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Medienbüro Hamburg

Moshe Zuckermann: Interview zum Adorno-Jahr

Erschienen in "analyse & kritik" 4/2004

Die Kritische Theorie wurde zu Grabe getragen

Von Susann Witt-Stahl

Der jüdische Gelehrte Moshe Zuckermann wird in deutschen Öffentlichkeit vorwiegend als Historiker und Autor Zionismus-kritischer Schriften wie „Zweierlei Holocaust“ wahrgenommen. Er gilt auch als intellektueller Protagonist der israelischen Linken, die sich gegen eine Großisrael-Ideologie und für eine Beschleunigung des Friedensprozesses in Palästina ausspricht.
Aber das sind nur Facetten von Zuckermanns umfangreichem geistigen Schaffen und politischem Wirken. In Israel zählt der Universalgelehrte schon längst zu den bedeutendsten Vertretern der Kritischen Theorie. Mit seinem geistigen Vater Theodor W. Adorno verbindet ihn ein ideologiekritisches Denken, für das Auschwitz – wo, so Zuckermann, die „Entindividualisierung des Individuums als historischer Prozess kulminiert“ ist – unerschütterbare Voraussetzung ist. Es geht um ein Denken, das in die Frage mündet: „Wie können wir eine Gesellschaft schaffen, in der Menschen nicht mehr zu Opfern werden?“ Dazu gehört nicht nur die Behauptung, die „Zerstörung der Erinnerung“ sei „ein innerstes Prinzip“ des Nazismus (Adorno), sondern auch das Festhalten an einem Begriff von Kunst als „eigenständiger Erkenntnisleistung“ und „Vorschein“ einer befreiten Menschheit: „Indem Kunst aus der Gesellschaft kommt, diese aber auch gleichzeitig transzendiert“, schreibt Moshe Zuckermann in seinem Buch „Kunst und Publikum“, „bewahrt sie die Erinnerung an das durch gesellschaftliche Barbarei verursachte menschliche Leid, zugleich aber auch die utopische Aussicht eines Ausbruchs aus dieser Barbarei.“
Moshe Zuckermann wurde 1949 in Tel-Aviv geboren. 1960 zog der Sohn polnischer Holocaust-Überlebender nach Deutschland. Die Familie ließ sich in Frankfurt am Main nieder. Dort besuchte der junge Zuckermann das Goethe-Gymnasium und wuchs mit dem klassischen Bildungserbe auf. Er erhielt ausführliche Unterweisung in Musiktheorie, er komponierte und widmete sich intensiv der Malerei. „Seinen Adorno“ lernte er schon als Schüler. 1970 kehrte Moshe Zuckermann nach Israel zurück. Er studierte Geschichte, Soziologie und Politologie an der Universität von Tel-Aviv. 1988 promovierte er bei Saul Friedländer. Seit 1990 lehrt Zuckermann Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften am Cohn Institute for the History and Philosophy of Science and Ideas in Tel-Aviv. 2000 übernahm er zudem die Leitung des Instituts für Deutsche Geschichte.
Als Wissenschaftler, der sich dem Erbe der klassischen Frankfurter Schule verpflichtet fühlt, hat Moshe Zuckermann nicht nur zahlreiche Aufsätze zu zentralen Thesen der Kritischen Theorie – wie „Faschismus, autoritärer Charakter und Kulturindustrie“ – veröffentlicht, sondern arbeitet auch daran, dem israelischen Publikum ihr herrschaftskritisches Denken zugänglich zu machen. Zu diesem Zweck hat der vielsprachige Intellektuelle zahlreiche Segmente aus den Schriften von Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Walter Benjamin ins Hebräische übertragen, darunter auch das erste Kapitel der „Dialektik der Aufklärung“. Noch in diesem Jahr wird Moshe Zuckermann, zusammen mit dem Philosophen Zvi Tauber, eine vollständige Übersetzung des Herzstücks der Kritischen Theorie herausgeben.
Mit seiner Aphorismen-Sammlung „Verdinglichung des Menschen“ gewährt Moshe Zuckermann erstmals tiefere Einblicke in seine geistig-kulturelle Welt. Der Band ist im vergangenen Jahr in Israel erschienen und liegt noch nicht in deutscher Übersetzung vor. Der Titel rekurriert auf Zuckermanns wichtigste Kritikfolie, einem aus Marx’ Theorie des Warenfetischismus abgeleiteten Begriff, mit dem Adorno das Strukturmerkmal der Gesellschaft in Stande der Unfreiheit bezeichnet hat.
Ein halbes Jahrhundert, nachdem der Urheber der „Negative(n) Dialektik“ seine „Reflexionen aus dem beschädigten Leben“ veröffentlicht hat, stellt der israelische Gelehrte weitergehende kulturdiagnostische Überlegungen an, denn die Welt des multimedialen Zeitalters und total vernetzten Menschen ist stärker vermarktlicht als jene, in die Adorno seine „Minima Moralia“ gesetzt hatte. Zuckermanns rund 150 Aphorismen formieren sich zu einer fundamentalen Kritik des fortgeschrittenen Kapitalismus: Von einer Exkursion ins Land der Juden zu einer Zeit, in der das Entsetzen über Unterdrückung und Leid als „moralisierende Schöngeistigkeit verachtet“ wird und „sich die depressive Verzweiflung als letzter Rettungsanker ausnimmt“, bis zur Spurensuche nach Herbert Marcuses Kritik der „eindimensionalen US-amerikanischen Kulturindustrie“ bei „The Simpsons“, – der jüdische Marxist führt uns eindringlich vor Augen, dass der Mensch in der total verwalteten Welt zu bloßem Material degradiert wird.
Im vergangenen Herbst lud Moshe Zuckermann namhafte Wissenschaftler, wie den Soziologen Detlev Claussen („Grenzen der Aufklärung“), zu einer dreitägigen Adorno-Konferenz in sein Institut. Der Tagungsband wird im Herbst im Wallstein Verlag erscheinen.

