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LAIBACH: Poeten des Hämoglobin

Erschienen in "Kunst + Kultur" 1/2008

Poeten des Hämoglobin

Das slowenische Musiker-Kollektiv LAIBACH lässt das Räderwerk der Kulturindustrie heiß laufen

Von Susann Witt-Stahl

Sollte sich bislang nicht erschlossen haben, was die Verfasser von „Dialektik der Aufklärung“ meinten, als sie schrieben, der von der Unterhaltungsindustrie produzierte Spaß sei ein „Stahlbad“: LAIBACH schaffen Klarheit.
Die Künstler arbeiten ausschließlich als Kollektiv – gemäß den Gesetzen der industriellen Produktion und des Totalitarismus, die die Lebenswirklichkeit des modernen Menschen überwölben und keine freie Individualität gestatten, wie der „LAIBACH-KUNST-Doktrin“ zu entnehmen ist. Die stets mit einer Stimme sprechende Band kreiert Klang-, Bild- und Textcollagen aus dem Material des Heavy Metal, Hardcore, Techno, der Pop-Ballade, „Ballermann“-Hymne und allen anderen Sparten, die die westliche populäre Musik zu bieten hat. Aber das ist nicht alles. Hinzu kommen Märsche, üppige Soldaten- und Arbeiterchöre sowie heroisch-pathetische Klassik-Arrangements und andere Massenmusik, die von autoritären Systemen staatlich verordnet wird.
Die von LAIBACH verfolgte Kriegs- und Gewaltästhetik, die durch martialische Superzeichen gekennzeichnet ist, ihre gesamtkunstwerkliche Ausrichtung und ihre Samplings, in denen pulsierende Disco- und peitschende Marschrhythmen miteinander verschmelzen, sind alles andere als billige Effekthascherei und Fetischisierung des bestehenden Grauens – wie sie etwa von Vertretern der „Neuen Deutschen Härte“ betrieben werden. Sie ist vielmehr radikale Ideologiekritik, die die enge Verflechtung tendenzloser Unterhaltung mit politischer Propaganda enthüllt: „Alle Kunst unterliegt der politischen Manipulation, mit Ausnahme einer Kunst, die mit der Sprache dieser Manipulation spricht“, heißt es in dem 10-Punkte-Programm der „LAIBACH-KUNST-Doktrin“. Da die warenproduzierende Gesellschaft und ihre Ideologie kein Außerhalb zulässt, verwenden LAIBACH für ihre Propaganda-Kunstwerke nur kulturindustrielles Material (Bruitismus, Nazi-Kunst und Disco), dem sie nach den Prinzipien des rationell organisierten Arbeitsprozesses in der kapitalistischen Fabrik (Taylorismus) gnadenlos Erkenntnis abtrotzt.
LAIBACH provoziert und überreizt das entfremdete Bewusstsein durch hemmungslose Überidentifikation, Verdoppelung und Verdichtung der Zeichen, Adaption und Glorifizierung des von der Kulturindustrie generierten und unentwegt gestreichelten autoritären Charakters. Dieser entfaltet sich kaum irgendwo intensiver als in brodelnden Party-Massen: Nach dem hämmernden Industrial-Sound von LAIBACHS Interpretation des Mitgröl-Stimmungsschlagers „Life Is Life“ kann der Pisten-Gänger als „slave to the rhythm“ seine Vereinzelung tanzen, bis das Blut kocht, um gleichzeitig beim düsteren, in unmenschlich tiefer Frequenz intonierten Sprechgesang an der Eiseskälte der eigenen Einsamkeit zu erschaudern.
Manchmal erhitzen LAIBACHs Cover-Versionen aber auch „politisch korrekte“ Gemüter. So fing sich die Band für ihren Titel „Geburt einer Nation“ wegen Textzeilen wie „ein Fleisch, ein Blut, ein wahrer Glaube, eine Rasse und ein Traum“ eine Menge Faschismusvorwürfe ein. Bis sich herausstellte, dass LAIBACH erstens die falschen Adressaten waren – weil es sich bei dem Text nämlich um die wörtliche Übersetzung der Lyrik von dem Queen-Hit „One Vision“ handelte. Zweitens hatten sie Recht behalten („Popmusik ist für Schafe“), und drittens war ihr Konzept der Überführung des Massenbetrugs der Kulturindustrie mit ihren eigenen Mitteln („Wir sind Wölfe, die als Hirten verkleidet sind“) aufgegangen.
Die Geschichte von LAIBACH war von Anfang an gezeichnet von künstlerischen Eskapaden und staatlicher Zensur. Die Band gründete sich 1980 in Trbovlje – einer Steinkohlebergbaustadt in Zentralslowenien. Ihr erstes Kunstwerk, ein Multimedia-Projekt mit dem Titel „Rdeci revirji“i („Rote Reviere“), wurde bereits vor seiner Veröffentlichung verboten.
