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Zvi Tauber: "Heinrich Heine interkulturell gelesen"

Erschienen in "analyse & kritik" 4/2006

Heinrich Heine: Nicht zu fassen

Von Susann Witt-Stahl

Vor lauter Glücksgefühlen, ein knappes Jahr nach „Sophie Scholl – die letzten Tage“ schon wieder einen ‚guten deutschen Patrioten’ feiern zu können, haben nicht wenige Feuilletonisten im „Land der Eichen und des Stumpfsinns“ (Heine) die eine oder andere Kleinigkeit übersehen: Beispielsweise war Heinrich Heine darüber beunruhigt, dass die Worte „Vaterland, Deutschland, Glauben der Väter“ hier zu Lande „die unklaren Volksmassen noch immer weit sicherer elektrisieren als die Worte ‚Menschheit, Weltbürgertum, Vernunft der Söhne, Wahrheit...!’“.

Der israelische Philosoph Zvi Tauber schließt mit seinem Heine-Buch bei weitem nicht nur Rezeptionslücken, die durch die selektive Wahrnehmung ‚wiedervereinigter’ Deutscher entstanden sind: Er zeigt den Dichter als scharfen Kritiker des Frühkapitalismus, der schon vor Karl Marx eine Ahnung davon hatte, „dass in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft die metaphysische Rolle des ‚Gottes der Philosophen’ dem säkularen Gott ‚Mammon’ zufällt“, so Tauber, „und nicht dem authentischen Subjekt, wie es die bürgerliche Ideologie gern behauptet“. Der jüdische Marxist macht den Leser aber auch mit Heine als glühendem Verfechter der Autonomie der Kunst bekannt, deren „emanzipatorische Kraft“ er (wie Adorno später in seiner „Ästhetischen Theorie“ ausführte) „gerade in ihrem autonomen Status begründet“ sah, schreibt Tauber, „und nicht in ihrem moralisch-politischen Engagement“. Vor allem aber stellt er Heine als einen ebenso in den Widersprüchen seiner Zeit verstrickten wie sich an ihnen abarbeitenden inkommensurablen Denker vor, der es „nie geliebt“ hat, seine Person „zu politischen Possenspielen herzugeben“, wie Heine in seinem Testament schrieb.
„Heines Persönlichkeit und Œuvre sind nicht zu fassen, will man ihn etwa nur als Juden oder nur als Deutschen, nur als Dichter oder nur als ‚Freiheitskämpfer’“ begreifen, betont Zvi Tauber – ein Autor, dessen Name zumindest dem an der Kritischen Theorie interessierten Publikum seit Erscheinen seines Buchs „Befreiung und das ‚Absurde’. Studien zur Emanzipation des Menschen bei Herbert Marcuse“ ein Begriff sein dürfte.
In seiner jüngsten Veröffentlichung richtet Zvi Tauber seinen Fokus auf Heinrich Heine „zwischen Poesie und Philosophie; zwischen deutschem Nationalismus und rohem Kommunismus; zwischen Gott, dem Gott der Philosophen und der Gottwerdung des Geldes; zwischen Schönheit und Gerechtigkeit“. Mit Darstellung dieser Spannungsverhältnisse wird nicht nur Heines intellektuelle Zerrissenheit als Poet, politischer Streit-Schriftsteller und „Anti-Philosoph“ (Heine über Heine) offensichtlich. In ihnen kamen auch seine hervorragenden prognostischen Fähigkeiten zur Entfaltung.
Heines Vorhersagen erwiesen sich, so Tauber, in zweierlei Hinsicht als „interkulturell“: Zum einen, weil sie davon zeugen, dass der Dichter bedeutende historische Ereignisse der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als bereits in der ersten Hälfte des vorhergehenden angelegte erkannt hat; zum anderen, weil sie die „interkulturelle Kluft“ zwischen zwei Wegen frei legen, die die Deutschen – denen Heine schon rund 130 Jahre vor Adorno einen autoritären Charakter bescheinigte – beschreiten sollten: „Extremen Nationalismus und diktatorischen Kommunismus.“ Ersterem galt die schrecklichste aller Vorahnungen Heines, dessen Werk der Dichter Christian Morgenstern nach eigener Aussage stets „mit Tränen in den Augen gelesen“ hat: Der Rückfall der Deutschen in die Barbarei — „...und wenn einst der zähmende Talisman, das Kreuz zerbricht, dann rasselt wieder empor die Wildheit der alten Kämpfer, die unsinnige Berserkerwuth...“