So emphatisch die deutsche Medienmaschinerie das „letzte Genie“ anlässlich seines 100. Geburtstags gefeiert hat, wird es wenige Monate später schon wieder totgeschwiegen. Genau die richtige Zeit, fand analyse & kritik, um Moshe Zuckermann zu einer kritischen Blütenlese des Adorno-Jahrs einzuladen:

Moshe Zuckermann

analyse & kritik (ak): Nachdem die deutsche Öffentlichkeit Adorno jahrzehntelang mit Nichtbeachtung oder mit Ressentiments begegnet war, erfuhr er zu seinem 100. Geburtstag eine Menge Zuwendung. Nun wissen wir endlich, dass der Mitbegründer der Kritischen Theorie seine Mutter liebevoll „Nilpferdstute“ nannte. Zudem wurde uns die Chance geboten, in den Besitz eines „Teddie“-Posters zu gelangen – die „integrativen“ Kräfte der Kulturindustrie machen eben auch vor ihren hartnäckigsten Gegnern nicht Halt. Adornos Herrschafts- und Kapitalismuskritik, die Kritik an der „Vermarktlichung der Gesellschaft“ indes wurde nur am Rande gewürdigt.
Auf der Adorno-Konferenz in Frankfurt merkte Organisator Axel Honneth dann auch an, dass die Liebeserklärungen der Medien an den großen Philosophen und Soziologen zwar einen Versuch der Ehrenrettung darstellten, zugleich aber auch „etwas Obszönes“ hätten. Wurde Adorno (endgültig) zu Tode gefeiert?

