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Gunzelin Schmid Noerr: "...sich nicht vom bloßen Anschein der Wirklichkeit verführen lassen"

Erschienen in "Kunst + Kultur" 1/2006

„...sich nicht vom bloßen Anschein der Wirklichkeit verführen lassen“

Gunzelin Schmid Noerr sprach auf dem Kongress "Die Möglichkeiten einer anderen Welt" 2005 in Hannover über die „Utopie einer universalen Ethik“.
Kunst + Kultur führte ein Email-Interview mit dem Philosophen.

Kunst +Kultur: Inwiefern ist die Lehre, deren Gegenstand moralisches Handeln ist und die die Prinzipien des Richtigen und des Guten bestimmt, mit Utopie verbunden?

Gunzelin Schmid Noerr: Zunächst einmal sind Ethik und Utopie Gegensätze, insofern die Ethik sich mit dem richtigen Handeln in einer unvollkommenen Welt befasst, während es die Utopie mit einer vollkommenen Welt zu tun hat. Aber diese Gegensätze sind zugleich aufeinander bezogen. Die Ethik sucht nach Kriterien für eine akzeptable und stimmige Moralität und distanziert uns damit von der Wirklichkeit, in der es oft genug nach anderen Gesetzen zugeht. Diese Distanz ist notwendig zur Erkenntnis der Wirklichkeit selbst wie auch der moralischen Bewertungen, die wir vornehmen. Aber die Ethik muss diese Distanz auch wieder überwinden, indem sie die Bedingungen zu formulieren sucht, unter denen die Verwirklichung des als „gut“ Bewerteten möglich ist. Dazu gehört auch die Berücksichtigung der konkreten Situation, um die es geht. In der politischen Ethik ist beispielsweise „soziale Gerechtigkeit“ ein heute weitestgehend anerkanntes Prinzip. Umstritten ist dagegen, welche Bestandteile dabei berücksichtigt werden müssen. Noch mehr umkämpft sind die entsprechenden Bewertungen der gegenwärtigen oder der jeweils neu zu schaffenden politischen Regelungen. Utopie und Ethik stellen Brückenschläge über denselben Abgrund zwischen Sein und Sollen dar, die von zwei entgegengesetzten Seiten aus unternommen werden.
Übrigens sind die philosophische Ethik und die literarisch-politische Utopie in unserer abendländischen Kulturenwicklung zur selben Zeit aufgekommen und entstammen derselben historischen Konstellation, nämlich der tiefgreifenden ökonomischen und sozialen Krisensituation der griechischen Polis an der Wende des 5. zum 4. Jahrhundert v. Chr. Diese Krise, in der die Warenwirtschaft auf der Basis von Sklavenarbeit expandierte, führte zu einem Verfall der archaischen Kriegergesellschaft und ihrer Moral. Der Komödiendichter Aristophanes verspottete die utopischen Entwürfe politischer Neuordnungen als „Wolkenkuckucksheim“. Platons „Staat“ ist die erste philosophisch ausgearbeitete Gesellschaftsutopie, die eine Antwort auf die ethische Frage „Was ist Gerechtigkeit?“ geben möchte. Diese Utopie enthält im berühmten „Höhlengleichnis“ auch die ethische Anforderung, sich nicht vom bloßen Anschein der Wirklichkeit verführen zu lassen, sich aber auch nicht mit der reinen Ideenschau zu begnügen, sondern aus den Höhen der philosophischen Kontemplation in die Niederungen der sozialen Verhältnisse zurückzukehren und sich zum Besseren dieser Verhältnisse einzumischen. Platons „Staat“ enthält also in sich sowohl eine „Utopie“ also auch eine „Ethik“.

Kunst + Kultur: Was verstehen Sie unter „universaler Ethik“? Ist der Begriff nicht eine Tautologie, weil ja in jeder Ethik die Forderung nach Universalisierung enthalten ist?

