stahlpress

Medienbüro Hamburg

Marcuse lesen und Bananen essen

Erschienen in "Kunst + Kultur" 4/2007

Marcuse lesen und Bananen essen...

Affenkunst als radikale Kritik der bürgerlichen Gesellschaft

Von Susann Witt-Stahl

Welche Kunst wäre möglich, wenn der Naturphilosoph Hermann Samuel Reimarus gegen René Descartes gewonnen hätte? Diese Frage bildete den Titel eines künstlerischen Experiments. Ben Watson alias O.T.L. Bongo*, ‚Menschentier’ und Performance-Künstler (London), hat in einem gemeinsamen Projekt mit Thomas Baldischwyler, Künstler und Musiker (Hamburg), Bilder erschaffen, die erahnen lassen, wie die Antwort lauten könnte: Malen mit der instinktiven Unmittelbarkeit eines Schimpansen.

Während Descartes bis heute als Begründer des modernen (instrumentellen) Rationalismus gefeiert wird, ist der Aufklärer Reimarus im Abgrund der Geschichte verschwunden. 1760 hatte er seine Abhandlung Allgemeine Betrachtungen über die Triebe der Thiere, hauptsächlich über ihre Kunsttriebe zur Erkenntnis des Zusammenhangs der Welt, des Schöpfers und unser selbst veröffentlicht, in der er behauptete, Tiere verfügten über eine Psyche, ein reiches Gefühlsleben und über Kunstfertigkeiten. Wie bei Menschen gehöre es zur Natur der Tiere, dass sie nach der Entwicklung ihrer selbst strebten. „Der thierische Zustand des Menschen selbst giebt uns die Regel, wonach wir die Thiere und ihre Handlungen zu beurteilen haben,“ so Reimarus, der Descartes mechanistisches Naturbild scharf kritisierte, weil er „den allergrößten Theil der Natur todt und aller Glückseligkeit unfähig machet“.
Der britische Künstler und Buchautor Ben Watson hat in Kooperation mit seinem deutschen Kollegen Thomas Baldischwyler in Reimarus’ Heimatstadt Hamburg ein zivilisationskritisches Kunstprojekt umgesetzt, für das Watson sich an die Spuren von Desmond Morris’ malenden Affen geheftet hat: Der Zoologe und Künstler hatte ab 1956 umfangreiche Mal- und Zeichentests mit dem Schimpansen Congo durchgeführt. Anschließend ließ der Autor des Bestsellers Der nackte Affe die Bilder des Primaten, die eine künstlerische Nähe zu Jackson Pollocks Action Painting aufweisen, im Londoner Institute of Contemporary Arts ausstellen.
Die Ergebnisse seiner Forschung hat er später in einer detaillierten Studie dargelegt: Wie beispielsweise auch die rhythmischen Affentänze ist die Malerei der Tiere als „Aktivität um ihrer selbst willen“ zu begreifen, so Morris in seinem Bericht. „Beide, der Mensch wie der Affe, haben einen angeborenen Trieb, sich ästhetisch auszudrücken.“ Seit der Mensch nicht mehr auf die kommunikative Funktion der bildnerischen Darstellung angewiesen ist, „haben der letzte Affe und der moderne Mensch das gleiche Interesse an der Herstellung von Bildern“: Eine vitale Motivation zum künstlerisch-ästhetischen „Selbstausdruck in reinster Form“.
Der Hamburger Künstler Thomas Baldischwyler, der Morris’ Aufzeichnungen wiederentdeckt hat, sich mit informeller Malerei (abstraktem Expressionismus) beschäftigt und mit wechselnden Medien und Techniken arbeitet – Film, Hinterglasmalerei, Installation und Skulptur –¬, wollte die Versuchsanordnung des Verhaltensforschers radikal erneuern: Dabei habe er aber nicht bloß die Laborsituation wiederhergestellt, in der Morris den Probanden ständig kontrolliert und auch in seinen Schaffensprozess eingegriffen hatte, erklärt Baldischwyler. Sondern er habe ein Diorama errichtet, in dem sich Congos menschliche Reinkarnation endlich frei entfalten konnte.
