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Buchrezension: Sechzig Jahre Israel. Die Genesis einer politischen Krise des Zionismus

Erschienen am 11.3.2009 in "Neues Deutschland"

Vom Massada-Komplex zum Samson-Syndrom

Moshe Zuckermann bescheinigt dem Zionismus suizidale Züge

Von Susann Witt-Stahl

Der Anblick des Meeres blau-weißer Winkelemente, von dem die Feierlichkeiten zum 60. Geburtstags des jüdischen Staates getragen wurde, löste nicht bei allen Israelis ozeanische Gefühle aus. Während TUI-Slogans, wie „Israel ist sexy“ (die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Berlin), aufgesagt wurden, verfasste der Historiker Moshe Zuckermann eine kritische Erörterung der umfangreichen Strukturprobleme seines Landes.

Was dabei heraus kam, ist eine messerscharfe Ideologiekritik des Zionismus.
Zuckermann widmet sich seiner „religiös eingefärbten Identitätsgrundlage“, der Fetischisierung der Sicherheitsfrage und des Militärs, seiner Klassenhierarchie, dem „systemgewachsenen Rassismus“, der Selbstviktimisierung seiner Träger als „schießende Gewissensgequälte“ und ihrer „ideologischen Unverfrorenheit“, mit der die Möglichkeit des Friedens geleugnet wird: Sie stellen, prangert Zuckermann an, das unterdrückerische Verhältnis der israelischen Besatzer zu den palästinensischen Besetzten als symmetrisches zu einem „Partner“ dar, der angeblich zu keinem „Kompromiss“ (der in Wahrheit ein Diktat sei) bereit sei.

Deutliche Worte findet der „Zweierlei Holocaust“-Autor für die „heteronome Instrumentalisierung“ der Shoah, die von der wachsenden Siedlerbewegung auf die Spitze getrieben wird: „Wer den Auszug seiner Kinder aus dem Haus in den besetzten Gebieten ins Kernland Israel mit der Situation des Kindes mit den erhobenen Händen im Warschauer Ghetto vergleicht und inszeniert, darf Mitgefühl lediglich im Hinblick auf seinen Realitätsverlust beanspruchen.“

Kritik erntet aber auch das deutsche Jubelpersertum für die israelischen Kriege. Beispielsweise „das hohle Gerede“, mit dem eine geschichtsvergessene deutsche Kanzlerin – deren Partei vor allen dafür sorgte, dass es einem beachtlichen Teil der NS-Eliten im postnazistischen Deutschland nicht an Nestwärme mangelte – ihre Kadavertreue zur israelischen Staatspolitik bekundet. Das Täterland habe aber seine Möglichkeit zur Solidarität mit den Juden „sechsmillionenfach verwirkt“, erinnert Zuckermann Merkel daran, dass sich ihr jüngst erworbener Ablassbrief bestenfalls zu einer historischen Mogelpackung falten lässt. Es könne nichts wiedergutmachen. „Schon gar nicht, wenn es meint ‚Juden’ mit ‚Israel’ gleichsetzen bzw. umtauschen zu dürfen.“

Dieses Bedürfnis scheine durch, so Zuckermann, wenn „philosemitische Israelsolidarisierer“ – sogenannte Antideutsche, die sich „lusterfüllt im islamophobischen Ressentiment suhlen und das Netz deutschspezifischer Neuralgien und psycho-ideologischer Katharsis bilden“ – mit heroischem Gestus das Existenzrecht Israels verteidigen, sich aber einen feuchten Kehricht um seine Existenz scheren. „Insofern diese bedroht ist, rührt das nicht von einem abstrakten Diskurs über eine wie auch immer geartete Wesensbestimmung des ‚jüdischen Volkes’ oder die normative Beurteilung des ‚historischen zionistischen Weges’ her.“ Sondern es resultiere aus der Tatsache, dass das real existierende Israel sich nicht in den Nahen Osten integriere, „eine bis zum Halse bewaffnete Bastion in einer feindlichen Umwelt bleibt, das als historische Perspektive einzig einen unausgestandenen Dauerkonflikt zu bieten, eine Ideologie der permanenten Gewalt, den Ausnahmezustand als psychokollektive Matrix seines Selbstverständnisses zu offerieren hat“.

Es „drängt die Zeit“, befürchtet Zuckermann, „weil das ‚historische Experiment Zionismus’“ an einem kritischen Punkt angelangt sei: Israel habe sich „zweifelsfrei vom Massada-Komplex“ (73 n. Chr. hatten sich die letzten jüdischen Verteidiger in der Felsenfestung selbst getötet) zum Samson-Syndrom hinbewegt. „Man kann die Juden nicht mehr ‚ins Meer werfen’; eher gehen alle – die Juden und ihre Feinde – gemeinsam unter.“

Zuckermann will mit beiden Formen suizidaler Logik brechen, indem er darauf aufmerksam macht, dass die selbstzerstörerischen Gene des zionistischen Projekts nicht notwendig durchschlagen müssen. Es sei denn, nationalchauvinistische Kräfte haben weiterhin das Zepter in der Hand: All jene, die anstelle eines dauerhaften Friedens einem Management von Krieg und Gewalt das Wort reden, sind, zeigt Zuckermann auf, nicht minder nekrophile Zyniker als militante Islamisten – vor allem wenn sie die opferreichen israelischen Waffengänge von deutschen Wohnzimmercouchen aus anfeuern.

Nach dem Gemetzel auf dem Gaza-Streifen und dem durch die Knesset-Wahlen manifest geworden Rechtsruck in Israel kommt Moshe Zuckermanns nachträgliches Geburtstagsständchen für den jüdischen Staat nicht nur wie gerufen. Da er als Marxist, der in die Frankfurter Schule gegangen ist, starke Dissonanzen einkomponieren musste, erweist sich sein Werk als unverzichtbare Antithese zu einer Politik der Stagnation des Friedensprozesses und der damit einher gehenden Alltagsbarbarei in den besetzten Gebieten. In den Grundregeln der Harmonielehre, die ein in Israel apostrophierter Musiktheoretiker wie Zuckermann freilich beherrscht, spiegelt sich die Dialektik der Geschichte: Dissonanzen streben ebenso nach Auflösung wie gesellschaftliche Konflikte. Und so ist seine tiefenpsychologische Analyse der zionistischen Ideologeme keine defätistische Nörgelei, sondern Leitlicht zu dem einzigen Ausweg aus Israels Misere: Einem gerechten Frieden mit den arabischen Nachbarn. Alles andere, ist sich Zuckermann sicher, werde den Bewohnern der Region die Perspektive verbauen „für ein menschliches Dasein, das das Menschsein emphatisch ernst nimmt und seine Verwirklichung erstrebt“.



Moshe Zuckermann: Sechzig Jahre Israel. Die Genesis einer politischen Krise des Zionismus. Pahl-Rugenstein, br., 166 S., 16.90 €.