Allein der Name des Kollektivs wurde von den Machthabern des real existierenden Sozialismus als Kriegserklärung aufgefasst: Ljubljana hieß vor der Gründung Jugoslawiens und während der Besatzung durch die Wehrmacht der Nazis im Zweiten Weltkrieg Laibach. Der deutsche Name galt dem Staatspräsidenten Tito und seinen Anhängern als Inbegriff für Restauration und Faschismus. Für die Musiker ein triftiger Grund, ihn sich anzueignen: „In diesem Namen verdichtet sich der Schrecken des Zusammenwirkens von Totalitarismus und Entfremdung, der von sklavenhalterischen Produktionsverhältnissen geschaffen wird.“
1983 wurde die staatliche Repression gegen die Künstler verstärkt: Nach einem Interview mit der Redaktion der Nachrichten-Sendung TV-Tednik folgte ein nationales Verbot öffentlicher Auftritte. Außerdem wurde den Musikern untersagt, weiterhin den Namen LAIBACH zu führen. In der Folgezeit spielte die Band ihre Konzerte in ihrer Heimat anonym. Zwei Jahre später veröffentlichten sie ihr erstes Album unter einem slowenischen Label. Statt des verbotenen Namens war auf dem Cover ein Symbol, Kasimir Malewitschs „Black Cross“, abgebildet, das zum Markenzeichen von LAIBACH werden sollte. 1987 endlich konnten sie in der Festival-Halle von Ljubljana ihr erstes legales Konzert geben.
Seit ihrer Gründung hat die Band 27 LPs eingespielt. Darunter eine Macbeth-Vertonung, Live- und Konzept-Alben wie „Occupied Europe Nato Tour“ und die jüngste Veröffentlichung „Volk“ mit Pop-Interpretationen von Nationalhymnen.
LAIBACH bildet die tönende Säule des Künstler-Netzwerks Neue Slowenische Kunst (NSK), das die Band zusammen mit dem Maler- und Grafiker-Kollektiv Irwin und der Scipion Nasice Sisters-Theatergruppe 1984 ins Leben rief. Die Neuen Slowenischen Künstler, denen die Designer-Gruppe Novi Kolektivizem, das Schriftsteller- und Geisteswissenschafter-Dept. of Pure and Applied Philosophy angeschlossen sind, haben sich zu einem unabhängigen NSK State mit eigenen Deklarationen, Botschaftern, Pässen und Briefmarken erklärt.
Die NSKler verstehen sich als Retro-Avantgarde, die davon ausgeht, dass es der modernen Kunst bis heute nicht gelungen ist, die Krise zu überwinden, die über sie durch die Assimilation der Avantgarde des 20. Jahrhunderts in totalitären Staaten hereingebrochen war. Ihr Konzept „basiert auf der Prämisse, dass Traumata der Vergangenheit, die in der Gegenwart und Zukunft fortwirken, nur durch einen Rekurs auf den initialen Konflikt geheilt werden können“, wie es in einem Pamphlet der NSK heißt. Die historische Avantgarde war an der Dialektik des Kollektivismus gescheitert – an dem der Zivilisation innewohnenden und im Spätkapitalismus zu einem Kulminationspunkt gelangten Widerspruch zwischen humanisierender Solidarität und Symbiose einerseits und regressiver Gleichschaltung und Entindividualisierung der Individuen andererseits. Der moderne Staat trachtete danach, diesen Widerspruch durch Zwangssozialisierung des Individuums einseitig zu lösen, bewirkte aber, dass die Gesellschaft zu einem Monolithen erstarrte. Die Avantgarde ging den scheinbar entgegengesetzten Weg, indem sie die Individualisierung des Kollektivs anstrebte, aber eine Atomisierung des Menschen in der Masse förderte. Während beide Lösungsversuche immer wieder in eine Apologie des unter der Maske der bürgerliche Demokratie – dem „Euphemismus des entwickelten Totalitarismus’“ (LAIBACH) – verborgenen zügellosen Kapitalismus münden, um schließlich in seine barbarisch-bellizistische Krisenform, den Faschismus, zurückzufallen, treibt NSK die Aufhebung des Widerspruchs mit ihrem virtuellen Staat ohne Territorium, Grenzen und Nationalität voran: eine nichtidentische soziale Gemeinschaft autonomer Subjekte und freier Individuen.