Moshe Zuckermann: Ja, genau diese These – Adorno sei im Adorno-Jahr zu Tode gefeiert worden – habe ich im November 2003 an der Universität Tel-Aviv ausführlich vorgetragen, mithin die Möglichkeit erörtert, dass mit diesem (teilweise in der Tat obszönen) Gefeiere nicht nur die Kritische Theorie verdinglicht, sondern jegliche kritische Theorie dabei gleich mit zu Grabe getragen worden sei. Das geht freilich über Adorno hinaus. Der Umgang mit ihm ist nur Symptom für einen regressiv-reaktionären Zustand der Welt, in dem die emanzipative Perspektive als regulative Idee ausgedient hat, und die alten, im Wesen unverändert gebliebenen Repressionsstrukturen eine neue, vermittels dichotomistischer Ausnahmezustands-Ideologien (welche sich freilich in barbarischen Gewaltpraktiken entladen) gespeiste Affirmation erfahren. Eben weil dies der Fall ist, kann und will man nichts mehr mit Herrschafts- und Kapitalismuskritik, die in der Tat die allerzentralste Dimension in Adornos Denken ausmacht, zu tun haben. Dass mit dieser Entwicklung, von der, wie gesagt, Adornos „Würdigung“ nicht verschont geblieben ist, gerade Adornos These von der kulturindustriell durchwirkten „Vermarktlichung der Gesellschaft“ nur erhärtet, das Herzstück seiner Weltklage nach Auschwitz mithin endgültig entsorgt wird, dürfte ihn herzlich wenig erfreut haben. Zu fragen bleibt freilich, was es dann mit dem „Versuch der Ehrenrettung“ Adornos überhaupt auf sich gehabt hat. Man hätte ja den ganzen Trubel bescheidener angehen, wenn schon nicht ganz sein lassen können. Aber darin scheint mir gerade die Logik des Zu-Tode-Feierns zu liegen: Mit dem obszönen Pomp der Feierlichkeiten wird das ersehnte Endgültige der Grablegung manifestiert; über die das Denken des Toten entstellenden, kulturindustriell gekotzten Massenzeremonien vergewissert man sich gleichsam kultisch noch einmal seines Todes: Die Ehre ist nun vollends geschändet, die Rettung marktgerecht zur Ideologie verkommen, und man darf sich dabei auch noch großartig vorkommen – man hat des großen Denkers gedacht.

(ak): Im Adorno-Jahr gab es aber auch jede Menge Bestrebungen, den „Meisterdenker“ –wie er oftmals mit spöttischem Unterton genannt wurde –, vor allem aber seine „Kritik des Bestehenden“ zu dekonstruieren, wenn nicht gar zu demontieren. Letzteres versuchte der Medienwissenschaftler Norbert Bolz, indem er die Kritische Theorie als „Konformismus des Andersseins“ entlarvt haben will. Adorno habe eine Schwäche der modernen westlichen Welt bedient: Die Sehnsucht ihrer Bewohner nach Individualität, nach dem Außerhalbsein, nach dem Anderssein. Die Kulturindustriethese habe lediglich das Bedürfnis gestillt, Abweichung, das Anderssein zu inszenieren. Das „kritische Bewusstsein“ habe sich letztlich als dogmatische „negative Theologie“ entpuppt und nur eins produziert: „die Uniform des Adorniten.“

