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Udo Jürgens: "Eher ein Intendant als ein Trainer"

aus Folke Havekost/Volker Stahl – Helmut Schön. Der Mann mit der Mütze, AGON Sportverlag, Kassel 2006

Udo Jürgens: "Eher ein Intendant als ein Trainer"

Udo Jürgens, geboren am 30. September 1934 in Klagenfurt, näherte sich dem deutschen Fußball als Zuschauer bei Bayern München im Grünwalder Stadion. 1966 mit „Merci Chérie“ Sieger im Grand Prix d’Eurovision de la Chanson, stieg Jürgens bald zu einem der wichtigsten Protagonisten deutscher Populärmusik mit bisweilen sozialkritischem Anspruch („Traumtänzer“, „Café Größenwahn“) auf. Sein Lied „Buenos Dias Argentina“ zur WM 1978 erreichte nach zwei Monaten eine Platin-Schallplatte; in den USA trug eine Country-Version Udo Jürgens einen Grammy ein. Im selben Jahr setzte er dem scheidenden Bundestrainer Helmut Schön mit dem „Mann mit der Mütze“ ein musikalisches Denkmal. 1990 geleitete Jürgens die deutsche Nationalmannschaft mit dem Album „Sempre Roma“ zum WM-Gewinn. Derzeit lebt der Chansonnier in Zürich und bereitete ein Musical zu seinem autobiografischen Roman „Der Mann mit dem Fagott“ vor.

Wie haben Sie Helmut Schön kennengelernt?

Anlässlich der Aufnahmen zu Buenos Dias Argentina. Viele Fußballspieler kannte ich schon zuvor, mit Franz Beckenbauer war ich bereits befreundet. Helmut Schön bin ich im Studio zum ersten Mal begegnet, in der Folge habe ich ihn dann bei zahlreichen Veranstaltungen mit der Nationalmannschaft sehr oft getroffen. Schön war von außerordentlicher Herzlichkeit und Freundlichkeit, ein weichherziger Mensch, der für den Beruf des Trainers eigentlich völlig untypisch erschien.

Inwiefern völlig untypisch?

Wenn ich einen Menschen nennen sollte, den ich nicht mit Fußball in Verbindung bringe, wäre das Helmut Schön. Von seinem Wesen her hätte ich ihn eher als Intendant der Salzburger Festsspiele oder als Galeriebesitzer gesehen. Als Bundestrainer besaß er eine totale Autoritätsposition, aber er füllte sie mit Herz aus. Der Mensch stand bei ihm im Vordergrund. Ein Gentleman, der dem Tonfall der Branche manchmal nicht gewachsen war. Schön war warmherzig wie ein Vater.

Vaterfiguren wurden zu Schöns Zeit aber gerade von den 68ern durchaus in Frage gestellt.

Es war eine Zeit des Aufbruchs, in der auch der Fußballer ein neues Gesicht entwickelte, ein anderes Selbstbewusstsein. Viele Spieler hatten nun Abitur, sprachen nicht mehr Dialekt, sondern Hochdeutsch und besaßen eine eigene politische und gesellschaftliche Meinung. Das war ein großer Unterschied zur vorherigen Generation der Spieler-Soldaten, die es zu Sepp Herbergers Zeit noch gab. Helmut Schön war der erste große Trainer, der eigene Meinungen der Spieler und Widerrede zu spüren bekommen hat. Das war für ihn sicherlich schwierig, aber andererseits war er mit seiner Art genau der richtige Mann zur richtigen Zeit.

In Ihrem Lied Der Mann mit der Mütze singen Sie über Helmut Schön „Du warst ein General mit Herz/ ein Freund zugleich und Boss“...

Die Zeilen stammen von meinem wunderbaren Texter Wolfgang Hofer – und sie stimmen genau. Es war mir klar, dass ich ihm als scheidenden Bundestrainer auch ein Denkmal setzen muss. Daher habe ich zu seinem Abschied Der Mann mit der Mütze gesungen. Helmut Schön war tief berührt. Unlängst habe ich im Fernsehen noch mal gesehen, wie ich bei einer Veranstaltung das Lied singe und ihm die Tränen runterlaufen. Auch mit über zwanzig Jahren Abstand kommt mir da immer noch eine Gänsehaut.

Als Musiker im Show-Biz sind Sie es gewohnt, von der Öffentlichkeit beobachtet und beurteilt zu werden. War es dem Fußballtrainer Schön unangenehm, zunehmend im Rampenlicht zu stehen und kritisiert zu werden?

