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„...nur durch einen Federstrich“ Warum Alfred Hrdlickas Skulptur Der Schreibtischtäter in die Ausstellung Topographie des Terrors gehört

Erschienen in "Kunst + Kultur" 3/09

„...nur durch einen Federstrich“

Warum Alfred Hrdlickas Skulptur Der Schreibtischtäter in die Ausstellung Topographie des Terrors gehört

Von Susann Witt-Stahl

Die deutsch-amerikanische Gelehrte Hannah Arendt beschrieb ihn als einen, der „war wie viele“ – viele, die „weder pervers und sadistisch, sondern schrecklich und erschreckend normal waren und sind“.

Gemeint war Adolf Eichmann. Der ehemalige SS-Sturmbannführer gilt bis heute als die perfekte Verkörperung des Schreibtischtäters: eines neuen Verbrechertypus’ – eine Schöpfung der Moderne, die sich der Verwirklichung von Emanzipation und Aufklärung verschrieben hat. Spätestens seit der Veröffentlichung von Arendts Bericht über den Prozess gegen Eichmann in Jerusalem und „der Banalität des Bösen“ 1963 hat sich sein Name als pars pro toto ins kollektive Gedächtnis eingebrannt für die bis ins kleinste Detail organisierte und akribisch verwaltete Massenvernichtung von Menschen in Fabriken, die allein für eines bestimmt waren: die Produktion von Toten.

Alfred Hrdlicka hat sich dem „hostis generis humani“ (Hannah Arendt) Adolf Eichmann künstlerisch genähert. Antifaschismus gehört zu den zentralen Sujets des Wiener Bildhauers, Malers und Zeichners. Der Nationalsozialismus war für ihn, wie er berichtet, bittere „Empirie“: Als fünfjähriger Junge wurde er bei einer Hausdurchsuchung von NS-Schergen verprügelt und musste mit ansehen, wie sein Vater – er war Kommunist und Gewerkschaftsfunktionär – in Handschellen abgeführt wurde.

Als „praktischer Marxist“ und „proletarischer Künstler“ – Hrdlicka über Hrdlicka –, der unter Kommunismus die „wahrhafte Auflösung des Widerstreits zwischen dem Menschen mit der Natur und mit dem Menschen“ (Karl Marx) versteht, ist er seine mehr als sechzig Schaffensjahre lang einem figurativ-expressionistischen Stil treu geblieben und hat seine rigorose Absage an die abstrakte Kunst immer wieder beharrlich erneuert.

Hrdlickas Skulptur Der Schreibtischtäter entlarvt nicht bloß die Eichmanns dieser Welt als Ausgeburt bürgerlicher Kälte, die das Mitgefühl als das Überflüssige schlechthin denunziert haben. Er prangert die sich mit dem Fortschreiten der Zivilisation in allen gesellschaftlichen Sphären ausbreitenden Abstraktionen von dem physischen Leiden und die ihnen innewohnende Rationalisierung und ideologische Verhüllung des Grauens an – die Diskreditierung des sich vor Schmerz krümmenden Leibes, der die an ihm verübte Gewalt spiegelt. Somit ist Hrdlickas Kunstwerk auch eine Anklage der Inhumanität der bürgerlichen Moralphilosophie – die dem „quälbaren Leib“ (Bertolt Brecht) die Solidarität entzogen hat – und der Weigerung ihres ästhetischen Pendants, der abstrakten bildenden Kunst, den Menschen in seiner materiellen Wirklichkeit, als verwundbares und empfindungsfähiges Fleisch anzuerkennen.

Der Schreibtischtäter ist bis heute nicht im Original verwirklicht. Die Gestaltung des Entwurfs der Plastik, die Hrdlicka von Anfang an für das ehemalige Gestapo-Gelände in Berlin vorgesehen hatte, war bereits 1984 abgeschlossen. Seit 1998 steht das eineinhalb Meter lange Bronzemodell, von dem es fünf Kopien gibt, im Willy-Brandt-Haus in Berlin. Zwischendurch war Der Schreibtischtäter in diversen Ausstellungen zu sehen – zuletzt 2008 in „70 Jahre danach. Die Wiener Staatsoper und der ‚Anschluss’ 1938: Opfer, Täter, Zuschauer“ in Hrdlickas Heimatstadt.

Anfang der 1990er Jahre war eine Initiative des Bildhauers und der Redaktion der ZDF-Sendung „Kennzeichen D“ gescheitert, das Modell als fast lebensgroße Skulptur für das Gelände vor dem Reichstag umzusetzen.

Vor mehr als fünf Jahren nahmen Kunstfreunde und Förderer einer Politik gegen das Vergessen erneut Anlauf, um die Entscheidungsträger in den Gremien der Stiftung Topographie des Terrors davon zu überzeugen, dass Der Schreibtischtäter notwendig zu einer Erinnerungskultur gehört, die beansprucht, die Menschheitsverbrechen des NS-Staates lückenlos aufzuarbeiten. Nun setzen sie sich auch in der Öffentlichkeit dafür ein, dass das Kunstwerk noch unter der Anleitung des mittlerweile 81-jährigen Künstlers am ursprünglich vorgesehenen Bestimmungsort realisiert werden kann.

