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Medienbüro Hamburg

David Rubinger "60 Years as a Photo-Journalist" - ein Porträt

Erschienen in "Kunst + Kultur" 1/2007

In keinem Fall paralysiert

David Rubinger – Porträt eines „Berufstouristen“

Von Susann Witt-Stahl

Das Mehr an Authentizität und Nähe zur Obszönität der Gewalt macht die moralische Autorität von Kriegsbildern gegenüber dem geschriebenen Wort aus. „Man filmt eigentlich nie die ‚Action’ selbst, sondern immer nur die Resultate: Die Toten, die Verwundeten, die David Rubingerbrennenden Panzer,“ erklärt der israelische Fotograf David Rubinger. Der Journalist lebt in Jerusalem – seit 4000 Jahren eine der umkämpftesten und leidgeprüftesten Städte der Welt.
Moderne Kriege, die über kilometerweite Distanzen geführt werden, können primär durch Post-Reportagen vermittelt werden, so eine Erfahrung, die David Rubinger nach eigener Aussage zu den wichtigsten zählt, die er gemacht hat: „Bajonettschlachten gibt’s nicht mehr.“ Nicht zuletzt diese Gewissheit lässt die Frage, ob die Einführung der Kamera als stummen Zeugen von Kriegen und anderen großen Menschheitskatastrophen wirklich der bis dahin blinden Geschichte das Augenlicht geschenkt hat – wie Mathew Brady, einer der ersten Fotografen, die einen Krieg (den Amerikanischen Bürgerkrieg) ausführlich dokumentiert haben, einst behauptet hatte – weitgehend ungeklärt. Je fortgeschrittener die technische Entwicklung, desto ausgefeilter die Mittel zur Manipulation und Fälschung. Bis zum Vietnamkrieg wurden und spätestens seit dem „war on terror“ in Afghanistan und Irak werden die publikumswirksamsten Bilder inszeniert. Bereits seit dem Ersten Weltkrieg steht die Kriegsfotographie mehr oder weniger unter Kontrolle der Militärs. Vieles spricht dafür, dass Fotos ebenso wenig reine Argumente sind wie „nackte Feststellungen von an das Auge gerichteten Tatsachen“ (Virginia Woolf).
David Rubinger gehört seit 60 Jahren zu den „Berufstouristen“, wie Susan Sontag Kriegsjournalisten in ihrem Essay „Das Leiden anderer betrachten“ nennt: 1970 fotografierte er die zivilen israelischen Opfer eines Angriffs mit Katjuscha-Raketen auf die Stadt Bet Shean. Er hielt in Bildern fest, wie eine israelische Lynchmeute arabische Terroristen aus dem Fenster warf und ihre Leichnahme anzündete. Seine Aufnahme von den israelischen Soldaten, die sichtlich bewegt von dem historischen Ereignis – der Eroberung der Altstadt von Jerusalem im Sechs-Tage-Krieg durch die 55. Fallschirmjäger-Brigade im Jahr 1967 – ehrfürchtig auf die Klagemauer blicken, zählt zu den berühmtesten in der Geschichte der Kriegsfotografie. Ein weiteres Bild, das zu einem zeitlosen Symbol der Tragik des Krieges geworden ist, entstand erst, wie so oft, nach dem Krieg. 1972 war Rubinger zusammen mit einigen Kollegen auf das Schlachtfeld auf den Sinai zurück gekehrt. Ein Sandsturm hatte ein makabres Relikt des Sechs-Tage-Krieges frei gelegt: Die Hand eines gefallenen ägyptischen Soldaten. „Sein Zeigefinger war gen Himmel gerichtet wie eine Warnung: Nie wieder Krieg,“ schreibt Rubinger in seiner „Story of a Nation“ in dem Multimedia-Magazin The Digital Journalist.
Traurige Momente? „Ja, aber man wird hart,“ sagt der inzwischen 83-Jährige, der seit 1954 für TIME arbeitet. „Nachdem ich das Foto geschossen hatte, saßen wir keine 20 Meter entfernt und aßen unsere mitgebrachten Sandwiches mit kaltem Huhn.“ Gab es unerträgliche, lähmende Situationen? „Unscharfe Bilder, schlechte Kompositionen, das ja, wenn man unter Druck ist,“ gesteht Rubinger, „aber ich glaube und hoffe, dass ich in keinem Fall paralysiert war, wenn es darum ging, auf den Knopf zu drücken.“
Aber Dokumente des Krieges bilden nur einen Teil von Rubingers mehr als eine halbe Million Aufnahmen zählendem Archiv, das er vor einigen Jahren an die israelische Tageszeitung Yedioth Ahronoth abgetreten hat: Kaum ein Stein in seinem Land, den Rubinger nicht umgedreht und fotografiert hat. Vor allem aber zeigt er auf seinen Bildern immer wieder das große Leid und die Entbehrungen der geschundenen palästinensischen und israelischen Kollektive. Mit seinen vielen Fotos von dem palästinensischen Flüchtlingselend, die von großer Empathie für die notleidenden Menschen zeugen, hat Rubinger sich nicht wenige Feinde im eigenen Land gemacht.