Er hatte eher die Vorstellung, in zurückgezogener Position zu arbeiten. Auch der Wandel zur Mediengesellschaft ist ja während seiner Zeit als Bundestrainer geschehen. Persönlich war es für ihn schwer, damit umzugehen: dass jedes Wort nun auf die Waagschale gelegt und bei den Spielern nach Skandalen oder neuen Freundinnen gesucht wird.

Helmut Schön war sehr kunstsinnig. Haben Sie mit ihm über Musik gesprochen?

Ja, oft. Als wir Buenos Dias Argentina aufnahmen, habe ich ihn auch vorab nach seiner Meinung gefragt und gemeint: Wenn Sie das als billige Schmonzette empfinden, werden wir das nicht machen. Helmut Schön wehrte ab: Nein, nein, das ist ein wunderbares Lied, das macht uns viel Spaß. Wir wollten etwas Populäres, aber nichts Dummes. Gerade in der Unterhaltungsmusik geht das ja oft einher. Ich habe mich damals in Zürich hingesetzt, geschrieben und sofort gespürt, dass das ein guter Song wird. Die Platte wurde dann ein Welterfolg, obwohl die WM in die Hose ging. Sie wurde eine Million Mal verkauft und wäre eigentlich auf zwei Millionen gegangen, wenn Deutschland nicht gegen mein kleines Österreich ausgeschieden wäre. Noch nie in meinem Leben habe ich mich so über mein eigenes Land geärgert...

Es „rauscht von Ferne der La Plata“, und die Gitarren erzählen leise „das Lied der Pampas“ – nach welchen Kriterien haben Sie den WM-Song von 1978 entworfen?

Es war ja heikel, weil in Argentinien damals eine Militärdiktatur herrschte. Daher haben wir uns an die Schilderung des Landes gehalten, das ja auch wunderschön ist. Wolfgang Hofer hat im Lied dann alle denkbaren Klischees versammelt: Sombreros, Gitarren, Señoritas... Damit die Intelligenten die Absicht erkennen und die, na ja, etwas Schlichteren es nicht merken. Wir haben mit der Mannschaft das Lied ja auch auf Spanisch gesungen. Der Song kam gewaltig an, in den argentinischen Radios wurde er täglich gespielt. Einige haben sich damals aufgeregt, dass ich mich nicht kritisch mit den Zuständen in Argentinien auseinandergesetzt hätte, aber das heiße Eisen Politik konnten wir nicht anfassen. Wir waren dort zu Gast, da darf man nicht provozieren, vor allem, wenn dann auch noch die Spieler singen.

Was muss man beim Singen über Fußball beachten?

Die große Schwierigkeit ist es, die Märchen und Geschichten, die der Fußball hervorbringt, einzufangen. Die großen Träume, diese unglaubliche Dramatik, wo ein Tor über den Abstieg entscheiden und schicksalhaft für Städte und ganze Landstriche sein kann. Diese Dramen zu schildern, habe ich zum Beispiel mit Wer spricht schon vom Verlierer versucht. In der Realität ist es oft ja noch schlimmer. Da wird der Verlierer nicht verschwiegen, sondern sogar ausgebuht und ausgepfiffen. Diese emotionale Kraft gilt es einzufangen. Heute wäre es vielleicht sogar etwas einfacher, weil inzwischen auch in den intelligentesten Zeitungen über Fußball geschrieben wird und die Sichtweise auf den Sport sich verändert hat. Aber dafür werden heute kaum noch durchkomponierte Lieder gemacht, sondern Rap gesprochen. Das Konzept Song ist in einer Krise.

Wollen Sie da nicht anlässlich der EM 2008 einen Kontrapunkt setzen?

Ein Turnier in Österreich und der Schweiz, dazu Deutschland – drei Länder mit einem gemeinsamen Sprachraum und fast hundert Millionen Menschen. Wenn man an eine solche Aufgabe herangeht, muss man offen sein und aufpassen, dass man glaubhaft bleibt. Es ist eine eigenartige Gratwanderung. Ein guter Text kann etwa durch die falsche Melodie schnell zum Schmalz werden und dann nicht mehr glaubhaft sein. Über Fußball zu singen, ist ein reizvolles, aber auch ein schwieriges Unterfangen.

Wer hat das am Besten gelöst? Gibt es einen Fußball-Song, den Sie favorisieren?

Ja. We Are the Champions von Queen. Dabei hatten die niemals Fußball im Sinn, als sie das aufnahmen. Sänger Freddie Mercury, der das Lied auch getextet hat, war ja eine unglaubliche Primadonna und hat dabei wohl eher an sich selbst gedacht. Aber es funktioniert: Heute gibt es kaum ein Fußballstadion, in dem die Menschen das Lied nicht nach dem Abpfiff singen – und das ohne Aufforderung.

Fragen: Volker Stahl/Folke Havekost