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Gideon Greif: "Das schlimmste Verbrechen des Nationalsozialismus"

Erschienen in "analyse & kritik" 1/07

Das schlimmste Verbrechen des Nationalsozialismus

Der Historiker Gideon Greif über die jüdischen Sonderkommandos

Der israelische Wissenschaftler Gideon Greif arbeitet seit 30 Jahren in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Seit zwei Jahrzehnten konzentriert er seine Forschungen auf die so genannten Sonderkommandos – die wohl niederträchtigste Erfindung der Nazis.
Die Sonderkommandos bestanden aus männlichen, vorwiegend jüdischen Häftlingen - insgesamt 2500 bis 3000. Die SS zwang die Männer, ihr bei dem Massenmord zu assistieren: Die Mitglieder der Sonderkommandos mussten den Opfern beim Ausziehen helfen, ihre Kleider einsammeln, den Leichen die Haare abschneiden, Goldzähne herausbrechen, die Toten aus den Gaskammern in die Krematorien transportieren, sie verbrennen und schließlich ihre Asche und andere Spuren des größten Menschheitsverbrechens beseitigen.
1994 leistete Gideon Greif Pionierarbeit, indem er unter dem Titel „Wir weinten tränenlos“ Augenzeugenberichte von acht der rund 80 überlebenden Häftlinge der Sonderkommandos veröffentlichte.

 


 

ak führte ein Email-Interview mit dem Historiker:

analyse & kritik (ak): In Ihren Vorträgen erzählen Sie die Geschichte der Sonderkommandos in den Vernichtungslagern betont sachlich, kühl, mechanisch, manchmal sogar mit distanzierter Ironie. Welchen Zweck verfolgen Sie mit dieser Vermittlungsmethode?

Gideon Greif: Es handelt sich nicht um eine Vermittlungsmethode. Der Massenmord in Auschwitz Birkenau, über den ich in meinen Vorträgen spreche, folgte einer technisch-industriellen Tötungsmethode. Zum ersten Mal in der menschlichen Geschichte ist eine Todesfabrik entstanden, die den Tod am Fließband hervorbrachte. Auschwitz, wie auch alle anderen Vernichtungslager, war ein Betrieb dessen Rohmaterial aus lebendigen Menschen bestand und dessen einziges Endprodukt die Asche derselben war. Jede andere Art und Weise über diesen Massenmord zu sprechen, würde aus Auschwitz ein billiges Melodrama machen. Ich bin also nicht apathisch gegenüber dem Leiden der Opfer, sondern meine Sprache und mein Stil sind direkt mit dem Charakter des Verbrechens verbunden. Es ist nicht mein Vortrag, der kühl und mechanisch ist, sondern das Verbrechen der Deutschen selbst war ein gefühlloser, ein kühler und mechanischer Massenmord.

ak: Sie sagen, „der Tod der jüdischen Häftlinge war den deutschen Tätern nicht genug; die Opfer sollten sich auch noch schämen“. Und Sie vergleichen das Verhältnis der SS zu den Sonderkommandos mit dem von „Arbeitgebern zu Arbeitnehmern“. Welche Psychologie verfolgten die Nazis mit der Aufstellung der Sonderkommandos und dem speziellen Umgang mit ihnen?

Gideon Greif: Der Terminus „Psychologie“ ist im Zusammenhang mit den Verbrechen der Deutschen gegen das jüdische Volk irritierend: Die Shoah war die Durchführung des sehr konkreten und praktischen Planes alle Juden, ohne Ausnahme, zu ermorden.
Allerdings ist es wahr, dass die Juden vor ihrer Ermordung überall eine systematische Prozedur von Erniedrigungen über sich ergehen lassen mussten, Erniedrigungen, die große Qual und großes Leiden verursachten. Diese Demütigungen konnten viele Gesichter haben, wie zum Beispiel das Entkleiden an jedem Ort der Tötung. Sie wurden geplant, um ein Leiden vor dem Tod zu erzeugen.
Auch die Entstehung des jüdischen Sonderkommandos hat ein sehr bedeutendes Element dieser Erniedrigung in sich: Die Mitglieder des Sonderkommandos wurden gezwungen, an verschiedenen Arbeiten, die mit dem Prozess der Massentötung verbunden waren, teilzunehmen. Sie mussten an dem Ort „arbeiten“, an dem ihre Brüder und Schwestern vergast und verbrannt wurden. Der Akt des Mordes selber wurde allein von den Deutschen begangen. Mit Einrichtung des Sonderkommandos verfolgten die Täter auch das Ziel, dass die Schuld sich verteilt und auf die Opfer – in diesem Fall die Mitglieder des Sonderkommandos – übergeht. Aus diesem Grund wurden hauptsächlich Juden für das Sonderkommando ausgewählt und nicht andere Häftlinge. Der Autor und Überlebende Primo Levi hat deshalb Recht, wenn er die Einrichtung des Sonderkommandos als „das schlimmste Verbrechen des Nationalsozialismus“ bezeichnet.
Dennoch herrschte auf dem Terrain des Verbrechens, nämlich in dem Bereich der Krematoriumsgebäude, eine bizarre Routine, die daraus resultierte, dass sich die Sonderkommandohäftlinge und SS-Leute täglich dort trafen. Da sich beide Seiten an die „Arbeit“ gewöhnt hatten, sollten wir uns nicht darüber wundern, dass sich eine bestimmte Arbeitsatmosphäre entwickelt hat. Sogar die Hölle auf Erden folgte einer Routine.

ak: Die Geschehnisse in den Todesfabriken, inklusive die Zwangsarbeit der Sonderkommandos, werden spätestens seit dem großen Erfolg der Fernsehserie „Holocaust“ Ende der 1970er Jahre immer wieder in der Punk- und Hardcore-Musik, sogar in Comics, vor allem aber in Spielfilmen, zuletzt in Tim Blake Nelsons „Grauzone“, massenkulturell verarbeitet. Was halten Sie davon, dass sich die Kulturindustrie – auch wenn dies meist in aufklärerischer Absicht geschieht – der Shoah als „Stoff“ oder gar als „Kulisse“ bedient? Ist dadurch nicht eine Banalisierung, Verkitschung und ideologische Verformung der Geschichte des größten Menschheitsverbrechens zu befürchten?

Gideon Greif: Alles hängt von der Qualität des Produktes und der Seriosität seiner Erzeuger ab. Prinzipiell bin ich dafür, dass sich Kunst mit der Shoah auseinandersetzt, und diese in einer klaren und populären Sprache an die junge Generation vermittelt, so dass das Thema einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Die Shoah verliert ihre Bedeutung nicht dadurch, dass beispielsweise eine Rock-Opera sie als Hauptthema benutzt. Darin, dass der Massenmord an den europäischen Juden ein Thema von Kunst ist, sehe ich kein Problem.
Allerdings möchte ich betonen, dass es notwendig ist, dass die historischen Fakten sehr gründlich dargestellt werden. Obwohl die Freiheit der Künstler immer existiert, sollte man im Zusammenhang mit der Shoah historisch akkurat sein. Natürlich muss ein Künstler sich immer darüber bewusst sein, mit welchem Thema er sich da eigentlich beschäftigt. Ist er dies nicht, wird er die Shoah banalisieren oder gar billigen.

Fragen: Susann Witt-Stahl