 


 

Interview:

Kunst + Kultur: LAIBACH bezeichnen sich als „Poeten des Hämoglobin and Krieger der Vernunft“. Was meinen Sie damit?

LAIBACH: Das bedeutet, wir stellen den Handel mit Emotionen zurück. Wir folgen dem Überlebensinstinkt, den wir meinen, durch Vernunft kontrollieren zu können. Fluch und Segen der Wiederholung in unserer Arbeit lässt ohnehin nicht viel Raum für Gefühle.

Kunst + Kultur: Adornos Ästhetische Theorie hatte von der Kunst gefordert, dass sie das Leiden – dessen Beredt-Werden Bedingung aller Wahrheit sei – zum Gegenstand und somit Erkenntnischarakter haben soll. Ist die Forderung an die Kunst, „objektive Gestalt des Bewusstseins von Leiden“ (Adorno) zu sein, für LAIBACH der Grund, dass sie sich dem Schein des Schönen verweigern?

LAIBACH: Kunst und Schönheit interessieren uns nicht, geschweige denn das Leiden. Was uns interessiert, ist der Zeitgeist, den wir als technisch-funktionalen Begriff verstehen. Kunst ist für uns lediglich ein Werkzeug, um die sozio-politischen Verhältnisse der jeweiligen Zeit zu verstehen. Schönheit liegt immer im Auge des Betrachters. Und persönlicher Geschmack ist der größte Unterdrücker der Wahrnehmung.

Kunst + Kultur: Sie sagen, die Demokratie „hält Menschen durch die Injektion einer Utopie aus Wünschen und Fantasien im Blutkreislauf der Gesellschaft gefangen. Ihre Injektionsnadel ist die Unterhaltungs-Kulturindustrie“. Was ist Ihr künstlerisches Antidoton – die Unterhaltungsindustrie durch Akkumulation ihres eigenen Materials zum Kollabieren zu bringen?

LAIBACH: Eine Option, die Kulturindustrie zu bekämpfen ist, nach dem Revolver, die zweite ist, nach der Bombe zu greifen. Der gegenwärtige Terrorismus leistet in der Tat mehr für die Befreiung der Kultur als die gesamte Ära toleranter demokratischer Kultur. Aber diese Befreiung ist kein Vergnügen und hat nichts mit der Industrie zu tun. Sie wird sich selbst als ein störendes, aber selbstständiges Anderes erweisen, das die herrschenden Vorstellungen von Kultur einfach ignorieren und sich weigern wird, im Rahmen ihrer Diskurse zu kollaborieren. Aber selbstverständlich gibt es auch noch eine dritte, akzeptablere Option: die Kulturindustrie sehr ernst, buchstäblich beim Wort zu nehmen, ihre Sprache ad absurdum zu adoptieren und sie bis zu ihrem Urgrund zu reflektieren – wie es der kasachische Journalist Borat Sagdiyev in seiner Dokumentation getan hat. Vielleicht nicht ganz so, aber ähnlich...