Im Aktualisierungsraum, einem nahe der Reeperbahn beheimateten nichtkommerziellen Projektraum, hat Baldischwyler den nachgebauten Arbeitsstuhl des Affen aufgestellt, Farben, Pinsel und Wachskreide bereit gelegt. Ein Relief und Buchseiten mit prägnanten Zitaten an den Wänden verweisen auf Reimarus’ Werk. Ben Watson hat die natürlichen Fähigkeiten von Congo in sich selbst (wieder) hervorgerufen und seinen Kunsttrieben in der Gestalt von O.T.L. Bongo freien Lauf gelassen – seine 92 illuminierten Bilder sind im Hinterraum des Labors ausgestellt.
Kongeniale Partnerinnen für ihr Projekt haben Watson und Baldischwyler in den Initiatorinnen des Aktualisierungsraum Kerstin Stakemeier und Nina Köller gefunden. Die Kunsthistorikerinnen laden ein Jahr lang zwölf Künstler(gruppen), Musiker und andere Kulterschaffende ein, für je einen Monat eine Aktualisierung umzusetzen. Dabei soll es darum gehen, versäumte historische Momente, verlorene Fragmente, vergessene Möglichkeiten – Ereignisse, Kunstwerke, wissenschaftliche Erkenntnisse – eines revolutionären Aufbruchs in eine befreite Gesellschaft wiederaufzurufen.
Die Initiatorinnen verweisen auf Walter Benjamins Geschichtsphilosophie, der der Gedanke an die Rettung der Vergangenheit – im Sinne einer Apokatastasis, einer Wiederbringung Aller durch eine Erinnerungssolidarität mit den Besiegten, den Verdammten, Verlorenen, den Opfern – als unabdingbare Bedingung der Möglichkeit einer zukünftigen Erlösung der Menschheit wesentlich ist. Es bedarf einer perennierenden Aktualisierung der Vergangenheit in der Gegenwart. „Mit Benjamin wird nur diejenige Geschichte gerettet, die vergegenwärtigt wird,“ so Stakemeier und Köller, „die nicht passiv bleibt als bloßes Mittel zur Rechtfertigung vergangener und gegenwärtiger Herrschaft.“ Im Aktualisierungsraum sollen „unausgeschöpfte Möglichkeiten wiederbelebt und verhinderte Befreiungen mit neuer Gewalt ausgestattet“ werden mit dem Ziel der „Rettung verlorener Anfänge und der Eröffnung neuer Ausgänge“.
Dass es sich bei den Aktualisierungen nicht „um bloße Referenzen auf vorhandene Ideen“ handelt, „sondern um deren eigenständige Weiterführungen“, wie es die konzeptionelle Matrix des Projekts vorsieht, verdeutlicht Watsons und Baldischwylers Experiment: Indem die Künstler die Laborsituation erneuert haben und Watson gleichzeitig seinen eigenen natürlichen Kunsttrieb bis an dessen Ursprünge – Imitation von Natur – in Gestalt von O.T.L. Bongo Ausdruck gegeben hat, wurde, so Stakemeier, ein Widerspruch freigelegt: Einerseits leugnet der im Zuge des unglücklich verlaufenen Zivilisationsprozess zusehends unter Naturvergessenheit leidende Mensch, dass er ein differenziert entwickeltes Tier ist. Andererseits geht er der Lüge von der Unmittelbarkeit der Kunst in einer total vom Tauschwert okkupierten Gesellschaft auf den Leim: Einer nur scheinbaren, in Wahrheit aber durch und durch vermittelten Unmittelbarkeit, die nicht zuletzt deshalb zur Ideologie gewuchert ist, weil sie in einer falschen Subjektivität verwahrt wird – wie sie beispielsweise die neoidealistische Denkschule des Poststrukturalismus propagiert –, die die Möglichkeit von Erkenntnis der mit einem Zeitkern ausgestatteten Wahrheit ebenso denunziert wie die Möglichkeit der Befreiung des Menschen zum autonomen Subjekt.