analyse & kritik führte ein Email-Interview mit Zvi Tauber. Wir danken Moshe Zuckermann für die Übersetzung aus dem Hebräischen.

 

Den Adler rupfen

analyse & kritik (ak): Sie sagen, das Marxsche Bild der Religion als „Opium des Volkes“ habe seinen Ursprung im vierten Kapitel von Heinrich Heines Börne-Buch. Zudem sei der Hegel-Schüler „einer der ersten“ gewesen, denen die „gewaltige historische Umwälzung von der ‚Gottwerdung des Geldes' bewusst“ geworden sei. Nachdem Hegel zwar das selbstbewusste menschliche Subjekt zum autonomen Vollzugshelfer des „absoluten Geistes“ ernannt, aber die Bewegungsstruktur des „absoluten Geistes“ noch nicht als Bewegungsstruktur des Kapitals erkennen konnte – war Heine somit nicht weniger Hegels Schüler als Marx' Lehrer?

Zvi Tauber: Ich glaube, es wäre übertrieben, Heine als „Marx’ Lehrer“ zu titulieren. Ich bin auch nicht sicher, dass Marx von Heines Diktum über die „Gottwerdung des Geldes“ direkt beeinflusst worden ist – so, als hätte er die Auffassung der Verdinglichung als Gesicht des bürgerlich-kapitalistischen Zeitalters einzig von ihm erlernt. Und doch war Heine in der Tat einer der ersten, die die moderne Welt in diesen Begriffen erfasst haben. Und ich hege keinen Zweifel, dass seine Worte Marx – auch in dieser Hinsicht – beeinflusst haben.
Bei verschiedenen Themen jedenfalls – beispielsweise in der Frage des Verhältnisses von Theorie und Praxis, besonders in der Einleitung zu „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ – klingen Marx’ Aussagen wie eine Resonanz von Heines Worten. In Marx' „Einleitung“ wird vor allem diese Frage erörtert, insbesondere im Hinblick auf die sozial-politischen Ereignisse in Deutschland. Dieses Problem wurde bei Heine in der „Einleitung zu ‚Kahldorf über den Adel’“ von 1831 behandelt, welche mit den Worten beginnt: „Der gallische Hahn hat jetzt zum zweiten Male gekräht [die Juli-Revolution 183 0 ], und auch in Deutschland wird es Tag.“ Marx schrieb seine „Einleitung“ in der Zeit, in der er Heine in Paris kennen lernte (Ende 1843), und beantwortet dort Heines dreizehn Jahre zuvor aufgeworfene Frage mit einer optimistisch klingenden Aussage. Nach Marx ist es nicht die Theorie selbst (die deutsche Aufklärung), die die revolutionäre Praxis hervorbringen werde, sondern eine „radikale“, die wirklichen Probleme des Menschen berührende („ad hominem“) Theorie in Verbindung mit einer gesellschaftlichen Praxis, die das Proletariat aus sich hervorbringen werde. Diese „Einleitung“ endet mit Worten, die literarisch an den Anfang von Heines Artikel von 1831 gemahnen: „Wenn alle innern Bedingungen erfüllt sind, wird der deutsche Auferstehungstag verkündet werden durch das Schmettern des gallischen Hahns.“

ak: Der israelische Heine-Biograph Yigal Lossin interpretiert den Dichter als Prognostiker eines „freien, nationalistischen und säkularen“ Judentums. Und ein  „Spiegel“-Autor meint sogar, in Zeiten, in denen eine „judenfeindliche Terrororganisation in den palästinensischen Gebieten Wahlen gewinnt, wäre es angebracht, sich auch an jenen Heine zu erinnern, für den das alte Israel mehr war als ein Traum aus biblischen Zeiten“. Heine –  ein früher Zionist?

