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Gólgota Picnic: Die Pius-Bruderschaft protestiert

Erschienen im "Neuen Deutschland" am 25. Januar 2012

Gebete gegen »Gólgota Picnic«

Ein Theaterstück und das Straßentheater der Pius-

Bruderschaft

Von Folke Havekost, Hamburg

Das renommierte Hamburger Thalia Theater zeigt das Stück »Gólgota Picnic« und

provoziert damit Proteste und sogar Drohungen durch erzkonservative Gläubige.

Ein Schauspiel vor dem Schauspiel: Etwa 40 Personen stehen gegenüber der Einfahrt zum

Theater. Sie halten Kerzen in den Händen, Kreuze, weiße Rosen und ein Gesangbüchlein. Alois

Brühwieler, Pater der erzkonservativen katholischen Piusbruderschaft, spricht vor, und

wiederholt klingt ein kollektives Vaterunser durch die Abendluft des Hamburger Stadtteils

Altona. Der Jungfrau Maria gelobt die Gruppe, »dich nach Kräften vor neuen Beleidigungen zu

bewahren«.

Die Mahnwache protestiert am Montagabend gegen die Aufführung des Theaterstücks »Gólgota

Picnic« im Thalia in der Gaußstraße (TiG), der Nebenbühne des dreimal (zuletzt 2007) zum

Theater des Jahres gekürten Thalia Theaters. Das Werk des argentinisch-spanischen

Regisseurs Rodrigo García behandelt Wesen und Grund von Religion anhand des Letzten

Abendmahls. Jesus wird dabei von einer Frau im »Nackt-Kostüm« verkörpert, deren Kopf einen

Motorradhelm mit Dornenkrone trägt. Konsumkritische Bühnen-Basis bilden 20 000 Hamburger-

Brötchen, auf denen die Schauspieler der Frage nachgehen, ob der Schrecken der Welt zu

religiöser Sehnsucht führe oder umgekehrt Religion erst Schrecken hervorbringe.

Genug Zündstoff offenbar, um Hunderte von Protestschreiben zu provozieren, die beim Theater

eingingen, teils mit Gewaltandrohungen. Einen Antrag, die Aufführung zu verbieten, hat das

Hamburger Verwaltungsgericht nur drei Stunden zuvor abgelehnt. Die Aufführung des

Theaterstücks beeinträchtige nicht die individuelle Freiheit, seinen Glauben als Christ zu

praktizieren, begründen die Richter ihre Entscheidung: Die Beteiligung am »religionsbezogenen

gesellschaftlichen Diskurs über das Theaterstück« stehe jedem frei. Weil »der Kreuzestod

unseres Erlösers in diesem Stück verhöhnt« werde, leite er nun ein »öffentliches Bitt- und

Sühnegebet«, so Pius-Pater Brühwieler.

Auf der anderen Straßenseite drängt das Publikum in die ausverkaufte Vorstellung. »Die Kunst

wird genutzt, um Themen auch einmal auf radikale Weise zu behandeln«, sagt Christina

Schonk und zeigt ihre Eintrittskarte dem Sicherheitsdienst, der das TiG-Gelände abgesperrt hat:

»Vielleicht hat die Piusbruderschaft das auch zum Aufhänger genommen, um Aufmerksamkeit

für sich zu erzeugen.«

Vor Ort hält sich die Aufmerksamkeit in engen Grenzen. In Paris mobilisierte »Gólgota Picnic«

im Dezember 4000 Gegendemonstranten, in Altona beobachten drei Polizisten das Geschehen

auf beiden Seiten der Gaußstraße. Die Demonstranten halten Plakate hoch. »Nein zu

Blasphemie« steht auf dem einen, »Stoppt das Theater mit dem Sohn von unserem Vater«

dichtet das andere. Als die Mahnwache erneut zum Choral anhebt, ruft ein Mann dazwischen:

»Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!« Die Menge singt unbeirrt weiter. »Die Stadt

ist voll mit Freudenhäusern, das hier ist Kunst«, argumentiert die Gegenstimme. »Heuchelei«,

wirft sie der christlichen Versammlung vor, und legt nach: »Christus ist nicht für uns gestorben,

damit wir traurig sind.«

»Konsum und Religion sind zwei Themen, die kritisch zu behandeln sind«, bekräftigt die

Besucherin Benita Ortwein kurz vor der Aufführung und blickt hinüber zu den Protestierenden:

»Mit ihrer Intoleranz zeigt die Piusbruderschaft ja genau das, wovon das Stück handelt.«

Ortwein bezeichnet sich selbst als gläubig, auch andere Glaubensvertreter haben wenig

BerührungsaÅNngste. Jesuitenpater Hermann Breulmann von der Katholischen Akademie

Hamburg sieht sich »Gólgota Picnic« an und diskutiert danach mit Thalia-Intendant Joachim

Lux. »Den lieben Gott wird das cool lassen«, kommentiert Breulmann die Aufführung und das

Spektakel drum herum.

Inzwischen ist es kurz nach acht. »Gólgota Picnic« hat gerade begonnen, auf der anderen

Straßenseite flackern weiter die mit Windschutz versehenen Kerzen. Die Fernsehteams mit

ihren Kameras sind verschwunden, ein Gebet ist gerade beendet. »Ist ein Polizist hier?«, fragt

Pater Brühwieler und dreht sich um: »Dürfen wir noch ein Lied singen?« »Selbstverständlich

dürfen Sie das!«, erwidert der Beamte. Die Gruppe stimmt »Salva Regina« an, eine weitere

Lobpreisung Marias.