitalistischen Fortschritt vollzogen und das „antideutsche Sektenwesen“ – wie der linke Theoretiker Robert Kurz die erklärten „Freunde des amerikanischen Krieges“ nennt – gegründet. Das Zentralorgan der Antideutschen namens Bahamas will radikal aufräumen mit dem „Multikulti-Gewese“, denn es sei nichts weiter als „Verrat an der Aufklärung“. Unisono mit der Jungen Freiheit hatte das Magazin dann auch 2002 Oriana Fallacis primitiv rassistische Hetzschrift gegen Nicht-Weiße „Die Wut und der Stolz“ hochgelobt, in der die italo-amerikanische Schriftstellerin behauptet, Muslime würden sich „vermehren wie die Ratten“.   
Wenn es darum geht, das verschwörerische Tun der „Klerikalhooligans“ (konkret) und einer „islamischen Internationalen“ aufzudecken und als „die größte Gefahr, die den Siegern aller bisherigen Geschichte droht“, zu perhorreszieren, halten sich immer weniger Autoren noch damit auf, zwischen Islam und islamischen Fundamentalismus, Muslimen und Jihadisten zu unterscheiden – ein Moslem ohne Sprengstoffgürtel gilt schlichtweg als unvollständig. Da „Millionen Muslime, die ihren Wohnsitz in Westeuropa und Nordamerika haben“, das mörderische Handwerk der Gotteskrieger „nicht ohne Zuneigung betrachten“, meint Hermann Gremliza, seien „guter und böser Islam keine Unterscheidung, sondern eine Unterstellung“. Es gäbe eine „Kontinente umspannende Zone“ von Staaten, die „gemeinsam an dem Strick ziehen, den sie den Ungläubigen um den Hals legen“. Und nach dem 11. September sind zu allem Übel auch noch „die Deutschen über Nacht zum Anwaltskollektiv der Islamisten mutiert“.
Eine starke Idiosynkrasie gegen Muslime empfindet auch Eckhard Fuhr. Der Feuilleton-Chef der Tageszeitung Die Welt schätzt sie schon allein nicht als „Ernährungsminderheit“ und wegen ihrer „Nachbarschaft“ zu den Veganern. „Die eine Minderheit will wissen, wo es Fleisch von geschächteten Hammeln und die andere, wo es gelatinefreie Gummibärchen gibt“, beschreibt der passionierte Jäger Fuhr in der Berliner Morgenpost das satanische Komplementärverhältnis von Fleischgenuss und Fleischverachtung: „So ist das im multikuturellen Patchwork.“ Und so sei es natürlich auch kein Zufall, dass die politischen Morde in den Niederlanden an Pim Fortuyn und Theo van Gogh, Kritikern der „Toleranz gegenüber jedwedem kulturellen Eigensinn“, von einem Veganer und einem Islamisten verübt worden seien.
In der Regel gilt die medial vermittelte Kritik an der Multikuli-Gesellschaft nicht etwa der Segregation, dem interaktionslosen Nebeneinander der Kulturen. Auch nicht dem positiven Rassismus und der naiven Sozialromantik, die in den achtziger und neunziger Jahren von einem häufig über erträgliche Maße kulturindustriell ästhetisierten Dritte-Welt-Exotismus – „so sexy kann Multikulti sein“ (N24) – getragen waren, dessen folkloristischer Kitsch der Tchibo-Werbung in nichts nachstand.    