Unter den Fürsprechern auch Oskar Lafontaine. Der Linkspartei-Chef hatte bereits in seiner Ansprache zum 80. Geburtstag von Alfred Hrdlicka dazu aufgerufen, für den Vorplatz des Dokumentationszentrums Topographie des Terrors als Standort des Schreibtischtäters zu „werben“.

Die Ausstellung Topographie des Terrors befindet sich seit 1987 auf dem Gelände zwischen der Prinz-Albrecht-Straße (heute Niederkirchnerstraße), Wilhelmstraße und Anhalter Straße – einem Ort, an dem von 1933 bis 1945 die wichtigsten Schaltstellen des nationalsozialistischen Repressionsapparats angesiedelt waren: Das Geheime Staatspolizeiamt, die SS-Führung und das Reichssicherheitshauptamt. Hier standen die Schreibtische, an denen die NS-Bürokraten den Völkermord an den europäischen Juden und andere Verbrechen planten. Seit November 2007 wird ein Gesamtkonzept für die Gestaltung des „Ortes der Täter“ und einen Neubau des Dokumentationszentrums umgesetzt. Voraussichtlicher Abschluss des Projekts: Mai 2010.

„Alfred Hrdlickas Plastik, in der die Akten eines der Hauptverantwortlichen für den Holocaust, des Massenmörders Adolf Eichmann, in Bergen von Toten enden, macht die Ermordung des jüdischen Volkes konkret sichtbar“, begründete Oskar Lafontaine sein Engagement gegenüber Kunst + Kultur. „Es konfrontiert den Betrachtenden mit dem Unfassbaren. Es schockiert, macht wütend und weckt Widerstand.“

Auch die künstlerische Leiterin des Willy-Brandt-Hauses Gisela Kayser unterstützt die Initiative: „Das Werk zeigt auf drastische und plastische Weise, wie Menschen unter dem Nazi-Regime sterben mussten, abgestempelt, nur durch einen Federstrich des Schreibtischtäters – den Verlauf, beginnend mit einem bürokratischen Erlass, einer Stigmatisierung, und endend in dem Leichenberg der Konzentrationslager.“

Der Autor Hans-Dieter Schütt erinnert an Hrdlickas besondere Fähigkeit, das Leiden der Geknechteten in der bildenden Kunst beredt werden zu lassen: „Er hat schreienden Stein in die Welt gewuchtet – Mahnmale gegen Faschismus, zahlreiche Märtyrer wider den Terror“, sagt Schütt, der im vergangenen Jahr einen Interview-Band unter dem Titel „Alfred Hrdlicka: Stein Zeit Mensch“ veröffentlicht hat. „Er verkörpert noch jene Qualität, die in junger Vergangenheit und heute offenbar noch immer nötig ist, um dem Thema Prioritäten und Provokativkraft zu geben: nämlich Standhaftigkeit und Sturheit gegen falsches Konsensdenken und Vergessenslust.“

Auch aus Israel meldet sich eine Stimme zu Wort: „Hrdlickas Skulptur ist ein künstlerisch außergewöhnliches Zeugnis für den monströsen Wirkzusammenhang von Schreibtisch und Gaskammer“, so der Historiker und Kunsttheoretiker Moshe Zuckermann. „Der nach unten gewendete Daumen des römischen Kaisers am Ende des Gladiatorenkampfes ist bereits symbolischer Bestandteil des Tötungsaktes – er ist Zeichen der Macht zur Gewalt als Gewalt“, verweist der Autor von „Gedenken und Kulturindustrie“ auf die historische Konstante der schrecklichen Synthese von mörderischer Theorie der Befehlsgeber und blutiger Praxis der -empfänger, die Hrdlickas Werk offenlegt. „Was aber in der Antike noch als Macht zur Gewalt in den Händen des mächtigen Herrschers gegen das Individuum erscheint, gerät im Nazismus zur Schreibtischtat des Bürokraten bei der Verursachung des anonymisierten, industriellen Massenmordes. Die Dialektik der Moderne hat das symbolische Daumenwenden zur praktischen Routine des Genozids werden lassen.“

Ulrich Seidler, Kunstsammler und Vorstandsmitglied der Karl-Friedrich-Schinkel-Gesellschaft, der sich seit Jahren für die Realisierung des Schreibtischtäters einsetzt, bringt die Argumente auf den Punkt: „Das ist das Mahnmal, das die Deutschen brauchen, um bei Verstand zu bleiben.“

Ob die Verantwortlichen der Stiftung Topographie des Terrors diese Ansichten teilen, ist ungewiss: „Der geschäftsführende Direktor kann zurzeit keine Stellungnahme abgeben“, lautet es wortkarg aus der Geschäftsstelle. Auch die Frage, wann mit einer Entscheidung gerechnet werden kann, bleibt unbeantwortet.

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