Gunzelin Schmid Noerr: In jeder Ethik ist das Prinzip der Verallgemeinerbarkeit enthalten oder angelegt, aber die Verallgemeinerungen haben doch eine sehr unterschiedliche Reichweite. Auch ausgesprochen partikularistische Ethiken, die ihre Regeln auf bestimmte Gruppen von Menschen (Kulturen, Rassen, Stände) beschränken, fordern von ihren Adressaten das Absehen von Eigeninteressen (sei es Eigennutz, Schwäche oder sogar Mitleid). In der antiken Ethik galten die moralischen Anforderungen und Empfehlungen teilweise schon für alle Menschen, aber doch in Abhängigkeit ihrer jeweiligen Ausstattung an psychischen, geistigen und willentlichen Fähigkeiten. Mit diesem Argument konnte beispielsweise Aristoteles die Sklaven noch vom Geltungsbereich bestimmter Werte und Normen ausschließen In der Bioethik heute gibt es die Kritik am Anthropozentrismus, also an der Einschränkung zentraler moralischer Forderungen auf Menschen und entsprechend am Ausschluss anderer Lebewesen aus dem Kreis des moralisch Verbindlichen.
Der Begriff der Universalisierung taucht in der Ethik erst im 18. Jahrhundert auf, also mit der Etablierung der modernen Gesellschaft, die aus der Überwindung des politischen Absolutismus mit seinen ständischen Sonderrechten hervorgegangen ist. Im Zeitalter der Aufklärung rückt der Gedanke der Verallgemeinerbarkeit von Normen vor allem mit Kant ins Zentrum der Theoriebildung. Kant macht die formale Verallgemeinerbarkeit zum Prüfstein der Moralität. Der Ausdruck „Universalisierung“ ist vor allem seit der angelsächsischen Metaethik der 1960er Jahre gebräuchlich geworden, wobei man ihn retrospektiv auch auf Kant und andere anwendet. Heute versteht man darunter, neben dem Universalisierungstest von Regeln im Sinne Kants, vor allem die Forderung nach Konsistenz im Reden und Handeln: Alle in allen relevanten Punkten übereinstimmenden Situationen müssen unter die gleichen Regeln fallen. In den Entwürfen von Lorenzen, Apel und Habermas wird unter Universalisierung auch das Prinzip der argumentativen Aushandlung von Normen verstanden: Subjektive Interessen und Meinungen sollen in einem geregelten Diskurs verallgemeinerungsfähig, das heißt für alle vernünftig Argumentierenden annehmbar gemacht werden können.

Kunst + Kultur: Da die Diskursethik nicht zwischen normativer Richtigkeit und Interessenkonsensualität unterscheidet, gilt sie als interkulturell kompatibel. So hält sie auch eine exponierte Stellung in der Moralphilosophie im Zusammenhang mit der Forderung einer globalen Universalisierung von Moralsystemen. Birgt aber die Diskursethik als für alle Interessengruppen geschmeidige, „kommunikativ verflüssigte Moral“ nicht die Gefahr der Depotenzierung des von Adorno formulierten „neuen kategorischen Imperativs“: die Menschen im Stande ihrer Unfreiheit sollen ihr Denken und Handeln so einrichten, dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe?

Gunzelin Schmid Noerr: Unter den Bedingungen der fortgeschrittenen Globalisierung ist es in der Tat sehr attraktiv, auf ein strikt formales bzw. prozedurales Prinzip der Ethik zu rekurrieren, das ein Mindestmaß an intersubjektiven Verbindlichkeiten über alle kulturellen Besonderheiten hinweg zu garantieren scheint. Ein Problem besteht dabei allerdings darin, dass auch diese prozedurale Vernunft an einen besonderen Typus von Rationalität gebunden ist, nämlich an den der westlichen Moderne mit seinem Ideal von wissenschaftlicher Rationalität. Die Diskursethik setzt die Vernünftigkeit, die sie aus den Regeln des diskursiven Argumentierens ableiten will, schon voraus. Sie ist, wie schon Kants kategorischer Imperativ, gegenüber lebendigen moralischen Erfahrungen, Gefühlen, Traditionen, Erkenntnissen usw. parasitär. Trotzdem hat die diskursethische Maxime, nach der nur solche konkreten Normen Geltung beanspruchen dürfen, die die Zustimmung aller Betroffenen finden können, ihre notwendige Funktion, insofern in der Moderne alle moralischen Erfahrungen sich der vernünftigen Argumentation und Kritik aussetzen können müssen. Die Erfahrungen gelingenden Lebens müssen sich, um ethisch verbindlich zu sein, auch kommunikativ bewähren. Aber die diskursive Vernunft ist allein weder Quelle noch Motiv der Moralität. Der positive Universalismus eines kommunikativen Minimalkonsenses hat seine Basis im negativen Universalismus, auf den die Ethik der älteren Kritischen Theorie hingewiesen hat. Das die Menschen Verbindende ist demnach ihre Verletzbarkeit und Sterblichkeit, die Beeinträchtigung ihres Selbstwertgefühls. Adorno geht nicht, wie Habermas, von einer idealen Sprechsituation aus, sondern von den Menschen im Stand ihrer faktischen Unfreiheit, und in der wird die moralische Orientierung erfahrbar an „Auschwitz“ als einem Paradigma für die äußerste Verletzung der Menschen.

