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Tattoo-Kunst: Unverwechselbar? Zumindest farbecht

Erschienen in "Kunst + Kultur" 7/04

Tattoo-Kunst: „Schmerz ist das Bodybuilding des Herzens“

Von Susann Witt-Stahl

Unversehrtheit galt lange als ein wesentliches Attribut des schönen Körpers in der christlich-abendländischen Kultur. Die ornamentierte, durchbohrte, vernarbte Haut dagegen (kenn)zeichnete Exoten, Geächtete, Vagabunden und Söldner. Auch wenn die Tätowierung in allen Kulturen rund um den Globus bekannt ist, so wurde sie in Europa meist nur im Verborgenen getragen, als Zeichen geheimer Zirkel und Sektierer. Der „normale“ Mensch hatte damit nichts zu tun; für ihn galt das von Gott höchstpersönlich ausgesprochene Diktum „ihr sollt an eurem Leibe keine Einschnitte machen noch euch Zeichen einätzen.“ (3. Mose, 19, 28).
Im Okzident war die Tätowierung Symbol des wie auch immer gearteten Extremen und Marginalisierten. Nicht selten wurde sie als Stigma, als Instrument des Überwachens und Strafens eingesetzt. Vom KZ-Häftling bis zum SS-Mann, von den Verfemten bis zu den erklärten Eliten – das Tattoo sollte sicher stellen, dass der Ge(kenn)zeichnete nicht aus seiner Haut schlüpfen konnte.
In den westlichen Industrieländern tauchte die Tätowierung als populärer Jugendkult erstmals in der US-amerikanischen Hippie-, Rocker- und Protestkultur der späten sechziger Jahre auf. Amerikas zivilisationsneurotische Jugend trat nicht nur kollektiv die Flucht vor der Wehrpflicht und den „falschen Bedürfnissen“ der Konsumgesellschaft an, sondern auch vor rigider Sexualmoral und kultureller Enge. Die Sehnsucht nach einem neuen Primitivismus und archaischer Wildheit war groß.
Zwischenstation machte die Tätowierung in der Subkultur von San Francisco, New York, über London bis Berlin. In den achtziger Jahren erhob die europäische Punk-, Anarcho- und Hausbesetzerszene es zum Initiationsritual, sich Ringe durch Ohren, Nase und Lippen ziehen, Totenköpfe, gekreuzte Knochen, schwarze Sterne oder einfach nur A.C.A.B. („All Cops Are Bastards“) auf Arme, Schultern oder Brust stechen zu lassen. Ausgerechnet die Trash-Kultur versuchte der Wegwerfgesellschaft etwas Unvergängliches entgegenzusetzen.
Inzwischen ist die Tätowierung in der Mitte der Gesellschaft ankommen. Den Rest seines Lebens gezeichnet zu sein, einst Zwang und Bürde, wird zusehends als Bereicherung empfunden. Es verbreitet sich ein Bedürfnis nach Vervollkommnung der Erkennungsfläche, der Schutzhülle, der Grenze zwischen Innen und Außen. Seit Mitte der neunziger Jahre gibt es auch eine Gemeinde von Freunden der Body Modification, kurz „Bodmod“ – dazu zählen auch vergleichsweise harmlose Praktiken wie das Stechen von Ohrlöchern, das Piercen von Bauchnabel und Augenbraue –, die damit beschäftigt ist, ihre Haut mit Implantaten von Stahl-Nieten, -Stacheln und -Platten, Brandzeichen und anderen Skarifizierungen zu dekorieren oder Körperteile wie Ohrläppchen, Brustwarzen oder Schamlippen dehnen zu lassen. Die Manipulation reicht bis zur Zungenspaltung, dem Durchbohren des Penis, Entfernen von Hautstreifen und Amputation. Teile der Szene verstehen sich dezidiert als „moderne Primitive“, die sich mit Ritualen wie der 0-Kee-Pa-Zeremonie – bei der sich einst nordamerikanische Indianer an durch ihre Brustmuskeln getriebene Haken aufhängten – auf die Suche nach ihren im Zuge des Zivilisationsprozesses verlorenen gegangen stammesgeschichtlichen Wurzeln und Urgefühlen begeben.
