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Moshe Zuckermann: Historischer Selbstmord des Zionismus

Erschienen in "analyse & kritik" Nr. 537

Historischer Selbstmord des Zionismus

Der Historiker Moshe Zuckermann legt mit seiner neuesten Veröffentlichung eine umfassende Analyse der politischen Krise der staatstragenden Ideologie Israels vor

ak: Sie haben in Ihr Ständchen zum 60. Geburtstag des Judenstaates viele Dissonanzen einkomponiert – und zwar bevor die Jubelrufe im Kanonendonner untergingen. Nach dem Gaza-Krieg und dem durch die Knesset-Wahlen manifest gewordenen Rechtsruck: Schlagen Sie da noch ganz andere Töne an?

Moshe Zuckermann: Es ist nicht so, dass besagter Rechtsruck ganz überraschend kam. Er zeichnete sich durchaus schon seit Langem ab. Wobei allerdings betont werden muss, dass das, wovon man in Israel nach rechts gerückt ist, mitnichten für links genommen werden sollte. Kadima ist keine linke Partei – auch die Arbeitspartei m.E. schon längst nicht mehr. Was allerdings in der Tat für eine neue Qualität gewordene Quantität zu erachten wäre, ist der eklatante Zusammenbruch der sogenannten zionistischen Linken, also das desaströse Wahlergebnis von Meretz und das nicht minder katastrophische der Arbeitspartei – immerhin die Partei, die über Jahrzehnte das Geschichtskapital beanspruchen durfte, den Staat Israel gegründet zu haben. Und das, was sich in der rechten Ecke des Parlaments angesammelt hat, ist auch bemerkenswert: Vor zwanzig Jahren sind derlei Gesinnungen mit Kahanes Kach-Partei immerhin noch aus der Knesset ausgestoßen worden. Heute existieren sie in der Knesset in allem, was sich bei Lieberman und rechts von ihm findet. Und sie werden auch von Netanjahu intensivst hofiert. So besehen, schon – ganz andere Töne.

ak: Während des Krieges steigerten sich nicht wenige Israelis in einen regelrechten Blutrausch. An den Straßen entlang der Gaza-Grenze fanden sich Schilder mit der Aufschrift „Tötet sie alle!“. Ein IFA-Oberst fauchte im israelischen Rundfunk: „Wir müssen härter vorgehen:Dresden, Dresden – hash-mada! [hebr.: Vernichtung].“ Ist die israelische Gesellschaft auf bestem Wege, sich zu faschisieren oder in einen „jüdischen Gottesstaat“ zu regredieren, wofür beispielsweise die Kach-Bewegung eintritt?

Moshe Zuckermann: Ich würde unterscheiden wollen: Ich sehe keine Anzeichen einer Tendenz zum jüdischen Gottesstaat. Dafür sind die säkularen Kräfte in Israel nun doch zu stark. Ich glaube auch nicht, dass das religiöse Lager insgesamt an einem solchen Staat interessiert wäre. Orthodoxe und Ultraorthodoxe meinen ohnehin, dass man diesen erst mit der Ankunft des Messias errichten dürfe. Etablierte Nationalreligiöse wissen genau, dass sie nicht stark genug sind, um aus sich heraus eine funktionierende Gesamtgesellschaft ohne die säkularen Kräfte der Moderne herzustellen. Es sind eben nur die eher randständigen Ultras vom Schlage der Kach-Bewegung, die auf einen jetzt schon zu errichtenden Gottesstaat drängen. Das besagt freilich nicht, dass all diese Gruppen nicht in differierendem Maße von einem gestandenen Araberhass getrieben sind. Und darin sind sie in der Tat auch anderen Teilen der jüdischen Bevölkerung Israels verschwistert. Was immer die Motive sein mögen, wäre aber darin sehr wohl eine zentrale Koordinate der Faschisierung der israelischen Gesellschaft zu sehen. Das sage ich nicht nur im Zusammenhang mit dem letzten Krieg, sondern als Einsicht in langwierigere Prozesse. Man unterhält eben nicht über vierzig Jahre ein barbarisches Okkupationsregime, ohne zu verrohen und sich tendenziell auch faschistisch zu verhärten.

ak: Und die „sogenannte zionistische Linke“, deren „Zusammenbruch“ Sie sich im Kontext Ihrer Krisen-Analyse des Zionismus widmen – welche waren ihre historischen Kardinalfehler?

