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Neues Leben in Klein-Jerusalem

Erschienen am 6.8.2007 in "Kieler Nachrichten"

Neues Leben in Klein-Jerusalem

Hamburger Grindelviertel: Die Jüdische Gemeinde ist in ihr altes Zentrum zurückgekehrt

Von Volker Stahl

Hamburg – Der Grindel ist einer der vitalsten Orte in der Hansestadt. Hier befindet sich seit 1919 die Universität. Cafés, Buchläden und originelle Geschäfte laden zum Verweilen, Stöbern oder Einkaufen ein. Bis zur Nazizeit galt das Viertel zwischen Hallerstraße, Rothenbaumchaussee und Bundesstraße als Zentrum des jüdischen Lebens, das mit der Rückkehr des Gemeindezentrums im Juni langsam wieder erwacht.

BieberstrasseWer heute durch die Rutschbahn, die Rappstraße und den Grindelhof schlendert, wird – im wahrsten Wortsinn – auf Schritt und Tritt an die einst blühende Gemeinde erinnert. Vor vielen Häusern hat der Künstler Gunter Demnig Messingplatten in das Pflaster eingelassen, die den letzten Wohnort von ermordeten Juden markieren. Eingraviert sind Name, Geburtsjahr und Sterbedatum der Opfer. 1800 dieser „Stolpersteine“ gibt es mittlerweile in Hamburg, die meisten gedenken Juden.

Auf großes Interesse stoßen heute Stadtführungen durch das jüdische Hamburg. Einige bedeutende Stationen heißen „Pferdestall“ (in dem 1929 von der Uni erworbenen Gebäude lehrten zahlreiche jüdische Akademiker), Bieberstraße 2 (hier befand sich die rabbinische Lehranstalt mitsamt eigener Synagoge und Bibliothek) und Hamburger Kammerspiele, wo zahlreiche jüdische Kulturschaffende bis 1941 wirkten.

Einen Steinwurf entfernt liegt der nach dem 1942 deportierten und ermordeten Oberrabbiner Joseph Carlebach benannte Platz, auf dem bis zum Novemberpogrom 1938 die Bornplatzsynagoge stand. Jahrelang wurde das Gelände, auf dem sich der neoromantische Bau befand, von Studenten und Uni-Personal als Parkplatz genutzt. Seit 1988 durchziehen den nunmehr komplett gepflasterten Boden schwarze Mosaiksteine, die den Grundriss des Deckengewölbes des ehemaligen Gotteshauses skizzieren.

„Klein-Jerusalem“ mitten in Hamburg ist Vergangenheit. Doch zwischen Stolpersteinen und Gedenktafeln gedeihen erste zarte Pflanzen jüdischen Lebens. In den vergangenen Monaten hat die jüdische Gemeinde ihr Verwaltungszentrum schrittweise von der Schäferkampsallee in die 1911 erbaute Talmud-Tora-Realschule am Grindelhof verlegt – an ihren „angestammten Platz“ im „Herzen allen jüdischen Lebens in Hamburg“, so der Vorsitzende Andreas Wankum in seiner Einweihungsrede. Das 3000 Quadratmeter große Gebäude beherbergt einen eigenen Kindergarten und die Joseph-Carlebach-Ganztagsgrundschule, die im August nach zweijähriger Pause wieder ihren Betrieb aufnehmen wird.

Ein Haus mit vielen Fenstern, das alle Juden unter einem Dach vereint – gleich welcher ethnischen und sozialen Herkunft oder religiösen und politischen Ausrichtung. Dieses Prinzip der Jüdischen Gemeinde in Hamburg galt für alle in der Elbmetropole und Schleswig-Hostein lebenden Juden – bis sich 2004 in der Hansestadt mit der „liberalen“ eine zweite jüdische Gemeinde gründete.

Dennoch gehört die orthodoxe Einheitsgemeinde in Hamburg mit rund 3500 Mitgliedern zu den zehn größten der Republik. Mit aufsteigender Tendenz: Seit der Auflösung des Ostblocks und der anschließenden Auswanderung registriert Deutschland die am schnellsten wachsende jüdische Bevölkerung weltweit.

Die Tatsache, dass inzwischen 87 Prozent der Hamburger Mitglieder aus ehemaligen GUS-Staaten stammen, ist für die Gemeinde nicht nur Anlass zur Freude, sondern bedeutet auch eine zunehmende ökonomische, soziale und organisatorische Herausforderung: Viele Einwanderer kommen aus ärmlichen Verhältnissen, die Mehrheit gehört älteren Semestern an. „Ein Großteil der uns zur Verfügung stehenden Gelder müssen wir in Integrationsmaßnahmen wie Wohnungsbeschaffung oder Sprachkurse investieren“, berichtet KillyGemeindesprecher Daniel Killy, „Kommunikation ist bisher ohne Dolmetscher kaum möglich.“ Der in Göttingen geborene Sohn des renommierten Literaturwissenschaftlers Walther Killy wuchs in Göttingen, Bern und im kalifornischen Santa Cruz auf. Seit 1990 lebt der 44-jährige Journalist in Hamburg. Was Killy nicht erwähnt und von einigen Alteingesessenen nur hinter vorgehaltener Hand formuliert wird, ist das Gerede vom „russischen Kulturverein“, zu dem sich die Gemeinde langsam entwickele.

Bis das jüdische Leben wieder zu voller Blüte gelangt, gibt es noch viel zu tun. Es werden zwar regelmäßig Hebräisch-Kurse angeboten. Aber die Kultur der jiddischen Sprache, dem „Englisch der osteuropäischen Juden“, wie Daniel Killy es nennt, kann aus Ermangelung finanzieller Mittel und Personal kaum gepflegt werden – zurzeit stehen nur zwölf Mitarbeiter bei der Gemeinde in Lohn und Brot. Die Gottesdienste in der Synagoge an der Hohen Weide sind mit durchschnittlich 60 bis 80 Teilnehmern noch schwach besucht. Kulturelle Höhepunkte wie die Uraufführung von Dani Levys Komödie „Alles auf Zucker!“ oder Bildungsveranstaltungen die Vortrags- und Gesprächsreihe über die Shoah bilden eher noch die Ausnahme.

Antisemitismus, Neonazis und Islamisten stellten für die Juden in Hamburg keine aktuell-konkrete Bedrohung dar, betont Daniel Killy: „Und zur Türkischen Gemeinde haben wir sogar ein sehr gutes Verhältnis.“ Manchmal ärgert er sich allerdings über „urdeutsche Reflexe“ wie die pauschale Gleichsetzung aller Juden mit Israel, aber auch über den weit verbreiteten Philosemitismus, der jüdische Menschen entindividualisiert, kategorisiert und exotisiert. Gründe, irgendwann Deutschland zu verlassen und ins Heilige Land aufzubrechen? „Ich bin Hamburger“, antwortet Killy ohne Zögern, „warum soll ich meine Heimat verlassen? Das wäre doch ein später Erfolg der Nazis.“

Portal


• Institut für die Geschichte der deutschen Juden: Das Jüdische Hamburg. Ein historisches Nachschlagewerk, Wallstein Verlag, 19 Euro
• Ursula Wamser / Wilfried Weinke: Eine verschwundene Welt. Jüdisches Leben am Grindel, zu Klampen Verlag, 34 Euro
• Stadtrundfahrt des Landesjugendrings: „Jüdisches Leben im Grindelviertel“. Tel.040/31796114