Auch wenn sich derartige Extremformen der Selbstmalträtierung wohl nicht durchsetzen werden: Das im Zuge des Warenproduktionsprozess verdinglichte und sich selbst entfremdete Individuum will endlich wieder seinen Körper spüren und zurückerobern. Während sich im Zeitalter der Entdecker spanische Seefahrer noch Christus-Porträts auf den Rücken tätowieren ließen in der Hoffnung, dass in den Strafkommandos der Schiffe fromme Gläubige waren, die es nicht fertig brachten, Jesus mit der Peitsche zu traktieren, wünscht sich der Kunde von heute bei der Ornamentierung seines Körpers nicht selten eine intensive Begegnung mit dem Schmerz, der deutlichsten Selbstvergewisserung der körperlichen Existenz. „Schmerz ist das Bodybuilding des Herzens“, sagt der Hamburger Tattoo-Künstler Elvis, der sich als alles andere als ein „Schmerzpriester“ versteht, aber davon abrät, dem Wahrheitsmoment des Körpers auszuweichen: „Schmerz gehört nun mal zum Entstehungsprozess einer Tätowierung.“
Der „freie Mitarbeiter des Zen-Buddhismus“, der sich der Trias Kampfsport, Meditation, Tätowieren verschrieben hat – Letzteres machte er vor rund sechs Jahren zu seiner Profession – fühlte sich früh vom Punk-Underground angezogen und lebte schon als 17-Jähriger in einer Wagenburg. Die Kunst des Tatauierens, wie das Einstechen der Haut mit gleichzeitigem Einbringen von Farbpigmenten korrekt mit eingedeutschtem Tahitisch bezeichnet wird, erlernte er am eigenen Körper mit einer selbst gebastelten Maschine. „Mein erstes Motiv war ein ornamentierter Drache“, erinnert sich der 28-jährige Sohn eines Medizin-Professors und einer bildenden Künstlerin. Zunächst bediente er vorwiegend Kundschaft aus der Bauwagen-Szene; später arbeitete er in diversen Studios in Norddeutschland und im Ruhrgebiet. Heute ist er ein bekannter Tattoo-Künstler in Hamburg.
Ob fotorealistische Abbildung oder pure Fantasie, figurative Malerei oder Grafik ohne gegenständlichen Inhalt – in dem Wissen, dass die „Linie als Skulptur und die Haut als Raum“ schier unendliche Gestaltungsmöglichkeiten bieten, ist Elvis ständig auf der Suche nach Motiven, die „sich nicht auf der Heckscheibe eines Golfs finden“. Er spielt gern mit Stilen unterschiedlichster Provenienz: Vom polynesischem oder melanesischem Tribal, über Old-School-Seemanns-Tattoo, keltischer Ornamentik bis zu Stilen westlicher Pop- und Subkultur wie Comic, Fantasy, Horror, Industrial und HipHop.
Die in der westlichen Welt kollektiv erwachte Sehnsucht nach einem verzierten Körper deutet er als „Flucht vor innerer Leere und Suche nach Inhalt“. Manchmal sei es notwendig, etwas von Außen nach Innen zu geben. Bei vielen Menschen bewirke eine kunstvolle Dekoration ihrer Haut eine Stärkung von Individualität und Selbstbewusstsein. „Tätowieren hat etwas mit Kämpfen zu tun“, Elvis betrachtet das Tattoo als „Kriegsbemalung“. Das Bedürfnis „sich selbst Kraft zurückzugeben – die Amerikaner sagen dazu ‚empowerment’“ sei ein verbreitetes Movens, sich eine Körperornamentierung zuzulegen, sagt auch der Kriminalbiologe, Bodmod- und Tattoo-Experte Mark Benecke.
Wenn im fortgeschrittenen Kapitalismus die Reduktion des Menschen auf seinen Tauschwert schon unausweichlich erscheint, dann soll das Tauschobjekt wenigstens eine Metamorphose zu einem Unikat erleben, waschecht und unverwechselbar. Möglicherweise sind Tätowierung und andere irreversible Übergriffe auf den Körper ein Ausdruck des Widerstands gegen die wachsende Standardisierung in der Warenwelt, die zugleich Lebenswelt ist – ein Reflex des „beschädigten Lebens“.
