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Schüler schreiben mit Autoren: Das Projekt Schulhausroman

Erschienen im "Neuen Deutschland" am 15. Januar 2011

Nicht wie immer bei einer Liebesgeschichte

Projekt Schulhausroman: In Hamburg arbeiten Schulklassen mit Schreibtrainern an eigenen

literarischen Werken

Von Folke Havekost

Zum Schluss ist für die RKS-Gang so ziemlich alles in Ordnung. Kyle hat Jessica Alba geheiratet. Stan trägt zwar noch Brandnarben, ist aber glücklich mit Büsra zusammen. Randy ist immerhin reich geworden, und gemeinsam haust das Trio in einer Hollywood-WG – wenn Basketball-Star Michael Jordan sie nicht gerade auf Partys einlädt, auf denen er seinen Gästen kurioserweise Folgen der Oliver-Pocher-Show vorführt.

Kyle, Stan und Randy sind Romanfiguren, und ihr Schicksal bietet einen gewissen Gegensatz zu ihren Autoren: Achtklässlern der Gesamtschule Kirchdorf in Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg. Die 1000 Schüler sind über Eis und Schnee in ihre Klassenräume gestapft. Das trübe Dezemberwetter verneint jeden Gedanken, in den Pausen den Basketballplatz zu benutzen. Hanif meldet sich und ruft: »Frau de Weck, ich hab die beste Geschichte!« Dann erzählt er, was er für Stefan vorgesehen hat: Eine ziemlich fiese Figur, die einen Keil zwischen die Liebenden Diba und Toni treibt.

Freier und radikaler als Gymnasiasten

Die Klasse 8a der Gesamtschule Kirchdorf besteht aus 24 Schülern, manche mit, manche ohne deutsche Staatsbürgerschaft, alle mit dem, was man heute gerne einen »migrantischen Hintergrund« nennt. Die 8a schreibt an einem Schulhausroman oder, genauer gesagt, an zweien, denn 24 Autoren sind etwas zu viel für einen Roman. Also teilt sich die Klasse und schreibt an einem Krimi und einer Liebesgeschichte. »Wir haben vier Wochen an den Charakteren gearbeitet, jetzt wollen sie auch loslassen und loslegen«, sagt Laura de Weck. Die hamburgisch-schweizerische Schauspielerin und Dramatikerin (»Lieblingsmenschen«) ist als Schreibcoach in Kirchdorf. Sie unterstützt die Klasse, ihren eigenen Roman zu verfassen.

Der »Schulhausroman« ist eine Erfindung des schweizerischen Autors Richard Reich, der 2004 auf eigenen Lesungen vor Hauptschülern auf Desinteresse stieß. Mit seinen »selbstreferentiellen Humoresken«, erzählt Reich, sei er von vielen Schüler kaum verstanden worden. Oder umgekehrt: Er hatte ihnen nichts zu sagen. Reich reagierte, indem er die Schüler befragte: Über ihr Leben, ihre Wohnzimmereinrichtung und was hinter ihrem Zimmerfenster liegen könnte. Er ließ sie Figuren entwerfen, diese aufeinanderprallen und Geschichten entstehen – das Projekt Schulhausroman war geboren. In der Schweiz entstanden seitdem über 70 solcher gemeinschaftlichen Texte, in der Regel mit Schülern, denen gerne das Attribut »bildungsfern« angeheftet wird. »Dabei zeigte es sich rasch, dass diese Jugendlichen mitunter zu einem viel freieren, viel radikaleren Erzählen fähig waren als etwa gleichaltrige Gymnasiasten«, bilanziert Reich und erklärt: »Das Projekt wendet sich dagegen, dass Schüler, die nicht aufs Gymnasium kommen, als Problemfälle angesehen werden.«

Das innenstadtnahe, 50 000 Einwohner zählende Wilhelmsburg gilt selbst als Problemfall. Wenn in Hamburger Mietgesuchen von »bevorzugten Stadtteilen« gesprochen wird, erwartet niemand Angebote von der Elbinsel – auch wenn Fatih Akin hier gerne seine Filme dreht und 2013 die Internationale Gartenschau nach Wilhelmsburg kommt. Langsam mag sich die Gentrifizierung nähern, derzeit lebt jeder vierte Bewohner von Sozialhilfe.

Im Kirchdorfer Computerraum werden derweil Ideen entworfen, diskutiert, verworfen, weiterentwickelt. »Die Schüler sind absolut hinterher, dass die Geschichte gut ist«, erzählt de Weck. Zwischen den Sitzungen kombiniert die 29-Jährige die entstandenen Texte, die dann wieder besprochen werden. Als sie den von ihr zusammengestellten Romananfang vorlesen lässt, staunt der eine oder andere Schüler: Da sind ja tatsächlich Sätze dabei, die ich so geschrieben habe! »Für die Klasse ist die Arbeit gemeinschaftsstiftend«, sagt Klassenlehrerin Martina Warncke: »Die Schüler waren von Anfang an motiviert. Eine solche Wertschätzung bekommen sie von außen sonst eher nicht. Und Laura de Weck hat sie gleich für sich gewonnen.« De Weck hat Erfahrung in der Arbeit mit Jugendlichen: Das Ensemblemitglied des Jungen Schauspielhauses Hamburg entwickelt zurzeit mit einer anderen Schulklasse ein Theaterstück über binationale Partnerschaften und die Verstrickungen des Aufenthaltsrechts. »Bei der Arbeit«, sagt de Weck, »lerne ich die Schüler richtig gut kennen«.