Wenn Franz Josef Wagner in seiner Welt-am-Sonntag-Kolumne den grünen Politiker Cem Özdemir hämisch als Sohn einer türkischen „Multikulti-Mutter“ bezeichnet, der nicht „Kleinkrimineller, sondern Schulsprecher“ geworden sei. Wenn Wagner Özdemirs Karriereknick nach der Bonus-Meilen-Affäre mit den Worten, der erste türkischstämmige Bundestagsabgeordnete sei „der Multikulti-Prinz Deutschlands gewesen, und nun ist er das Multi-Arschloch“, kommentiert, dann geht es nicht mehr darum, einen korrumpierbaren Politiker zu verhöhnen – es geht um die Diskreditierung der Emanzipation. Wenn tagtäglich über den „islamischem Staat im Staate“ (Bild) berichtet wird, über muslimische „Hass-Prediger“, die „oft noch Sozialhilfe kassieren“, nur Türkisch oder Arabisch sprechen, so dass Verfassungsschutz und Polizei „meist hilflos“ seien, dann geht es darum, Angst zu schüren und „den Moslem“ zur bedrohlichen Gegenrasse zu erklären.
So fordert Jan Kanter dann in Die Welt – die übrigens den Antideutschen bereitwillig ihre Pforten für die Darlegung ihrer machiavellistisch-bellizistischen Positionen geöffnet hat – eine „neue Härte“ und ein entschlosseneres Auftreten der Staatsmacht. Das Ziel: Die „wehrhafte Verteidigung westlicher Werte“. Auch Günter Müchler (Deutschlandradio)wünscht sich, dass der„moderne Toleranzstaat“ einer strengen Prüfung unterzogen wird. Wenn in den Parlamenten darüber gestritten werde, „ob es einen Unterschied zwischen Nonnentracht und islamischen Kopftuch gibt, ahnt man, welche Hypotheken der Werteverfall inzwischen aufgehäuft hat“. Das Resultat des „Laisser-faire“ sei ein Erstarken des Rechtsradikalismus – für den Fremdenhass sind selbstverständlich die Fremden verantwortlich. „Die Berufung auf abendländisch-christliche Werte“ gewinnt bei den deutschen Wählern in „Abgrenzung zu aggressiven, intoleranten Muslimen wieder an Bedeutung“, weiß Bild und stellt sogleich die Frage: „Wird Frau Merkel wie George Bush?“ Die linke Wochenzeitung Jungle World hatte ihren Lesern bereits zwei Monate nach den Anschlägen auf das WTC geraten, endlich anzuerkennen, dass die Definitionsmacht über die Begriffe Zivilisation und Barbarei nun mal „in den Besitz“ von George W. Bush übergegangen ist und die USA samt ihrer Kulturindustrie wieder als das „persuit of happiness“ zu begreifen sind.
Angesichts der „islamischen Bedrohung“ wird die westliche Zivilisation wieder undialektisch rezipiert und fröhlich akklamiert. Die Erinnerung an die Tatsache, dass ausgerechnet im Zentrum der historischen Aufklärung beschlossen worden war, „die Erde nicht mehr mit dem jüdischen Volk und einer Reihe von anderen Volksgruppen zu teilen“, wie der Sozialwissenschaftler Enzo Traverso in seinem Essay „Moderne und Gewalt“ über den unfassbarsten Ausdruck von Barbarei schreibt, scheint mehr und mehr zu verblassen. Die Erkenntnis Adornos, dass die Barbarei „in das Prinzip der Zivilisation selbst eingeschrieben ist“, das Wissen über die „Dialektik der Aufklärung“ tritt wieder zurück hinter die positivistische Aufklärungsideologie – eine Regression, für deren Unmöglichkeit Auschwitz lange Zeit als unerschütterbare Bedingung galt.