Ben Watson will sich aber nicht mit seiner antithetischen Funktion begnügen und bloß diesen Widerspruch als Ausgangspunkt nutzen, um „Trieb und Ratio gegeneinander auszuspielen, damit die Ratio durch den Trieb gewinnen kann“, wie Stakemeier und Köller die Interaktion der Künstler beschreiben: Sein „dialektischer Sprung“ – der nach Marx bekanntlich Revolution bedeutet ¬– „unter den freien Himmel der Geschichte“ (Walter Benjamin) soll weiter reichen: In die grenzenlose Unmittelbarkeit freier Improvisation – jenseits jeglicher Disziplinierung, Rationalisierung und Funktionalität.
„Ich brauchte den konzeptionellen Rahmen des Labors um zu vermeiden, dass meine Bilder als Versuch interpretiert werden, ‚künstlerisches Genie’ auszudrücken“, sagt Watson. „Mir geht es vielmehr darum zu zeigen, dass jedermann sie gemalt haben könnte, der in der Lage ist, den Schimpansen in sich selbst wiederzufinden.“
Watson will sein Projekt als Versuch der Rettung von Reimarus’ Biologie der Kunst und ihrer revolutionären Potentiale verstanden wissen. Damit ist es aber auch gleichzeitig eine Kampfansage an den kapitalistischen Kunstbetrieb, der von sozialdarwinistischen Prinzipien und bürgerlichem Idealismus geleitet wird: Die Konzeptkunst beispielsweise, die auf der Hypostasierung der (genialen) Idee basiert, so Watson, sei mit dem Neokantianismus kompatibel, der die Kunst ideologisch zur rein geistigen Tätigkeit verstümmelt. Sie reproduziere den Dualismus von Geist und Natur, der die tierlichen Anteile des Menschen brutal unterdrückt: „Die christliche Metaphysik dämonisierte den animalischen Körper und seine Funktionen als ‚Sünde’. Descartes nagelte den Hund seiner Frau an eine Tür und ersetzte damit den leidenden Christus durch einen leidenden Körper“, kritisiert Watson. „Und der bürgerliche Humanismus endlich feiert zwar den Menschen, aber nur seine distinktive Seite: Die Seele, die Vernunft, die Sprache.“
Der Autor von Frank Zappa: The Negative Dialectics of Poodle Play will Kunst in erster Linie als „sinnliche Invasion“ verstanden wissen. Damit meint Watson die Kunst, die möglich wäre, wenn die Schriften von Hermann Reimarus – die der „erste Ökologe“ (Watson über Karl Marx) in jungen Jahren nach eigener Aussage „mit Wolllust durchgedacht“ hatte – und die Reimarus’ revolutionären Pfaden folgende Kritische Theorie nicht in Vergessenheit geraten wären.
Die Frankfurter hatten mit ihrem „Eingedenken der Natur im Subjekt“ den Weg für eine radikal emanzipatorische Praxis frei gemacht: Die Befreiung der Tiere, die von Herbert Marcuse sogar explizit eingefordert worden war und von dem immer noch eingesperrten O.T.L. Bongo sehnsüchtig erwartet wird: „Herbert Marcuse zu lesen“, schwärmt das ‚Menschentier’ in einem imaginären Interview, „ist wie eine Banane zu essen, gleichzeitig heftig zu masturbieren und das miese Gesindel von Poststrukturalisten, die sich an verregneten Mittwochnachmittagen um meinen Käfig versammeln, mit herausgerissenen Seiten von Descartes’ Diskurs über die Methode zu bewerfen.“

* O.T.L. ist die Abkürzung für Watsons Punk-Namen Out To Lunch, unter dem er in London seine Radiosendungen moderiert.

Ben Watson: www.militantesthetix.co.uk
www.aktualisierungsraum.org