Aber das nimmt der Journalist in Kauf. Denn er musste schon als Jugendlicher am eigenen Leibe erfahren, was es heißt, auf der Flucht zu sein: Der 1924 geborene Sohn Wiener Juden musste seine Heimat nach den Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland verlassen. Rubinger, der sich der zionistischen Jugendbewegung angeschlossen hatte, wanderte nach Palästina aus. Dort lebte er zunächst in einem Kibbuz, bis er 1942 in die Jüdische Brigade der britischen Armee eintrat, um gegen die Nazis zu kämpfen. Seine erste Kamera, eine Leica, kaufte Rubinger in Deutschland für 200 Zigaretten und ein Kilo Kaffee. 1948 begann er, als Profi-Fotograf zu arbeiten. Seine ersten Motive: Flüchtlingsströme.
Nach mehr als einem halben Jahrhundert Schwerstarbeit in den Knochen, für die Rubinger vielfach dekoriert wurde – 1997 erhielt er den Israel-Preis, die höchste Auszeichnung, die der Judenstaat an Zivilisten zu vergeben hat –, kann ihm auch die Hektik des digitalen Zeitalters nichts anhaben. Denn auch in jenen Tagen, als Fotos noch nicht per Mausklick sekundenschnell an das andere Ende der Welt befördert werden konnten, ging es in den Redaktionen der großen Magazine und Tageszeitungen alles andere als gemächlich zu: Blieb nicht genügend Zeit, um die Filme via Luftfracht zu schicken, musste Rubinger einen Kurier entsenden: „Vor nicht all zu vielen Jahren fotografierte ich irgend ein wichtiges Ereignis für TIME am Donnerstag,“ erinnert sich der Journalist. „Das Magazin schloss damals Freitagnacht. Also flog meine Frau Donnerstagnacht mit den Filmen nach New York.“
Im kommenden Herbst wird unter dem Titel „60 Years as a Photo-Journalist“ ein autobiografischer Fotoband von David Rubinger in dem New Yorker Abbeville-Verlag erscheinen. „Meine Idee war es nicht, eine chronologische Biografie zu veröffentlichen, „sondern die Ereignisse, die ich miterlebt und fotografiert habe, zu beschreiben.“ Und das waren fast alle, die das Land der Juden und seine politische Kultur prägen sollten: Die Staatsgründung, der Unabhängigkeitskrieg 1948/49, der Sechs-Tag-Krieg, die Kämpfe auf den Golanhöhen während des Jom-Kippur-Krieges 1973, das historische Treffen zwischen Menachem Begin und Muhammad Anwar as-Sadat vor den Friedensverhandlungen von Camp David, für das 1977 erstmals ein arabisches Staatsoberhaupt seinen Fuß auf israelischen Boden setzte, der Libanonkrieg 1982, die erste und zweite Intifada.
Nur ein Ereignis, das die israelische Gesellschaft so tief erschüttern sollte wie kaum eins zuvor, die Ermordung von Jitzchak Rabin am 4. November 1995 während einer großen Friedenskundgebung auf dem Platz der Könige Israels, konnte er nicht fotografieren: „Es war an einem Wochenende“, erinnert sich Rubinger, „und ich hatte keine Chance, noch ein Foto ins TIME zu kriegen. So verzichtete ich damals darauf, nach Tel-Aviv zu fahren.“ Aber das unmittelbare Danach des von einem israelischen Rechtsextremisten verübten Attentats eindringlich zu dokumentieren, ließ Rubinger sich nicht nehmen: Er machte eine Aufnahme von dem blutgetränkten Zettel, von dem Rabin den Text eines Friedensliedes abgelesen hatte, das er kurz vor seinem Tod zusammen mit den Kundgebungsteilnehmern gesungen hatte.
Auch wenn Samuel Fuller Recht behalten haben mag, als er sagte, dass man einen kilometerweit mit Eingeweiden bedeckten Strand nicht mit der Kamera erfassen kann und somit ihre Bilder die Tragödie zwangsläufig schönen müssen – David Rubingers Fotoarbeiten haben auf einige der bewegensten Kapitel der Weltgeschichte das Licht der Aufklärung geworfen.
David Rubinger auf die Frage, was sich in den vergangenen Jahrzehnten in der Fotografie geändert hat: „Nichts, außer dass eine totale Revolution stattgefunden hat: Ich setze mich Minuten, nachdem ich geschossen habe, an den Computer, und fünf Sekunden später kann sich der Redakteur daran ergötzen – soweit für uns Profi-Fotojournalisten. Aber viel mehr hat sich für den Amateur geändert. Es erfordert heute schon ziemlich viel Erfahrung, ein schlechtes Foto zu machen: Auto-Belichtung, Auto-Entfernung, kein Film mehr zum Entwickeln, Photoshop um zu fälschen – bald wird’s auch ohne Fotografen gehen.“