Moshe Zuckermann: Die Kritik von Norbert Bolz, wie sie sich hier darstellt, zeichnet sich durch Ignoranz und Demagogie zugleich aus. Er scheint „übersehen“ zu wollen, aus welchem historischen Kontext heraus das Postulat des Individuellen und weitmöglicher autonomer Selbstbestimmung des Menschen entstanden war, nämlich dem eines gerade in Deutschland verbrochenen Bestehenden, wo die fast totale Auslöschung der Individualität – und zwar sowohl unter den sich in der konformen Masse selbstaufgebenden Tätern, als auch bei den in Auschwitz den anonymen Tod des Exemplars sterbenden Opfern – geschichtliche Realität geworden war. Anderssein bedeutete in diesem Zusammenhang nicht so sein wie alle, die – nicht anders sein wollend – als Masse den totalen Krieg herbeibrüllten. Dass es eine Sehnsucht in der modernen Welt nach Individualität gibt, ist ja bekannt: das ist ja die große Ideologie der Aufklärung und ihrer Folgen gewesen. Aber gerade Denker dieser modernen Welt, zu deren langen Tradition Adorno auch zählt, haben ja von Anbeginn darauf hingewiesen, dass es keine emanzipierte Individualität geben könne, wenn nicht zugleich/zunächst (da scheiden sich ja die Geister) eine überindividuelle soziale Ordnung entsteht, die das Individuelle überhaupt erst ermöglicht. Gerade bei einem Denker wie Adorno spielt da das dialektische Verhältnis zwischen dem Objektiven und Subjektiven – übrigens auch im Verhältnis zwischen Mensch und Natur – eine zentrale Rolle. Das Problem bestand für Adorno darin, dass gerade im Zeitalter ideologisierter Individualität die Entindividualisierung des Menschen objektiv vorangetrieben wird. Dies, so Adorno, habe Folgen, und zwar sowohl für die Möglichkeit, authentische Bedürfnisse des Menschen zu erfüllen, als auch für die politische Herausbildung selbstbestimmter Bürger. Das Gerede von der „Uniform des Adorniten“ erweist sich deshalb als perfide, weil, wenn schon, es gerade die Adorniten waren, die noch zu Lebzeiten des „Meisterdenkers“ den performativen „Vatermord“ begingen. Aber darüber hinaus ist darin die Aussage strukturell angelegt: Wenn jede/r anders wäre, wären ja alle gleich im Anderssein. Naja nu, alle haben im August 1789 Menschen- und Bürgerrechte erhalten, womit sich denn alle darin glichen, ein Recht darauf zu haben, auf ihre Menschenrechte zu pochen. Soll man deshalb die Menschenrechte abschaffen? Adorno möchte, dass jede/r die objektive Möglichkeit habe, anders – also er/sie selbst – zu sein, ohne darum subjektiv Angst haben zu müssen. Was möchte der Medienwissenschaftler Norbert Bolz? Ich habe da so meine Ahnungen.

(ak): Um Ihre Ahnungen möglicherweise noch zu unterfüttern: Der ehemalige Adornit geht ja  weiter in seiner Generalabrechung. Die Attraktivität von Adornos Philosophie habe darin bestanden, dass sie ihren Anhängern Steilvorlagen für eine „Selbstselektion als Elite“ geboten habe. So hätten die Adorniten schließlich die „Gebrechen“ des Lehrers offenbart:  Die „blasierte Selbstgerechtigkeit des geistigen Antifaschismus“ und den Hochmut, „anderen das Recht aufs eigene Unglück abzusprechen.“ Das ist noch nicht alles – Bolz scheint den „perfekten Vatermord“ begehen zu wollen: Mit seinen „Bannformeln“ „Positivismus“ und „instrumentelle Vernunft“ habe Adorno den Studenten Strategien zur Vermeidung der mühsamen Arbeit von empirischen Wissenschaften an die Hand gegeben. Seine Kritische Theorie zeichne sich durch „theoretische Provinzialität aus“. Denn sie verkaufte ihren Schülern den „Anschluss an Hegel als letzten Schrei“, während sie „Immunreaktionen“ gegen das konservative Denken (Heidegger, Wittgenstein) hervorgerufen habe, mit der Konsequenz,  dass es für die Adorniten eine „terra incognita“ geblieben sei. Bolz’ vernichtendes Fazit:„Nichts von dem, was Adorno geschrieben hat, zählt in der heutigen Philosophie.“