Die Gruppenbesprechung ist zu Ende, es geht an die Computer. Ahmet und Oktay hämmern in die Tasten. »Ich glaube, Oktay hat noch nie so viel geschrieben, oder?«, fragt Lehrerin Warncke. »Ja, schrecklich«, sagt der, lächelt ein bisschen und schreibt weiter. Laura de Weck ist derweil bei Kamil, der gerade an einer entscheidenden Stelle arbeitet: »Schreib, warum Eric sauer auf Kyle ist. Dafür kannst du auch direkte Rede nehmen. Du musst ihn nicht krass beleidigen, aber du musst ihn aus der Gang rauswerfen.«

Die Schüler entwickeln ihre eigene Sprache

Hamburg ist die erste deutsche Stadt, in der regelmäßig Schulhausromane geschrieben werden, derzeit vier pro Halbjahr. Die Schulen kostet das jeweils 500 Euro, dafür kommen lokale Autoren über zwei bis drei Monate an sechs bis neun Terminen zur gemeinsamen Arbeit in die Klassen. Am Ende wird der Roman von den Schülern im prunkvollen Saal des Hamburger Literaturhauses präsentiert – »im Herzen des Bildungsbürgertums«, wie es Erfinder Reich wichtig ist.

Tatsächlich eignen sich die Schüler nach und nach ihre eigene Sprache an. Fremde Texte sind dabei manchmal so unverbindlich wie Rechtschreibnormen. Aus dem geläufigen Liebeskummer wird bei Ezdin ein sehr poetisches »Liebes-Koma«, an dem seine Figur Buttes leidet. De Weck erklärt die normale Schreibweise und überlässt ihm die Entscheidung: Ezdin bleibt beim Koma. Elemente der Populärkultur dienen als Versatzstücke für die eigene Romanwelt, der Umfang mit ihnen ist extrem unbefangen.

Eine Jugendgruppe im Krimi ist an die Figuren der US-Trickfilmserie »South Park« angelehnt. Nur dass Kyle in Kirchdorf kein frühreifer Neunjähriger (wie das Fernsehvorbild) ist, sondern 21-jähriger Jurastudent, der mit seiner Gang auf Piste geht: »Ihr Ziel ist es, Mädchen zu beeindrucken. Sie ziehen sich gut an und verhalten sich so wie erwachsene Leute. Sie trinken kein Bier und rauchen auch nicht.«

Die Welt ist ein Dorf, und Kirchdorf ihr Zentrum. Drogen und Diebstähle finden sich genauso selbstverständlich in den Texten wie Freundschaft und Liebe. Und um alles kann gestritten werden. »Häh, du bestellst mir einen Cocktail?«, ruft Tuba zu Ilyas durch den Raum: »Ich hab’ dir doch einen Cocktail bestellt!« Ihre Figuren sind ein Paar, dessen Beziehung von Kapitel zu Kapitel giftiger wird. Tuba fordert ein trauriges Ende der Romanze: »Sonst wird das wie immer bei einer Liebesgeschichte.« Im Krimi lodert die »Lust & Killer«-Disko mittlerweile in Flammen.

Einige Wochen später findet kurz vor Weihnachten die letzte Sitzung statt: Feinschliff an den Kapiteln ist angesagt, vor allem an den Romanenden. »Das sind ja nur 20 Seiten, ein richtiger Roman sind 500, 600 Seiten«, protestiert Hanif, der offensichtlich auf den Geschmack gekommen ist. »Ja, aber da schreiben Autoren auch ein ganzes Jahr dran«, erwidert de Weck und erhält eine klare Antwort: »Ja, wieso nicht?« Dann müssen die Romane Titel erhalten. Lange wird am großen Tisch diskutiert, das Hin und Her erinnert manchmal an eine professionelle Verlagskonferenz. Soll’s die »Rettung in letzter Not« sein, die »Feuerflucht«? Oder ganz sachlich: »26 Minuten«? Erst nach mehreren knappen Abstimmungen stehen als Titel »Die Selbstrettung« und »Die Rache der Liebe« fest. Und auch, dass die ertappte Disko-Brandstifterin nicht an die Polizei verraten wird.

Buchpräsentation im Literaturhaus

»Wenn man sie mit dem abholt, was sie betrifft, nehmen Schüler das an«, sagt Olaf Gent, der die Klasse zusammen mit Warncke seit dem 5. Schuljahr unterrichtet: »Und wir wollen die Schüler ja stärker ins Boot holen, sich selbst am Denken und Entwickeln von Unterricht zu beteiligen. Von solchen Projekten brauchen wir mehr.«

»Das hat Spaß gemacht«, sagt auch Schülerin-Schriftstellerin Tuba, als der letzte Punkt gesetzt ist und ein Abschluss-Feedback ansteht: »Es war mal was anderes, eine neue Erfahrung.« Bevor sie sich verabschiedet, verteilt Laura de Weck Notizbücher an die Schüler. Eine Aufforderung zum Weiterschreiben, ob nun Tagebuch oder Beschreibung des Lieblingsessens. Vielleicht auch über die Eindrücke von der ersten eigenen Lesung: Am 24. Januar stellen die Kirchdorfer neben den drei anderen Hamburger Premieren-Schulklassen ihre Romane im Literaturhaus Hamburg vor.