Zvi Tauber: Vielleicht war Friedrich Schiller (Die Räuber, 1781, erster Akt, zweite Szene) und nicht Heine der erste unter Deutschlands Dichtern, der den Zionismus verkündet hat, obwohl nicht er der „Beschnittene“ war, der „kein Schweinfleisch isst“? Man kann viel über dieses Thema schwätzen. Mir ist aber klar, dass man Heine dem Judentum weder einverleiben kann noch soll, und ganz gewiss lässt er sich nicht fürs Zionistische vereinnahmen. Heinrich Heine war (wie Goethe und Hegel) – mit Nietzsche, dem Hammer-Philosophen, in der „Götzendämmerung“ gesprochen – „ein europäisches Ereignis […] und nicht bloß ein lokales, ein ‚nationales’“.
Es ist mir freilich klar, dass Heine, der die Ermordung von Juden durch „Terroristen“ verurteilt hätte, sich nicht minder der Besatzungs- und Annexionspolitik israelischer Regierungen gegenüber den Palästinensern widersetzt hätte. Ich möchte dies anhand einer gewissen Ausreizung der Deutung eines makaber-ironischen, „privaten“ Gedichtes, „An Edom!“, welches Heine seinem Freund Moses Moser im Jahre 1824 geschickt hat, darlegen:

Ein Jahrtausend schon und länger    Manchmal nur, in dunkeln Zeiten,
Dulden wir uns brüderlich.              Ward dir wunderlich zu Mut,
Du, du duldest, dass ich atme,        Und die liebefrommen Tätzchen
Dass du rasest, dulde ich.              Färbtest du mit meinem Blut.

Man kann davon ausgehen, dass „Edom“ (ein entschiedener Feind der Israeliten in biblischer Zeit und ein Ausdruck, der späterhin von Juden dem römischen Imperium und im Mittelalter der christlichen Kirche angeheftet wurde) die „Gojim“ und ihren antisemitischen Hass auf die Juden in der Diaspora meint. Die nächste (dritte) Strophe in Heines Gedicht kann im Sinne einer gewissen Interpretation der dialektischen Umkehrlogik der Entfaltung der Herrschaft-Knechtschaft-Beziehung bei Hegel gedeutet werden: Der unterdrückte Sklave beginnt den Charakter seines unterdrückenden Herrn anzunehmen. Über den historisch-spezifischen Zusammenhang der Shoah hinaus und natürlich mit keinem Bezug auf Völkermord, sondern auf den widerlichen Alltag, der in den von Israel besetzten Gebieten herrscht, braucht man, meine ich, dem heutigen israelischen Leser die Details der prognostischen Bedeutung von Heines Worten nicht größer zu erklären:

Jetzt wird unsere Freundschaft fester,
Und noch täglich nimmt sie zu;
Denn ich selbst begann zu rasen,
Und ich werde fast wie du!

Nun, vielleicht meinten die Interpreten, die Heine dem israelischen Nationalismus einverleiben wollen, das, wenn sie von Heine als dem Künder des Zionismus reden?

ak: Hier zu Lande werden die Feuilletonisten nicht müde, Heinrich Heine als „deutschen Patrioten“ zu würdigen. Stimmen Sie dieser Einschätzung zu? Wenn ja, inwiefern ist die Vaterlandsliebe des Dichters von dem Patriotismus der Mehrheit seiner deutschen Zeitgenossen zu unterscheiden? Heine hatte sich vom „Patriotismus des Deutschen“ distanziert, denn dieser bestehe darin, „dass er das Fremdländische hasst, dass er nicht mehr Weltbürger, nicht mehr Europäer, sondern nur ein enger Teutscher seyn will“.