Moshe Zuckermann: Ich bin mir nicht sicher, ob es sich sonderlich lohnt, auf Herrn Bolz' Polemik weiter einzugehen. Sie scheint mir provozieren zu wollen, ohne dass dabei etwas wirklich Substanzielles herauskäme. Aber wenn Sie fragen, dann muss ich wohl antworten: Wenn es stimmt, dass nichts von dem, was Adorno geschrieben hat, in der heutigen Philosophie zählt, dann hat es eher wenig mit der Qualität Adornoschen Philosophierens zu tun, als vielmehr mit dem, was in der heutigen Philosophie nun doch zählt, und dies wiederum hat vor allem etwas mit einem Zeitgeist zu tun, dem sich Norbert Bolz offenbar verschrieben hat – einem Zeitgeist, der mit Wonne die eigene Unbedarftheit bejubelt (um dann ganz besonders elitär-perfide, und zwar im allerideologischsten populistischen Sinne von „Selbstselektion als Elite“ zu schwafeln, ohne sich Gedanken über die Verdummungsapparate der modernen Kulturindustrie zu machen), mit selbstgefälliger Indifferenz dem Leid in der Welt begegnet (um dann satt und westlich-süffisant Adorno vorzuwerfen, „anderen das Recht aufs eigene Unglück abzusprechen“) und mit konsequenter Affirmation all dessen, was man in der Ambivalenz auszuhalten hätte, das Abschaffen des Widerständischen im schlecht Bestehenden absegnet (um dann die „blasierte Selbstgerechtigkeit des geistigen Antifaschismus“ zu attackieren, ohne sich dabei eine Rechenschaft darüber abzulegen, ob mit der Pathosformel der „Selbstgerechtigkeit“ nicht nur dem geistigen, sondern auch dem real vorhandenen Faschismus mutatis mutandis das Wort geredet wird). Das Gerede von den Bannformeln entlarvt auch Bolz' taktisch eingesetzte Ignoranz: Zu keinem Zeitpunkt ihres institutionellen Bestehens hat die Kritische Theorie aufgehört, neben rein theoretischer stets auch empirische Arbeit zu leisten. Die Kritik der von Horkheimer so genannten instrumentellen Vernunft hatte nichts mit einer Absage an empirische Forschung und positivistische Ansätze an sich zu tun, sondern mit der Fetischisierung solchen Forschens, wie sie beispielsweise in der amerikanischen Soziologie von den 1940-60er Jahren und darüber hinaus vorherrschte, und der Analyse der repressiven ideologischen Funktion, die eine solche Fetischisierung (welche nun wahrhaft kein marginales Dasein zu fristen hatte) beförderte. Der eigentliche neuralgische Punkt scheint mir freilich ganz woanders zu liegen: Adornos Denken verkaufte nicht nur den Anschluss an Hegel als letzten Schrei, sondern bot (mit diesem) den Anschluss an Marx – ja, ich sage es noch einmal: an Marx; jenen mittlerweile offenbar dermaßen tabuisierten Denker, dass man Hegel sagen muss, um ja seinen Namen nicht aussprechen zu sollen: den Marx der Kapitalismuskritik, der Menschenemanzipation, der Entfremdungs- und Verdinglichungsanalyse und der Ideologiedekonstruktion. Was den Adorniten „terra incognita“ geblieben sei, müsste mal empirisch untersucht werden. Aber was es heute noch ideologisch bedeuten mag, wenn man Heidegger als Fetischpuppe gegen Marx hält, darüber lässt sich ohne große Untersuchung eine ganze Menge sagen.

(ak): Es gab auch eine Neuentdeckung: Die Liebe des Philosophen zu den USA und dem „American Way of Life“. Das Magazin der Süddeutschen Zeitung beispielsweise unterstellte Adorno ein „von Ehrfurcht, beinahe von Zärtlichkeit geprägtes Verhältnis“ zu den Vereinigten Staaten. „Mister Amerika“ habe es jedoch in seinen „veröffentlichten Schriften sorgsam verschleiert“. Diese These wird auf einen einzigen Vortrag „Kultur und Culture“ gestützt, den Adorno von 1957 an mehrmals gehalten aber nie selbstständig publiziert hat.
Antideutsche Gazetten gehen noch viel weiter und behaupten, Adornos Wertschätzung für Amerika stelle einen durchgehenden Zug in seinem Werk dar. „Die Erfahrung der hemdsärmeligen amerikanischen Lebenshaltung“ habe „basale Intentionen seines Philosophierens befördert“, fand Clemens Nachtmann unlängst sogar heraus. Und dass die „fetischistische Verdinglichung der kapitalistischen Verhältnisse kein rein Negatives, sondern auch der Vorschein des revolutionär herzustellenden ‚Vorrangs des Objekts’ ist“, sei schließlich eines der zentralen Momente der Negativen Dialektik.

