stahlpress

Medienbüro Hamburg

Filmrezension: "We feed the world"

Erschienen in "Neues Deutschland" 3.04.'06

„Wir müssen anders leben“

Der Dokumentarfilm „We feed the world” informiert darüber, was das Essen wirklich kostet

Von Susann Witt-Stahl

Der österreichische Regisseur Erwin Wagenhofer drehte 84 Stunden Filmmaterial über Mangel und Überfluss in der globalen Nahrungsmittelproduktion. Es kommen Bauern, Fischer, aber auch die Lenker der großen Lebensmittelkonzerne und ihre schärfsten Kritiker zu Wort.

Brot im MüllViele Mütter im Nordosten Brasiliens wissen sich abends nicht anderes zu helfen. Sie setzen einen Topf mit Wasser auf den Herd, legen Steine hinein und beruhigen ihre vor Hunger weinenden Kinder: „Geduld, das Essen ist bald fertig.“ Irgendwann schlafen die Kleinen beim vergeblichen Warten ein. Mit traurig-trockenen Originaltönen und sachlich-nüchternen Bildern erzählt Wagenhofers Film von den ökologischen Katastrophen und sozialen Tragödien, die sich tagtäglich rund um den Globus bei Produktion, Transport  und Verteilung von Nahrungsmitteln ereignen.
In Brasilien zerstören Bauern pro Minute sechs fußballfeldergroße Flächen Urwald durch Brandrodung und Abholzung. Während ein Viertel der einheimischen Bevölkerung Hunger leiden muss, werden in dem mit 186 Millionen Menschen bevölkerungsreichsten Land Lateinamerikas Sojabohnen für die Viehwirtschaft der Industrieländer angebaut – obwohl der Boden gar nicht dafür geeignet ist. „Wir müssen alle Nährstoffe herbringen und künstlich zuführen“, berichtet der Biologe Vincent José Puhl, „die europäischen Tiere fressen den Regenwald von Amazonien und Mato Grosso auf.“
Keine optimistischer stimmenden Bilder aus Europa: Tomaten werden auf eine 3000 Kilometer lange Reise geschickt,um auf den Tisch des Verbrauchers zu gelangen.Die Menge Brot, die täglich in der Stadt Wien weggeworfen und in eigens für die Vernichtung von Nahrungsmitteln eingerichteten Fabriken entsorgt wird, reicht für dieKomplettversorgung der Stadt Graz, die eine viertel Million Einwohner hat.Tomaten in Südspanien
Vergangene Woche präsentierte Greenpeace Wagenhofers 96-minütigen Dokumentarfilm „We feed the world“. Seit 1997 engagiert sich die Umweltschutzorganisation mit ihrer Verbraucherinitiative EinkaufsNetz für eine Landwirtschaft ohne Gentechnik, Chemie und Massentierhaltung. Wagenhofer will in seinem Film keineswegs Verbotenes enthüllen, sondern die legale Normalität zeigen. Er will auch nicht skandalisieren und moralisieren: „Es geht mir nicht darum, nach den Schuldigen zu suchen. Das ist die Aufgabe von Versicherungen und Religionen“, erklärt der freischaffende Autor und Regisseur. Stattdessen will Wagenhofer darauf aufmerksam machen, „dass wir einem veralteten Wirtschaftssystem hinter hecheln, das nach Wachstum strebt, obwohl die Märkte längst gesättigt sind“.
Noch deutlichere Kritik formuliert der UN-Sonderberichterstatter für das Menschenrecht auf Nahrung Jean Ziegler, der in Wagenhofers Film neben Bauern, Fischern und Saatgutherstellern ausgiebig zu Wort kommt: „Der Feihandel hat mit Freiheit überhaupt nichts zu tun, denn sie ist die Freiheit des Raubtiers“, prangert der Schweizer Soziologe an und weist darauf hin, dass täglich 100 000 Menschen an Hunger und den Folgen von Unterernährung sterben. „Die Weltlandwirtschaft könnte ohne Problem zwölf Milliarden Menschen ernähren. Das heißt, ein Kind, das heute an Hunger stirbt, wird ermordet.“
In Kontrast dazu kommt die Sicht auf das Welternährungsproblem von dem Chef des mit rund 65 Milliarden Dollar Jahrsumsatz weltgrößten Nahrungsmittelkonzerns Nestlé Peter Brabeck, ausnehmend zynisch daher. Der Top-Manager begegnet der zunehmenden Wasserknappheit – wie sie beispielsweise in Südspanien herrscht, weil die Europäer jährlich pro Kopf zehn Kilogramm künstlich bewässertes Treibhausgemüse konsumieren – vorwiegend profitorientiert: „Wasser ist ein Lebensmittel“, appelliert Brabeck für die Privatisierung des neben Sauerstoff für Mensch,Tier und Pflanze elementarsten Lebensmittels, „und so wie jedes Lebensmittel sollte das einen Marktwert haben“. 
Die Botschaft des Films: „Wir müssen anders leben, anders essen, anders einkaufen“, appelliert Wagenhofer an die Verbraucher. „Wir gehen in Supermärkte, wir können bestimmen, das ist eine Macht!“

Karl Otrok, Produktionsdirektor von Pioneer in RumänienKinostart: 27. April. Informationen unter www.essen-global.de