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Porträt: Ex-Kanzler Helmut Schmidt - Der eiserne Raucher

Erschienen am 16.02.2008 in "Reutlinger General Anzeiger"

Porträt - Ex-Kanzler Helmut Schmidt (89) qualmt wider den Zeitgeist. Seine Meinung: "Aufhören? Zu ungesund!"

Der eiserne Raucher

Von Folke Havekost und Volker Stahl

HAMBURG. Sie sei köstlich - der englische Dichter-Dandy Oscar Wilde sah in der Zigarette den »vollkommenen Genuss«. Doch die kleine Kippe kann auch für enormen Verdruss sorgen. Zum Beispiel in Hamburg, wo seit Anfang des Jahres das Rauchen in öffentlichen Gebäuden untersagt ist.

Es begab sich im Winterhuder Fährhaus, einem gutbürgerlichen Lustspieltheater in Alsternähe: Beim Neujahrspunsch am 6. Januar zünden sich Altbundeskanzler Helmut Schmidt und seine Gattin Hannelore eine Reyno Menthol an. Ein Fotograf bemerkt die Szene, betätigt den Auslöser und schickt die Bilder an die »Bild«. Die Zeitung wird auch in Wiesbaden gelesen, unter anderem von Horst Keiser, der die dortige Nichtraucherinitiative leitet. Er erstattet Anzeige wegen Körperverletzung (Strafrahmen bis zu fünf Jahre) gegen die Eheleute. Auch Theaterleiter Michael Lang droht ein Ordnungsgeld, weil er dem seit 1942 verheirateten Paar einen Aschenbecher besorgt hat. »Ich wollte ja nicht, dass auf den Teppich geascht wird«, rechtfertigt sich der Hamburger Schweijk.

»Die Gesundheit der anderen interessiert einen Helmut Schmidt nicht«

Die Anzeige erntete Kopfschütteln, an Beistand für die Schmidts mangelte es nicht. »Es wäre für jeden peinlich, der ihnen nicht den Aschenbecher reichte«, proklamierte die FAZ. Der von Rauchverboten geplagte Hotel- und Gaststättenverband Kiel sah durch das Schmidt'sche Zündeln gar ein »Leuchtfeuer für den unterdrückten Untertanen« aufflackern. Horst Keiser beeindruckt das nicht. »Die Gesundheit der anwesenden Menschen interessiert einen Helmut Schmidt überhaupt nicht«, wettert der 64-jährige Nichtraucheraktivist, »er setzt sich seit Jahrzehnten über bestehende Rechte hinweg«.

Doch gerade dafür lieben ihn die meisten Hamburger. Frühen Ruhm erwarb sich Helmut Schmidt in seiner Heimatstadt nicht durch Feuer, sondern im Kampf gegen das nasse Element. Im Februar 1962 peitschte die Elbe wütend über die Deiche. Zur Bewältigung der Sturmflut eignete sich der junge Innensenator Kompetenzen an, die weder in der Hamburgischen Landesverfassung noch im Grundgesetz zu finden waren. Mit Erfolg: Schmidt bändigte die Naturgewalt und begrenzte die Opferzahl. Seitdem gilt er in Hamburg als Held. Wenn seine Frau Loki nun sagt, selbst Ärzte würden ihnen vom Nichtrauchen abraten (»Die Umstellung würde zu viel Stress für den Körper bedeuten«) - dann gewinnt das freudlose Gesundheitswesen, das ihren Gatten mit vier Bypässen und einem Herzschrittmacher versorgt hat, plötzlich ein unverhofft fröhliches Antlitz.

Trocken lästert der 89-jährige Delinquent, den man im Politikbetrieb »Schmidt Schnauze« genannt hat, die Volte aus Wiesbaden sei in seinem Leben die dritte Anzeige gegen ihn. Damit stehe sie neben den Ermittlungen 1944 wegen Wehrkraftzersetzung - er hatte einen Witz über die Nazis gemacht - und 1962 wegen Landesverrats im Zuge der Spiegel-Affäre. Noch Fragen, bitte?