Moshe Zuckermann: Als Johannes Brahms nach der Uraufführung seiner ersten Sinfonie vorgehalten wurde, das Hymnenthema im vierten Satz gemahne stark an das Freuden-Thema in Beethovens Neunter, antwortete er grimmig, jeder Esel könne das hören. Dass Adorno kein rein negatives Verhältnis zu den USA haben konnte, liegt doch auf der Hand: war es doch das Land, in welchem er sein Leben vor den Nazis zu retten vermochte. Jeder Esel kann das wissen. Gleiches gilt auch für Juden, die keine großen Anhänger des sowjetischen Kommunismus waren und die UdSSR ganz gewiss nicht für das Land ihrer Träume erachteten, gleichwohl aber eine gewisse menschliche Dankbarkeit dem Land gegenüber bewahrten, in welchem sie den Holocaust überleben konnten, bzw. seiner Armee gegenüber, die sie in den Lagern befreit hatte. Soweit zur biographischen Menschlichkeit. Daraus nun aber eine Philosophie stricken, gar „einen durchgehenden Zug“ in Adornos Werk ausmachen zu wollen, ist nicht nur im Sinne einer primitiven Verkettung von Werk (Philosophie bzw. Theorie) und Person (Biographie bzw. Psychologie) unzulässig, sondern verballhornt ein Wesentliches in Adornos gesamten, sich emanzipativ ausrichtenden Werkanstrengung. Denn es geht nicht darum, zwischen den USA und NS-Deutschland zu wählen, zumal ja das Deutschland des NS zerschlagen worden ist, die USA hingegen fortbestehen. Was sich für Adorno in den USA manifestiert, sind ja nicht die USA qua USA (und als solche der grundsätzliche Gegenentwurf zu NS-Deutschland), sondern die höchste Entfaltungsform des Spätkapitalismus. Wenn man sich nun Adorno so zurechtbiegt, dass man ihm unterstellt, er habe in der „fetischistischen Verdinglichung der kapitalistischen Verhältnisse kein rein Negatives“ gesehen, dann mag es insofern stimmen, als selbst für Adorno – jeder Esel kann das wissen – der Kapitalismus die weltgeschichtlich bislang fortgeschrittenste Produktionsweise darstellte, dass sich aber gerade in dieser bestentfalteten Produktionsform die Tendenz zu einem neuen gesamtmenschlichen Unheil ankündigte, und zwar die zunehmende Verdinglichung des Menschen. Die strukturelle Zentralthese der Dialektik der Aufklärung, wonach die Zerstörung der Aufklärung der Aufklärung selbst und nicht einem ihr Äußeren inhäriere, war doch keine augenzwinkernde Ironie Horkheimers und Adornos, sondern die entsetzliche Erkenntnis, dass sich in Auschwitz ein Zivilisationsbruch vollzogen hatte. Nun kann es aber kein Zufall sein, dass gerade ein im Angesicht des Allerschlimmsten verfasstes Buch drei Kapitel mit vermeintlich so unterschiedlichen Thesen wie die von der repressiv sich verdinglichenden Gesamttendenz der Zivilisation, der Kulturindustrie-These und den Überlegungen zum Antisemitismus zusammenpfercht: Man kann es drehen und wenden, wie man will, die Kulturindustrie (und mit ihr der ihr zugrundliegende Kapitalismus) wird unweigerlich in die Nähe genereller Zivilisationskritik wie auch in die des schwarzen Loches Auschwitz gerückt. Damit – mit der Postulierung einer unheilvollen Gesamttendenz der Menschheitsentwicklung – muss man sich auseinandersetzen, wenn man Adorno gerecht werden will. Wer in der „fetischistischen Verdinglichung der kapitalistischen Verhältnisse“ auch „den Vorschein des revolutionär herzustellenden ‚Vorrangs des Objekts’“ sehen möchte, muss sich fragen lassen, ob für ihn auch der zunehmend verdinglichte Mensch, der zum Objekt fortschrittlichster Ausbeutung entstellte, dazu zähle, etwa der immer mehr zum Exemplar verkommene, der – Adorno zufolge – in Auschwitz selbst noch des „Letzten und Ärmsten“, nämlich seines Todes, enteignet worden sei. Der Vorrang des Objekts im Bewusstsein des Menschen kann doch nur auf der Basis einer wahren menschlichen gesellschaftlichen Ordnung anvisiert werden. Das soll sich im Kapitalismus, wie er sich welthistorisch entfaltet, vorscheinend ankündigen? Wenn diese Frage bejaht wird, gibt es nichts weiter zu diskutieren. Adorno möge man aber dabei, und sei es um seines philosophischen Andenkens willen, gefälligst aus dem Spiel lassen.

