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Buchrezension: Zeit der Lemminge. Aphorismen (Moshe Zuckermann)

Erschienen am 17.4.2008 in "Neues Deutschland"

Reflexionen über das dressierte Menschentier

Moshe Zuckermann legt mit seinem Aphorismenband „Zeit der Lemminge“ eine kritische Theorie der Moderne vor.

Von Susann Witt-Stahl

Die Kinder der Holocaust-Überlebenden seien „als Verkörperung der Hoffnung eines Neubeginns auf die Welt gekommen“. Andererseits inkarnierten sie „mit der schieren eigenen Existenz das, wes Gedenken der Gegenstand schwerster Schuld ist: die Schuld des Überlebens“. So beschreibt der israelische Schriftsteller Moshe Zuckermann in seinem Aphorismenband „Zeit der Lemminge“ die „Dialektik der Gedenkkerze“. Den Nachkommen der Opfer sei „die Last einer ‚fremden Schuld’ aufgebürdet, jener, die durch symbiotische Identifikation mit dem Leiden derer, die einen zur Welt gebracht und sich irgendwo in der Düsternis ihrer jung-alten Existenz das eigene Überleben nie verziehen haben, die eigene wurde“.
Zweifellos spricht Zuckermann als Sohn von polnischen Juden, die Auschwitz überlebt haben, aus der eigenen Erfahrung eines Lastenträgers der doppelten Bürde von Verantwortung und ‚fremder Schuld’. Aber es geht ihm in „Zeit der Lemminge“ nicht um die Verarbeitung seiner von eigenem und fremdem Leid durchwirkten Lebensgeschichte. Vielmehr stellt Zuckermann in seinem Buch, das im hebräischen Original bereits 2003 unter dem Titel „Chifzun ha’adam“ („Verdinglichung des Menschen“) erschienen ist, das eigene Erlebte und Empfundene als Paradigma für das von der Menschheit im Zuge der vorwiegend katastrophal verlaufenen Zivilisationsgeschichte Ertragene oder auch nicht Ertragene zur Verfügung. Er wendet sich nicht als Betroffener an sein Publikum, sondern als (leid-)erfahrener Vermittler.
Leiden ist schlechte Objektivität, die auf dem Rücken des Subjekts lastet. Zuckermanns Lehrer und geistiger Vater Theodor W. Adorno hatte die Vermittlung dieser beiden Sphären als „Kernstück einer jeglichen Dialektik“ begriffen – ohne die sich nichts vorwärts bewegt: Die Negativität des Leidens enthält den Drang zu der Erkenntnis, dass es anders werden muss. Oder wie Adorno es durch Nietzsches „Zarathustra“ sagen lässt: „Weh spricht: vergeh!“
In seinen „Lemmingen“ lässt Zuckermann seinem „Bedürfnis, Leiden beredt werden zu lassen“, das nach Adorno, „Bedingung aller Wahrheit“ ist, ebenso freien Lauf, wie es sein Lehrer in den 1940er Jahren in seinen „Reflexionen aus dem beschädigten Leben“ getan hatte.
„Der Aphorismus entfaltet sich am besten, wo das Objektive sich im individuell Subjektiven verdichtet findet, wie denn gerade in ihm der subjektive Impuls an weitreichender objektiver Bedeutung zu gewinnen vermag“, antwortet Zuckermann ohne Zögern auf die Frage, welche hervorragenden Qualitäten diese Form, die er selbst als „bewusst riskante“ bezeichnet, aufweise. Und er liefert damit gleichzeitig die Erklärung, warum sowohl Adorno als auch Zuckermann ein kongeniales Verhältnis zur Aphoristik haben.
Beide begreifen diese Form nicht bloß als literarische, sondern auch als philosophische. Nicht zuletzt durch ihre Eigenschaft, scheinbar unauflösbar Widersprüchliches – beispielsweise sprachliche Präzision und gedankliche Ausschweifung, vollendete Pointe und flüchtige Notiz – zu vereinen, gehört sie für Zuckermann sogar zu den wenigen, die überhaupt noch für eine angemessene Vermittlung „der fortwährenden Zersplitterung der gesellschaftlichen Realität und die damit einhergehende fragmentierte Wahrnehmung und Darstellung dieser Realität“ geeignet sind.
Jeder seiner Aphorismen, so Moshe Zuckermann, beanspruche Autonomie. Dennoch bilden sie zusammen alles andere als eine (wahl)lose Anhäufung von Textfragmenten: Weil sie sich thematisch allesamt in chronologischer Ordnung um die Ereignisse des Jahres 2001 – den Anschlag auf das WTC, die Eskalation der zweiten Intifada, den Ausbruch der Maul- und Klauenseuche in England – sowie um die Reflexionen des Autors während dieser Zeit ranken, sind sie „auch als eine Art Tagebuch“ zu verstehen.
Zuckermann arbeitet sich an gewichtigen welthistorischen, politischen, kunst- und kulturtheoretischen Phänomenen (der Gründung des Juden-Staates, des Scheiterns des Sowjet-Kommunismus, der Utopie einer warenlosen Gesellschaft, Heines, Nietzsches, Wagners, Adornos und Horkheimers Werk) ab.
Ebenso widmet er sich scheinbar banalen, häufig auch heiter-komischen Alltäglichkeiten, wie der „fäkalischen Peinlichkeit“, dem „wütenden Tritt“ gegen das Tischbein oder dem täglichen Verkehrsstau in Tel Aviv und „seiner routinierten Hinnahme“ – und zwar, wie Zuckermann schreibt, weil sie „aufs beste den dialektischen Charakter der Kontroll- und Dressurmechanismen repräsentieren, denen das Menschentier im gegenwärtigen Zeitalter unterworfen ist“.
„Zeit der Lemminge“ ist also weit mehr als bloß ein Tagebuch: Durch seine Komposition von Haupt- und Nebensächlichem, Wesentlichem und Marginalem, Strukturellem und Zufälligem formieren sich Zuckermanns Textfragmente zu einer universellen kritischen Theorie der Moderne.

Moshe Zuckermann – Zeit der Lemminge. Aphorismen
Wien 2007
ISBN 978-3-85165-801-9
144 S., br.
16.90 Euro