Zvi Tauber: In Beantwortung Ihrer Frage möchte ich mich nochmals auf Nietzsches vorher zitiertes Diktum stützen, wonach Heine „ein europäisches Ereignis [war] und nicht bloß ein lokales, ein ‚nationales’“. Daraus folgt aber nicht, dass Heine kein „Deutscher“ und im emanzipativen und kulturellen Sinne sogar „deutscher Patriot“ war, ganz im Gegenteil. Der hebräische Dichter Chaim Nachman Bialik postulierte in seinem Aufsatz „Unsere junge Lyrik“ (1927), dass „alles, was etwas von der poetischen Schöpfungskraft der Nation und ihrer Persönlichkeiten in sich berge, für nationale Lyrik zu erachten sei“. Im Kontext der jüdischen nationalen Bewegung meinte er Literatur in hebräischer Sprache, mithin die Schöpfung von Schönheit, die Vermittlung von Ideen und Vorstellungen in der Nationalsprache der Juden. In diesem Sinne war Heine ein „nationaler Dichter“, ein deutscher Dichter, der Kultur- und Schönheitswunder mittels der deutschen Sprache vollführte, der Ideen und Vorstellungen vermittelte, die zum ehernen Kulturgut der „nationalen Sprache“ der Deutschen avanciert sind. Auch in diesem Zusammenhang möchte ich Nietzsche zitieren, der in „Ecce Homo“ sagte: „Den höchsten Begriff vom Lyriker hat mir Heinrich Heine gegeben. […] Man wird einmal sagen, dass Heine und ich bei weitem die ersten Artisten der deutschen Sprache gewesen sind – in einer unausrechenbaren Entfernung von allem, was bloße Deutsche mit ihr gemacht haben.“
Wenn man aber in Heine einen nationalen Dichter sehen will, der die Symbole der Nation als „deutsche“ glorifiziert und ihnen huldigt, dann ist gerade Gegenteiliges der Fall: Wir stoßen auf einen deutschen Patrioten, der den preußischen Adler, Symbol deutscher Souveränität, zerreißen, seine Federn rupfen und seine Krallen abschneiden möchte (Deutschland. Ein Wintermärchen, Caput 3); ein nationaler Dichter ist es, der im Hintern eines Affen seine Lieblingsfarben – „Schwarz-roth-goldgelb“ – erblickt (Vitzliputzli, Präludium)...
Aber über alle Bezugnahmen auf Heines „Patriotismus“ oder – gängiger – „Antipatriotismus“ hinaus, gibt es eine selbstbezogene Aussage zu diesem Thema, die er in der Vorrede von 1844 zu „Deutschland. Ein Wintermärchen“ (m.E. schon unter dem Einfluss von Marx’ Ideen) niedergeschrieben hat, mithin eine Erörterung des Patriotismus im Zusammenhang mit dem Schicksal von Elsass und Lothringen: „ich liebe das Vaterland eben so sehr wie Ihr. […] Elsässer und Lothringer werden sich wieder an Deutschland anschließen, wenn wir das vollenden, was die Franzosen begonnen haben, wenn wir diese überflügeln in der That, wie wir es schon gethan im Gedanken, wenn wir uns bis zu den letzten Folgerungen desselben emporschwingen, wenn wir die Dienstbarkeit bis in ihrem letzten Schlupfwinkel, dem Himmel, zerstören, [...] wenn wir das arme, glückenterbte Volk und den verhöhnten Genius und die geschändete Schönheit wieder in ihre Würde einsetzen, [...] – ja, nicht bloß Elsass und Lothringen, sondern ganz Frankreich wird uns alsdann zufallen, ganz Europa, die ganze Welt – die ganze Welt wird deutsch werden! Von dieser Sendung und Universalherrschaft Deutschlands träume ich oft, wenn ich unter Eichen wandle. Das ist mein Patriotismus.“
Fragen: Susann Witt-Stahl
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Zvi Tauber: Heinrich Heine interkulturell gelesen. Verlag Traugott Bautz 2006, br., 120 S., 10.- €.