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Wein trifft Theater: Es lebe die Rebe

Erschienen in den "Kieler Nachrichten" am 23. April 2011

Es lebe die Rebe!

Regisseur Heiko Michels aus Kiel verwandelt seine Schauspieler in Weine. Ein experimentelles Theater, das den Spagat zwischen Kommerz und Kunst nicht scheut. Dem edlen Tropfen zuliebe.

Von Folke Havekost

Als zwei junge Frauen mit Coffee-to-go-Bechern den Raum betreten, besteht kein Zweifel mehr: Übermäßige Berührungsängste mit dem Thema Wein als Kulturgut gibt es hier nicht. Der Grauhaarfaktor liegt unter 20 Prozent, und wir befinden uns hoch über Hamburgs HafenCity im zehnten Stock des Internationalen Maritimen Museums. Bereit zu einer „Reise durch die deutsche Weinkultur, nach der Sie Wein mit anderen Augen sehen werden“, wie Monika Reule vom Deutschen Weininstitut (DWI) verspricht. Etwa 60 Gäste haben 35 Euro bezahlt, um fünf deutsche Weine zu probieren und anschließend die Premiere von „es gärt“ zu erleben. „Das ist experimentelles Theater, und so stellen wir uns auch dar“, erklärt Hermann Egbers vom Zevener Weinhaus Stratmann, der mit der Verbindung von Rebensaft und Schauspiel den Imagewandel des deutschen Weins befördern will – gestützt auf eine „2000-jährige Kulturtradition“, wie Reule formuliert.

Das dreiköpfige Ensemble „Weinkörper“ präsentiert ein postmodernes Unterhaltungsstück, bei dem niemand dem anderen eine Flasche über den Kopf zieht und es dann den Rest des Abends heißt: Wer ist der Mörder? Und was war das eigentlich für ein Wein? Stattdessen verkörpern Caroline du Bled, Ina Maria Jaich und Martin Heesch vollmundig verschiedene Weine und ihren komplexen Entwicklungsprozess. Im Zweifelsfall von der Kelterung bis ins Ikea-Regal, wo der wertvolle Korken langsam austrocknet. Gewürzt wird das Ganze nicht nur mit Tanninen, sondern meist auch mit wohltuender Ironie. Schließlich behandelt das Trio nicht nur die eigene Gärung, sondern auch Fragen von Kulturgeschichte und Weltgeschehen: Ist der „australische Pinot Gris Julian Assange“ nun ein „globaler Wein“? Und was passiert, wenn der alte Grieche Heraklit recht hätte und „alles fließt und nichts kann mehr gären“?

Natürlich spielen auch die Debatten um Stuttgart 21 eine Rolle, und nebenbei wird das immer noch recht verbreitete Bild vom deutschen Wein als „Massenbetäubungsmittel mit Fruchtfaktor“ aufgegriffen. Das hat sich mit der neuen „Generation Riesling“ hoffentlich geändert: „Obwohl dieser Korken auf mir drauf ist, bin ich total offen!“

„Unsere jungen Winzer bringen viele neuen Ideen ein“, wirbt Weinhändler Hermann Egbers bei einem Glas rotem Burgunder. Im Konsum herrsche zwar eine „hohe Italienlastigkeit“, aber „wer deutsche Weine getrunken hat, bleibt auch dabei“. Also lautet die Devise: Hemmschwellen abbauen, Trübnisse der Vergangenheit hinter sich lassen. „Der Kaiser ist abgewählt und unsere Weinkönigin Mandy regiert auch nicht besonders despotisch“, heißt das in den Worten der Weinkörper-Schauspieler.

13 weitere Auftritte sind in diesem Jahr für „es gärt“ geplant, der nächste am 28. April im Mainzer Landesmuseum. „Die Stücke funktionieren auch vor Winzern aus der Pfalz“, bekräftigt Heiko Michels, der die „groteske Liaison von Wein und Mensch“ zusammen mit Fabian Larsson geschrieben und inszeniert hat. Schon seit 2003 bringt das Team Wein auf die Bühne, der aus Kiel stammende Regisseur Michels spannt den Bogen dabei weit: „Bei Genuss denkt man zuerst an Gemütlichkeit, aber es ist auch eine politische Frage, ob man feine Sinne hat.“ Deshalb habe das Stück „Politik mit drin, aber keine politische Ausrichtung“, sagt Michels, der auch Jacques-Brel-Programme mit seiner Gitarre bestreitet und in Kiel 2008 mit seiner Inszenierung „Matrosenaufstand“ zu sehen war.

Als es auf der Bühne heißt, es bräuchte mehr „südländische Fülle, wer könnte das sein?“, ruft eine Zuschauerin „Hamburger Elbhang!“ dazwischen – das wiederum dürfte eine größere Herausforderung für den Winzerstand als für die Schauspieler sein. „Winzer hauchen den Weinen Leben ein und geben ihm eine Seele“, sagt DWI-Geschäftsführerin Monika Reule. „Kein anderes Produkt hängt so stark von seiner Herkunft ab.“

Beim Publikumsgeschmack liegt schließlich der Grauschiefer-Riesling vom Weingut Schnitges vorn. Der Grauburgunder aus dem Weingut Spiess hat eine starke Minderheit auf seiner Seite.