Die Ästhetik der Unversehrtheit, die seit der Antike als künstlerisches Gestaltungsprinzip westlicher Körperwelten – von den Schmissen der Burschenschaftler einmal abgesehen – unerschütterlich war, wird zwar mehr und mehr aufgeweicht, aber das Abendland ist damit keineswegs vom Untergang bedroht. Ganz im Gegenteil: Der ornamentierte Body lässt sich wunderbar in die okzidentale Dienstleistungsgesellschaft integrieren. Heute herrscht längst Einigkeit zwischen Mercedes-Juniormanager, POVINZIAL-Vertreter und Käsetheken-Aushilfe, dass ein Styling ohne Tätowierung unvollständig ist. Eine Entwicklung, die Tattoo-Künstler wie Elvis mit Argwohn betrachten. „Du hast Dir einen Raum erobert, und plötzlich tummelt sich die ganze Gesellschaft darin“, sagt er als einer, der sein Kunsthandwerk noch als „antisoziale Gegenkultur“ begreift.
Der junge Künstler erwartet von seinen Auftraggebern, dass sie sich mit ihm und seiner Arbeit auseinandersetzen. „Beim Tätowieren kann eine ähnliche Vertrautheit und Intimität entstehen wie beim Kampfsport, nachdem man sich gegenseitig aufs Maul gehauen hat. Aber für einige Milchkaffee-Junkies bedeutet, sich tätowieren zu lassen, inzwischen nicht viel mehr als zum Friseur zu gehen.“ Mehr Sensibilität erwartet Elvis auch bei der Wahl der Motive: „Es gibt tabuierte Zeichen, die man sich erst verdienen muss“, mahnt der Body-Artist. Er weist darauf hin, dass es Tribals gibt, beispielsweise neuseeländische Gesichtstätowierungen (Mokos), die als heiliges Privileg gelten. Sie dürfen nicht von Weißen getragen werden, weil sie für die Maori rituelle Bedeutung haben, Eingeweihten Aufschluss über Familienherkunft, Platz in der Stammes-Hierarchie und besondere Leistungen des Trägers geben.
Für Elvis macht der Kulturvergleich einen Großteil seiner Arbeit aus. Wenn er nicht zu einer der unzähligen Tattoo-Conventions unterwegs ist und sich nicht mit Tätowierern aus Australien oder Asien austauscht, wo das Tatauieren eine lange Tradition hat und ein hohes Ansehen genießt, dann arbeitet er bei „Endless Pain“, einem der renommiertesten Studios der Elbmetropole, mitten im Rotlichtbezirk von St. Pauli.
Auch wenn der Tattoo-Boom eine Menge Quereinsteiger angezogen hat, die einen schnellen Euro wittern, die Sinnentleerung von Motiven und Zeichen vorantreiben und teilweise so schlechte Arbeit abliefern, dass, wie Elvis es ausdrückt, „ein Delfin schon mal wie ein plattgefahrener Regenwurm aussieht“ – das Abdriften der Subkultur ins Establishment zeitigt diverse positive Nebenwirkungen über einen rasanten Fortschritt im technischen und hygienischen Bereich hinaus.
Das Piker-Kultur hat sich zu einem eigenständigen Kunstmedium gemausert. So gibt es nicht nur Body-Artisten, die gekonnt Bilder von Dali oder Goya reproduzieren, sondern auch Innovatoren wie Marcus Pacheco, der aus dem Kubismus einen eigenen Pop-Art-Stil entwickelt hat. Über die Jahre ist die Tattoo-Kunst intellektuell wie technisch gereift. Die Linien und Farbschattierungen sind feiner geworden. So werden beispielsweise Biomechaniks – futuristische Fantasie-Gebilde: halb organisches Wesen, halb chromblitzende Maschine – gefertigt, die eine enorme skulpturale Tiefe erreichen und regelrecht mit dem Körper mitgehen.
Aber auch der Entwicklung zur elitären Verkunstung begegnet Elvis nicht ohne Skepsis: „Wenn Subkulturen wie Graffiti und Tattoo in Vernissagen eingesperrt werden, dann verlieren sie schnell ihre Virulenz.“ Wie viele seiner Kollegen möchte er das Tätowieren lieber als angewandte Kunst verstehen: „Ich möchte kein unverstandener Künstler sein, kein Parallel-Universum schaffen.“ Elvis will sich innerhalb der Gesellschaft kreativ und kritisch bewegen. Daher interessiert ihn nicht so sehr die Frage, warum Tattoos heute allgemein akzeptiert sind, sondern eher, warum sie so lange tabuiert waren.

Der Tattoo-Künstler Elvis ist zu erreichen über das Studio Endless Pain, Tel. 040-310170, www.endlesspain.com