Kunst + Kultur: Welche künstlerischen Konsequenzen hat LAIBACH aus den Jugoslawien-Kriegen der 1990er Jahre und seinen Hundertausenden von Toten gezogen und welche werden Sie noch ziehen – angesichts der Tatsache, dass jegliche Kultur, Moral, aufgeklärte Politik und Wissenschaften, letztlich auch die Kunst, vor der Barbarei versagt haben?

LAIBACH: Krieg ist ein Teil der Kultur – ein extremer, aber ein Teil von ihr. Kulturen wurden auf Kriegen errichtet. Das ist die Realität, eine bestürzende, aber eine konstante. Momentan toben mindestens 50 verheerende und tragische Kriege auf der Welt, und sie tragen dazu bei, ‚die Balance zu halten’, ungeachtet dessen, was globale Ethik und Moral predigen. Schließlich ist Krieg nichts anderes als Kapitalismus ohne Boxhandschuhe. Das Abschlachten hat nichts mit einem Mangel an Kultur zu tun. Deutschland gehörte zu den zivilisiertesten Ländern der Welt, hat aber während des Zweiten Weltkriegs dennoch Massenmord begangen. Dasselbe gilt für Amerika und andere Nationen.
Wir wollen eigentlich keine ‚künstlerischen Konsequenzen’ aus den jugoslawischen Kriegen ziehen. Wenn Sie aber darauf bestehen, können wir Folgendes sagen: Jugoslawien wurde in der Phase des späten Surrealismus und übergesellschaftlichen Realismus erschaffen. Im Modernismus kam es zu seiner Blüte und im Postmodernismus setzte sein Zerfall ein. In Wahrheit war es eine eklektische Retro-Formation und kein homogen modernistisches Gebilde. Der Krieg in Ex-Jugoslawien war das logische Resultat vom Ende des utopischen Traums. Andererseits, vielleicht war dieser scheinbar anachronistische Krieg auch die letzte Schlacht des Zweiten Weltkriegs auf europäischem Boden – die endgültige Trennung von Europa und Jugoslawien (50-50 Prozent, wie sie in Jalta von den Alliierten geplant und später von Präsident Tito und seinen Anhängern verhindert wurde). Oder er war der finale historische Kampf zwischen dem Osmanischen Reich und dem orthodoxen Serbien (Serben gegen Albaner and bosnische Muslime), möglicherweise auch zwischen römischen Katholiken und orthodoxen Christen (die kroatische Ustascha gegen die serbischen Tschetniks) oder einfach zwischen Osten und Westen. Er kann ebenso eine ‚polygone’ Balgerei zwischen den USA, der EU und Russland um eine prestigeträchtige Position auf dem Territorium des wilden Balkans gewesen sein, um die Muskeln spielen zu lassen. Mag sein, es war nicht mehr als ein verzweifelter Kampf gegen den Verlust der Identität in einer Welt aggressiver Globalisierung und kultureller Gleichschaltung. Oder einfach nur ein brutaler Ersatz für die große Erzählung, die am Ende der Geschichte verloren gegangen ist. Und gewiss war der Krieg ein direktes Ergebnis einer tollpatschigen Integrationspolitik des EU-‚Clubs der Privilegierten’. Kommt Zeit, kommt Rat. Wir werden Augen und Ohren offen halten und auf den nächsten Krieg warten.

Fragen: Susann Witt-Stahl