Eine ideologische Matrix für den neuen westlichen Zivilisationsoptimismus und abendländischen Chauvinismus liefert der Politikwissenschaftler Samuel P. Huntington mit seinem 1996 erschienenen Buch „The Clash of Civilizations“. Der Berater des US-Außenministeriums identifiziert das Zeitalter nach dem Zusammenbruch des Kommunismus als ein postideologisches und die neue Weltordnung als multipolares System sich feindlich gegenüber stehender Kulturen und Religionen. Analog zu sozialdarwinistisch geprägten Theoretikern des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts wie Houston Stewart Chamberlain, die einen „Kampf der Rassen“ als anthropologische Konstante erkannt haben wollten, redet Huntington einem „Kampf der Kulturen“ das Wort. Dabei blendet er nicht nur die ökonomischen Besitz- und militärischen Machtverhältnisse zwischen Nord und Süd aus, sondern verklärt die Hegemonialkriege und Ausgrenzungsmaßnahmen der reichen Industrienationen zum Zweck der Besitzstandswahrung des Wohlstands gegen die Armen dieser Welt als eine Art Armageddon von Zivilisation gegen Barbarei. In diesem Zusammenhang überrascht es kaum, dass Huntington auch gegen die multikulturelle Gesellschaft („Multikulturalismus gefährdet die USA und den Westen“) ihre Verteidiger („eine kleine, aber einflussreiche Minderheit von Intellektuellen und Publizisten“) wettert, die den „moralischen Zerfall und kulturellen Selbstmord“ des Westens forcieren.
„Samuel Huntington hatte Recht, es findet ein Kampf der Kulturen statt“, konstatiert der Autor Henryk M. Broder in einem Spiegel-Artikel über die Nachsicht der europäischen Intellektuellen mit islamischen Terroristen nicht ohne Euphorie. Der Publizist bescheinigt den arabischen Tätern keine anderen Motive als die reine „Freude an der Barbarei“. Denn es gehe nicht um „globale Gerechtigkeit, nicht um die legitimen Rechte der Palästinenser oder eines anderen unterdrückten Volkes“, weiß Broder, „es geht um die reine Lust am Morden, die inzwischen nicht einmal einen Vorwand braucht“.
Der Spiegel- und Tagesspiegel-Autor hat nicht nur kein Verständnis für intellektuelle „Terroristen-Versteher“: Ebenso wie Hermann Gremliza, für den ein „dürftig durch Kopftuchverbote kaschiertes antiamerikanisches Bündnis Deutsch-Europas mit dem Islamismus“ schon lange beschlossene Sache ist, ist sich Broder in der Jüdischen Allgemeinen ganz sicher, dass die Europäer mit islamischen Terroristen, den Palästinensern und der Dritten Welt ein gemeinsames Ziel verfolgen: die Opferung Israels und die „Endlösung der Judenfrage“. Dies sei nur kein „deutsches Projekt mehr, es ist eine gesamteuropäische und spätestens seit der Abstimmung in der UN-Vollversammlung zum ‚Sperrwall’ eine globale Aufgabe“.

Das vermutet auch die Redaktion der Bahamas und hofft, dass der derzeitige Welt-Hegemon wiederum eine globale Lösung für die 1,3 Milliarden Moslems parat hat. Gleich nach dem 11. September waren die Antideutschen zu dem Schluss gekommen, dass die „islamische Barbarisierung“ ein „grundsätzliches Problem“ sei. Daher sollten die Gegenschläge der US-amerikanischen Militärmacht nicht nur „so konsequent wie möglich“ durchgeführt, sondern auch gleich auf den gesamten Einflussbereich „islamischer Herrschaft“ ausgeweitet werden. Dabei dürften die Opfer von Bombenangriffen keinesfalls „bejammert“ werden. Die „Beseitigung“ des Islams würde die Bevölkerung dem „moslemischen Götzendienst“ entreißen, den Blick der Menschen von „Selbstkasteiung und Mordlust fort auf die von der kapitalistischen Gesellschaftung hervorgebrachten materiellen Potentiale lenken, und den Wunsch nach kommunistischer Aneignung aufkeimen lassen“, halluzinieren sich die Antideutschen die Muslime dieser Welt zum revolutionären Kollektivsubjekt zurecht. Die Subsumption großer Teile der Bevölkerung Asiens und Afrikas unter den Generalsingular  des moslemischen Selbstmordattentäters sei keineswegs blanker (Kultur-)Rassismus und die Eliminierung des Islams lediglich ein Akt „notwendiger Gegenwehr“ – also völlig unproblematisch, denn „letztlich kann niemand gezwungen werden, Moslem zu sein“.