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Ruhige Oase der Urbanität

Ruhige Oase der Urbanität

Erschienen: Mieter Journal, 2/2011

Von Rainer Kreuzer

Hamm liegt zentral, ist grün und für Mie-
ter relativ günstig. Im Süden fließt die
Bille, im Norden halten sich Eckkneipen
und Kleinhändler. Etwas Szene-Flair und
Industriebrache sorgen für Vielfalt.
om Hauptbahnhof aus sind es rund
fünf Minuten mit der S-Bahn-Linie
1 bis Hasselbrook. Dort beginnt
ein kleiner Kiez mit Cafés, Restaurants,
Eckkneipen und Tante-Emma-Läden. Ein
Kiez, der bislang kaum entdeckt worden ist,
weil er weitab von der Schanze, von Otten-
sen und St. Georg liegt. „Hier ist es nicht
so stressig, es gibt keine lauten Nachbarn.
Ich habe ein sehr geborgenes Gefühl“, lobt
Umut Abaci seinen Heimatstadtteil. Der
21-jährige Türke ist hier geboren und macht
eine Ausbildung zum Veranstaltungstech-
niker. „Hamm ist sehr citynah, aber trotz-
dem ein eigener Stadtteil für sich.“
Einen Haken konnte Abaci aber schon
entdecken: „Eine Wohnung, um eine WG
neu zu gründen, lässt sich kaum finden.“
In den zumeist kleinen Wohnungen leben
Singles oder Paare, entweder Senioren oder
junge Mieter, Studenten und inzwischen
auch schon einige „Kreative“. Alte Pracht-
bauten aus der Gründerzeit finden sich nur
selten. Sie wurden im Zweiten Weltkrieg
zerstört. Die dunkelroten Backsteinhäuser,
meist in den 1950er- und 1960er-Jahren
erbaut, sind als Spekulationsobjekte für die
Immobilienspekulanten bislang kaum von
Interesse. So liegen die Netto-Kaltmieten
bei Neubezügen zwischen 7,50 und 9 Euro
pro Quadratmeter – und damit immer
noch im unteren Bereich der zentralen
Stadtgebiete.
Von Gentrifizierung kaum eine Spur,
obwohl schon seit 1987 am Hammer Park
ein Bioladen existiert. Dort erledigen die
Nachbarn meist ihre Kleineinkäufe, weil
der Weg zu den Supermärkten weit ist, weiß
Verkäuferin Doreen Werner zu berichten.
„Viele junge Mütter kaufen hier ein. Nach
Hamm ziehen viele Leute, weil hier alles
nicht so voll ist wie in Eimsbüttel.“ Im Park
gegenüber wird bei sommerlichem Wetter
gegrillt, gefeiert und gespielt. Vor dem Ein-
gang stehen freitagnachmittags die Obst-
und Gemüsestände des Wochenmarktes.
Das Café May mit seinem Latte macchia-
to und dem postmodernen Design bringt
bereits einen Hauch Szene-Flair ins Viertel.
Die Carl-Petersen-Straße mit ihren vielen
kleinen Läden, die noch nicht von den Fili-
alketten verdrängt worden sind, erinnert
ein wenig an das Schanzenviertel vor 20
Jahren.
An der U-Bahn-Station Hammer Kir-
che geht es bergab zur Hammer Landstra-
ße. Dort ist Schluss mit dem urbanen Idyll.
An der sechsspurigen Eiffestraße liegen
die Ausläufer des Gewerbegebietes, das in
Hammerbrook beginnt. Graue Bürohallen,
trister Leerstand und donnernde Lastwa-
gen: Das ist Hamm-Mitte. Dahinter wird
es grün. Dort fließt die Bille direkt entlang
der Hallenhäuser, die die Baugenossen-
schaft freier Gewerkschafter vor elf Jahren
errichtet hat. Jeweils zwei Mietshäuser sind
durch einen überdachten Zwischenhof mit-
einander verbunden. Darin stehen Spring-
brunnen, Pflanzen, Tische und Stühle,
um den Kontakt unter den Nachbarn zu
fördern. „Die Hausgemeinschaft ist recht
innig“, lobt Mieterin Susann Reese das aus-
gefallene Projekt: „Wir feiern regelmäßig
Sommerfeste.“ Aus ihrem Zimmer kann
die 37-Jährige direkt aufs Wasser schauen
und den Ruderbooten zusehen. Eine exklu-
sive Lage für ihre sechsköpfige Familie: 92
Quadratmeter für 841 Euro Warmmiete.
Die will Susann Reese keinesfalls aufgeben,
obwohl ganz im Süden Hamms die Ver-
kehrsverbindungen dünn sind. Nur der Bus
112 fährt bis zur Siedlung an der Steinbe-
ker Straße. „Und der Strich ist total nervig.
Da kurven die ganze Zeit die Freier in den
Autos herum.“
Wenige Meter stadteinwärts, wo das
Gewerbegebiet mit den grauen Hallen
beginnt, stehen abends Prostituierte am
Straßenrand. Schmückis Trucker Treff ver-
sorgt seit 18 Jahren die Arbeiter aus den
Von oben nach unten: Idyllische Stimmiung an
der Bille, die Verkäuferin Doreen Werner und
der Azubi Umut Abaci (r.) wissen ihren Stadtteil
zu schätzen. Fotos: Kreuzer
Lagerbetrieben mit Labskaus und Frika-
dellen. Doch es werden immer weniger,
weiß Imbissbetreiberin Renate Schmücker.
„Auf jede Fläche, die frei wird, kommt ein
Autohändler. Die Böden sind verseucht.“
Die alten Firmen seien in den vergangenen
Jahren reihenweise pleite gegangen oder
aus der unwirtlichen Gegend abgewandert.
Ein paar Mietshäuser sind erhalten geblie-
ben. Der morbide Charme des Umfeldes ist
Schmückers Kapital. Ihre plüschige Imbiss-
bude habe schon für viele Fernsehaufnah-
men als Kulisse gedient, berichtet sie stolz.
Für Touristen ist sie noch keine Attrakti-
on – aber für die Mieter, die am südlichen
Ende Hamms wohnen. Denn Einkaufs-
und Ausgehmöglichkeiten sind dort noch
immer rar gesät.