Kunst + Kultur: Während ein „Parlament der Weltreligionen“ fröhlich die große Weltfamilie proklamiert und eine Deklaration für eine „global ethic“ verabschiedet, wie 1993 in Chicago geschehen, fürchten andere, mit Durchsetzung einer universalen globalen Ethik könne die Moralphilosophie vollends unter die Räder der bereits praktizierten Globalisierung der Wirtschaft geraten und damit den neoliberalen Ideologen und ihrer utilitaristischen Ethik der Nutzenmaximierung von „human resources“ ausgeliefert werden. Sollte nicht heute mehr denn je an der „Kritik der politischen Ökonomie“ festgehalten werden, statt die Idee einer universalen Ethik zu postulieren – eine Utopie, die jederzeit droht, in Ideologie umzuschlagen?

Gunzelin Schmid Noerr: Ich halte sowohl die Hoffnung, die Küng mit seinem Projekt des Weltethos verbindet, als auch die Befürchtung, dass dieser und andere universalistische Ansätze nur Ideologie seien oder diese verstärken müssten, für unberechtigt. Eine zeitgemäß zutreffende Kritik der politischen Ökonomie und eine universale Ethik, die sich ihrer begrenzten Funktion bewusst ist, schließen sich keineswegs aus, im Gegenteil. Der Ansatz von Marx enthält eine Reihe uneingestandener ethischer Implikationen, die der Kritik ebenso ausgesetzt werden können und müssen wie die ökonomischen und politischen Annahmen.
Das Verhältnis von Ethik und Kritik der politischen Ökonomie lässt sich am Beispiel jener „Heuschrecken“-Debatte im Vorfeld des Bundestagswahlkampfs 2005 verdeutlichen. Ob, laut Müntefering, diejenigen Manager unmoralisch handeln, die, um Steuern und Lohnkosten zu sparen, die Produktion ins Ausland verlagern, oder ob, laut Arbeitgeberverbandspräsident Hundt, diejenigen unmoralisch handeln, die dies anprangern und damit ausländisches Investitionskapital verschrecken, ist angesichts der fortschreitenden Entmachtung rein nationaler Wirtschaftspolitik in Wahrheit ganz unerheblich. Diese faktische Ohnmacht der Politik können oder wollen beide Seiten nicht eingestehen. Die entscheidende Frage wäre demgegenüber die, ob und wie neue supranationalstaatliche Rahmenbedingungen gestaltet werden können, nachdem sich die global agierende Wirtschaft ihrer Gegen- und Mitspieler Arbeit und Staat teilweise entledigt hat.
Eine bloß moralische Kritik, die die inhumanen Seiten der wirtschaftlichen Globalisierung dem bösen Willen Einzelner zuschreibt, führt in der Tat in die Irre. Denn die moralisch zu beurteilenden Entscheidungen Einzelner erfolgen unter strukturellen Vorgaben. Das heißt aber nicht, dass wirtschaftsethische Überlegungen keinen guten Sinn haben. Erstens haben Entscheidungsträger auch innerhalb objektiver Strukturvorgaben noch erhebliche Handlungsspielräume, und zweitens ist der politische Rahmen des Wirtschaftshandelns selbst nicht der ethischen Beurteilung entzogen. Wenn moralische Orientierungen und ethische Gründe überhaupt einen Sinn haben, dann müssen sie sich in erster Linie auf die Humanisierung dieser Bedingungen und Folgen der globalisierten Ökonomie beziehen.

Fragen: Susann Witt-Stahl


Gunzelin Schmid Noerr hat zusammen mit Alfred Schmidt Max Horkheimers „Gesammelte Schriften“ ediert. Er ist Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher und Aufsätze zur Ethik, Philosophiegeschichte, Sprachphilosophie, Sozialpsychologie, Kulturtheorie, Ästhetik und Kritischen Theorie. Buchveröffentlichungen: „Sinnlichkeit und Herrschaft. Zur Konzeptualisierung der inneren Natur bei Hegel und Freud“, „Das Eingedenken der Natur im Subjekt. Zur Dialektik von Vernunft und Natur in der Kritischen Theorie Horkheimers, Adornos und Marcuses“ und „Gesten aus Begriffen. Konstellationen der Kritischen Theorie“. Seit 2002 ist Gunzelin Schmid Noerr Professor für Sozialphilosophie und Sozialethik einschließlich Anthropologie am Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Niederrhein, Mönchengladbach.