(ak): Letzten November hatten Sie namhafte israelische und deutsche Wissenschaftler zu einer Konferenz unter dem Titel „Theodor W. Adorno, ein Philosoph des beschädigten Lebens“ in Ihr Institut geladen. Welche Erwartungen hatten Sie an diese Konferenz? Und wurden sie erfüllt?

Moshe Zuckermann: Die Adorno-Konferenz in Tel-Aviv sollte zweierlei erreichen: Zum einen sollte einem möglichst breiten, zwar gebildeten, aber in seiner Kenntnis der klassischen Kritischen Theorie doch eher beschränkten Publikum Adornos multidisziplinäres, vielschichtiges Denken gleichsam panoramisch vorgeführt werden. Zum anderen sollte aber den eingeladenen TeilnehmerInnen der Konferenz die Möglichkeit geboten werden, sich ausgiebig über zentrale Topoi des Adornoschen Denkens kritisch auszutauschen, und zwar – angesichts des in ganz bestimmten Bahnen verlaufenen Adorno-Jahres – eben anders auszutauschen, als dies in Deutschland weitgehend geschehen ist. Ein Malheur passierte uns, als der für den Einleitungsvortrag eingeladene Zygmunt Baumann, der an der Tel-Aviver Tagung sehr gern teilgenommen hätte, seine Partizipation im letzten Moment absagen musste. Wir beschlossen, aus der Not eine kleine Tugend zu machen, und so hielt ich selbst besagten Einleitungsvortrag vor großem Publikum, was mir die Möglichkeit gab, mich zentralen Themen des Adornoschen Denkens und der Gesamtausrichtung seiner Kritik am Bestehenden zu widmen, die meines Erachtens während des deutschen Adorno-Jahres so gut wie ganz ausgespart oder doch deutlich umgangen worden waren: Auschwitz als nicht wegzudenkender Kulminationspunkt der Moderne und Zivilisationsbruch, Kritik des Spätkapitalismus im nunmehr globalisierten Zeitalter, Relevanz der Theorie vom autoritären Charakter für die Analyse gegenwärtiger Gesellschaftsstrukturen und die damit einhergehende Untersuchung von Mentaldispositionen, Erweiterung und Weiterführung der Kulturindustrie-These angesichts der nunmehr endgültig entfesselten kommerziellen Massenkultur sowie die begrifflich-theoretische Auseinandersetzung mit ausgesprochenen Denkkategorien Adornos wie Entfremdung, Verdinglichung und struktureller Entindividualisierung des Menschen und der damit zusammenhängenden, fetischistisch verformten Ideologisierung seiner Lebenszusammenhänge im gegenwärtigen Zeitalter. Die Konferenz selbst erwies sich dann als recht ertragreich in ihrer Substanz. Themen wie Adornos Sprachphilosophie, sein epistemologischer Begriff von Bedeutung, seine mit Hanns Eisler gemeinsam verfasste Schrift über Filmmusik, aber auch Bezüge zu Walter Benjamin und seine für den heutigen Feminismus stark zu machende Gesellschaftstheorie und einiges mehr wurden vorgetragen und niveauvoll erörtert. Aber besagte (meines Erachtens höchstgewichtige) Zentralthemen Adornoschen Denkens blieben auch auf dieser Konferenz sowohl in den Referaten als auch in den Diskussionen so gut wie vollkommen unbeachtet. Ein letzter Versuch meinerseits, zumindest die Kapitalismuskritik Adornos bei der abschließenden Tagungssitzung nochmals zur Sprache zu bringen, scheiterte dermaßen kläglich, dass ich mich im nachhinein fragen muss, ob ich die von mir kritisierte Gesamttendenz des Adorno-Jahres nicht nolens volens durch die eigene Veranstaltung – gleichsam „im eigenen Haus“ – affirmativ abgesegnet habe.

Fragen: Susann Witt-Stahl