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Geschichten vom Ursprung des Lebens Richard Dawkins auf den Spuren von Charles Darwin

Erschienen am 23.10.09 in "Kieler Nachrichten"

Pilgerreise mit Plattwürmern und Kragengeißeltierchen

Richard Dawkins auf den Spuren von Charles Darwin

Von Susann Witt-Stahl

Der Mensch stammt aus dem Tierreich. Für jene, bei denen die Konfrontation mit diesem unerschütterbaren Faktum immer noch eine „biologische Kränkung der menschlichen Eigenliebe“ (Sigmund Freud) verursacht, wird Dawkins Monumentalwerk ein schwer verdaulicher Brocken sein. Für alle anderen, die den Fortschritt der Wissenschaften folgen und nicht in religiösen Fundamentalismus zurückfallen möchten, könnte die Wanderung des britischen Zoologen „auf Darwins Spuren“ ein faszinierendes Lese- und Erkenntnisabenteuer werden.

Dawkins nennt seine rückwärts gerichtete Chronologie der Geschichte des menschlichen Lebens „Pilgerreise“. Unterwegs gibt es 40 Begegnungen mit anderen „Pilgern“ – von den Schimpansen bis zu den Eubakterien –, bevor „wir am Ende die Einheit alles Lebendigen feiern“ können. Während seiner Tour, die von „Mitpilgern“ wie Rippenquallen, Plattwürmern und Kragengeißeltierchen begleitet wird, warnt Dawkins den homo sapiens immer wieder vor Überheblichkeit: „Fortschritt ist ausdrücklich nicht das Gleiche wie Fortschritt in Richtung des Menschen.“ Wer die Evolution verstehen will, müsse sich auch von der falschen Vorstellung unserer Spezies als Zentrum allen Seins verabschieden: „Elefantenastronomen würden sich vielleicht fragen“, gibt Dawkins zu bedenken, „ob es in irgendeiner anderen Welt außerirdische Lebensformen gibt, die den Nasenrubikon überschritten und den letzten Schritt zur völligen Berüsseltheit vollzogen haben.“

Bloß ein weiteres Biologiebuch im Darwin-Jahr? Nein – Dawkins „Geschichten vom Ursprung des Lebens“ ist viel mehr: Nicht nur, weil der Autor zu den streitbarsten Religionskritikern und Aufklärern der Gegenwart gehört, ist es ein politisches Buch. Sondern auch, weil es einen emphatischen Appell zur Solidarität des Lebens enthält und eine moralische Absage an die Hierarchisierung des Wertes seiner verschiedenen Formen, die die Keimzelle von Rassismus, Antisemitismus, Homophobie und anderer gesellschaftlicher Vorurteile ist.

Dawkins Reise an den Anfang unseres Seins ist die Grundlage für das „Eingedenken der Natur im Subjekt“, wie der Philosoph Theodor W. Adorno die bewusste Wahrnehmung und Reflexion unserer unterdrückten und verdrängten tierlichen Anteile nannte. Diese Selbsterkenntnis ist die Basis für die längst fällige Versöhnung des Menschen mit der Natur. Die wiederum ist unabdingbar notwendig, um das Überleben und die Lebensqualität künftiger Generationen auf dem Planeten Erde zu sichern. In Dawkins Buch geht es also nicht nur um Evolutionstheorie – es geht ums Ganze.


Richard Dawkins: Geschichten vom Ursprung des Lebens. Eine Zeitreise auf Darwins Spuren. Ullstein, geb., 928 S., 29.90 €.