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Im Gefängnis viele tolle Talente entdeckt

Erschienen am 29.8.2006 in "Neue Osnabrücker Zeitung"

Im Gefängnis viele tolle Talente entdeckt

Von Volker Stahl

Guzinski - PortraitDie jung gebliebene 70-Jährige sagt von sich selbst, sie habe einen "Sozial-Tick". Eva-Maria Guzinski pflegte zwölf Jahre lang alte Menschen, arbeitete als Jugendbetreuerin und unterrichtet heute an der Volkshochschule Stoff- und Seidenmalerei. Einen zweiten Job übt die Rentnerin hinter Gittern aus: 19 Jahre schon gibt die Autodidaktin Sträflingen Kunstunterricht im Hamburger Gefängnis Santa Fu.
Seit 1989 bringt Eva-Maria Guzinski Häftlingen Malen, Zeichnen und Aquarellieren bei und führt sie in die Kunstgeschichte ein. Einmal in der Woche unterrichtet sie ehrenamtlich im Haus 4 der Sozialtherapie-Abteilung der Justizvollzugsanstalt. Zu ihren Schülern gehören Mörder, Räuber und Sexualverbrecher. Doch Angst hat die alte Dame keine. "Ein Mörder besucht meine Kurse seit 19 Jahren", erzählt die Frau mit dem Pagenschnitt, "die meisten töten nur einmal und dann nie wieder." Bei Betrügern sei das anders, die würden oft rückfällig.

Darauf, dass der Schlüssel ihrer Hilfsbereitschaft in ihrem eigenen Schicksal zu suchen ist, ist sie noch nicht gekommen: "Meinen Sie wirklich?" Als Kind war die verwitwete dreifache Mutter schwer krank. Wegen offener Tuberkulose wurde ihr schulischer Werdegang immer wieder unterbrochen. Sechs Jahre verbrachte sie als junges Mädchen in Sanatorien. Einen Schulabschluss machte das musische Universaltalent nicht. Doch der Vater, ein Gastwirt, förderte seine Tochter durch Privatunterricht. Eva-Maria lernte Klavierspielen und auf einem Sprachkolleg Französisch.

"Mit 16, 17 Jahren las ich ein Buch über eine russische Tänzerin, die eine schwere Krankheit besiegt hatte", erzählt Guzinski, die später als Dekorateurin arbeitete. Gegen den Rat der Ärzte lernte sie Ballett. Mit dem frisch gewonnenen Selbstbewusstsein ging es ihr immer besser. Heute sagt sie: "Was ich anpacke, gelingt mir."
In Santa Fu ist die ungewöhnliche Frau eine Institution. Die meisten Insassen verfügen über wenige Außenkontakte, viele sehen in ihrer Lehrerin einen Mutterersatz. In den langen Jahren hinter hohen Guzinski2Mauern hat Eva-Maria Guzinski überwiegend gute Erfahrungen gemacht: "Ich habe viele tolle Talente entdeckt. Ein Ex-Insasse, ein hervorragender Illustrator, hat heute in Tübingen ein eigenes Atelier und verkauft seine Bilder." Nur mit Männern, die von einer Macho-Kultur geprägt sind, hat sie ihre Probleme: "Die wollen sich von mir nichts sagen lassen - nur weil ich eine Frau bin."

Etwas vorsichtiger ist sie geworden, nachdem ein Häftling sie gebeten hatte, Acrylfarben ins Gefängnis zu bringen: "Glücklicherweise habe ich bemerkt, dass in den Tuben Kokain versteckt war. Hätte ich das eingeschmuggelt, wäre ich selbst hinter Gitter gekommen", seufzt Guzinski. Doch der enttarnte Dealer war eine Ausnahme. Besonders freut sich die engagierte Kunstlehrerin, wenn sich ehemalige Schützlinge nach der Entlassung bei ihr melden: "Neulich hat mich einer aus Südamerika angerufen und mir von seiner Ausstellung erzählt."