Den Hamburgern gefällt solch stolzes Selbstbewusstsein, das die Grenze zur Arroganz bisweilen verschwimmen lässt. Freie und Hansestadt nennt sich das Gemeinwesen, das zugleich die zweitgrößte Stadt und das drittkleinste Bundesland der Republik ist. Der Hafen gilt als Tor zur Welt und hat im hanseatischen Bürgertum früh ein ausgeprägtes Unabhängigkeitsgefühl verankert. Im 19. Jahrhundert redeten Hamburgs Bürgermeister den deutschen Kaiser nicht als Majestät, sondern als Bundesgenosse an. Und noch immer gilt es weithin als nicht schicklich, Orden auswärtiger Mächte anzunehmen. Die Stadt setzt ihre Maßstäbe gern selbst. Überflüssig zu erwähnen, dass Schmidt 1983, nach seinem Rückzug aus der Tagespolitik, die Ehrenbürgerschaft verliehen wurde.

Viele ältere Hanseaten erinnern sich mit Vergnügen an die Fernsehdebatte zur Bundestagswahl 1976. Während CDU-Herausforderer Helmut Kohl versuchte, die sozialliberale Regierungspolitik anzugreifen, fläzte sich Schmidt zurückgelehnt im Studiosessel und erstickte die gegnerischen Vorstöße nonchalant im nebligen Dunst seiner Zigaretten. Die Botschaft war klar zu erkennen. Lässige Raucher sind Männer der Tat: Bond, Bogart, Belmondo - oder eben Helmut Schmidt. Der bemühte Kohl dagegen: Provinzkino, wofür sich der Pfälzer sechs Jahre später im kleinen Bonn mit dem Kanzlersturz per Misstrauensvotum rächen sollte.

»Die Umstellung würde zu viel Stress für den Körper bedeuten«

Kohl mit Kippe - unvorstellbar. Während Schmidts Nachfolger im Kanzleramt sich inzwischen mit erdenschweren Memoirenbänden beschäftigt, bevorzugt sein einstiger Rivale den leichten, flüchtigen Einwurf. Als Mitherausgeber der Zeit parliert er einmal wöchentlich mit Chefredakteur Giovanni di Lorenzo. Unter dem Motto »Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt« gibt der Elder Statesman Sätze zu Protokoll, die dahinwehen wie der Rauch einer Reyno Menthol. »Die politische Kultur Russlands besteht aus Diktatur« etwa. Mögen sie auch noch so bedeutungsvoll scheinen, einfangen lassen sie sich nur schlecht.

Auch die Anzeige löst sich in Wohlgefallen auf. Es sei »nicht davon auszugehen, dass eine Körperverletzung durch das Ehepaar Schmidt vorlag«, doziert Hamburgs Oberstaatsanwalt Rüdiger Bagger und ergänzt genervt, der Vorfall sei »ein eindrucksvoller Beweis, mit welchen Sachen sich eine Staatsanwaltschaft beschäftigen muss«.

Selbst im laufenden Wahlkampf naht das Rettende in Gestalt von Michael Naumann, der sich als Co-Herausgeber der Schmidt'schen Zeit freistellen ließ, um CDU-Bürgermeister Ole von Beust (Nichtraucher) abzulösen. Der SPD-Kandidat und Marlboro-Freund Naumann will das Rauchverbot für Pinten mit nur einem Schankraum lockern. Fragt sich nur, ob kleine Eckkneipen für Schmidt passend sind, um wie Oscar Wilde »vollkommenen Genuss« zu erlangen.

Bliebe als Raucherrückzugsraum notfalls das Anwesen der Schmidts, ein Reihenhausgrundstück im ruhigen Hamburger Stadtteil Langenhorn. Seine naturbegeisterte Ehefrau betreibt dort ein Gewächshaus, ihre Loki-Schmidt-Stiftung setzt sich für gefährdete Pflanzen ein. Der Große Klappertopf wird da geschützt, auch die Nickende Distel. Von einem Engagement der Stiftung für die Tabakpflanze ist nichts bekannt. (GEA)