Moshe Zuckermann: Zunächst und vor allem, dass sie sich von den sozialen Belangen der israelischen Gesellschaft in eklatanter Weise losgesagt hat bzw. sie dezidiert zu ignorieren begann. Man muss bedenken, diese Linke hatte sozialistische historische Wurzeln, welche die prästaatliche Ära Israels, aber auch die Anfangsphase nach der Staatsgründung entscheidend bestimmt hatten. Das war ihre Stärke, zugleich aber auch dahingehend ihre Schwäche, als sie ihre linke Gesinnung nach und nach herrschaftlich auszutragen begann. Und als sich dann (in den 1970er Jahren) die soziale Gegenbewegung dazu zu bilden begann, fand diese Gegenbewegung ihr Zuhause viel eher in der populistischen Demagogie eines Menachem Begin, also im Likud-Block, als in den verkrusteten Hierarchien der Arbeitspartei. Getragen wurde dieser Umstand auch durch das die israelische Gesellschaft prägende ethnische Moment: die minderbemittelten Schichten waren seit jeher von orientalischen Juden bevölkert, die in der „aschkenasischen“ Hegemonie der Arbeitspartei ihren verhassten Feind zu sehen begannen. Dieser Faktor sollte sich auch in der Nahostpolitik schicksalsträchtig auswirken: Viele orientalische Juden fingen an, den Frieden mit den Arabern als ein „aschkenasisches“ Unterfangen zu betrachten. Die aschkenasische Elite des Likud bestärkte sie noch darin, wobei weder die Arbeitspartei noch Meretz je den Anschluss gefunden haben, um dieses ideologisch aufgeladene Strukturmoment anzugehen und politisch wirksam zu bekämpfen. Als man sich schließlich darauf besann, war’s zu spät. Die zionistische Linke war auch unter den religiösen Bevölkerungsanteilen nicht gerade beliebt, nicht zuletzt, weil sie eben das Säkulare der israelischen Gesellschaft verkörperte. Und als dann noch die Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion kamen, Immigranten, die – ideologisch verblendet – selbst die Arbeitspartei für „stalinistisch“ erachteten, wurde es für die zionistische Linke nach und nach schon aus quantitativen Gründen unmöglich, mehrheitsfähige Politkonstellationen herzustellen.

ak: Wenn, wie Sie in Ihrem neuen Buch schreiben, die rigorose Negation des Diaspora-Judentums, die heteronome Instrumentalisierung der Shoah zentrale Ideologeme des Zionismus sind, biblische Erlösungsmythen Eingang in seine Matrix gefunden haben und sein politisch-gesellschaftliches Dasein nicht unerheblich durch einen „systemgewachsenen Rassismus“ bestimmt wird – ist „zionistische Linke“ dann nicht ein Oxymoron?

Moshe Zuckermann: In gewisser Hinsicht schon. Nur macht es halt doch einen Unterschied, ob man ein zionistischer Linker oder ein zionistischer Rechter ist. Es darf nicht vergessen werden, dass auch ausgesprochene Humanisten wie Martin Buber oder religiöse Gelehrte wie Yeshayahu Leibowitz Zionisten waren. Auch Walter Benjamin und Franz Kafka interessierten sich für den Zionismus. Zudem gab es in den 1920er Jahren „Brith Shalom“, der Martin Buber, Gershom Scholem, Hans Kohn, Yehuda Magnes und andere eminente Persönlichkeiten des jüdischen Lebens im prästaatlichen Israel angehörten, eine zwar randständige Bewegung, die aber immerhin schon damals den binationalen Staat andachte. Der Zionismus ist eine beschränkte nationale Bewegung wie jede nationale Bewegung. Dass er aber die Entwicklungsrichtung annahm, die er historisch annahm; dass er sich als expansionistisch und herrschaftsgierig erwies, das ist es, was ihn so kritikwürdig, mithin auch so problematisch für sich selbst hat werden lassen. Seine historische Gewordenheit darf nicht essenzialistisch reduziert, sondern muss als eine der in ihm angelegten Möglichkeiten angesehen werden. Heute glaube ich nicht mehr an seine Reformfähigkeit; zu sehr haben sich seine repressiven Strukturen verfestigt. Aber dem war nicht immer so, und die Linke war nun wahrhaft nicht das Schlechteste in ihm. Dass sie sich in Widersprüche verfing und letztendlich einen historischen Selbstmord beging, war in ihr vielleicht angelegt. Aber sie hätte mit all diesen Widersprüchen und Aporien auch anders umgehen können. Das hat sie versäumt, und dafür zahlt sie nun den historischen Preis.

ak: Eine Neigung „zum historischen Selbstmord“ bescheinigen Sie ja dem Zionismus in toto. Sie sagen, als real existierender habe er sich „vom Massada-Komplex zum Samson-Syndrom hinbewegt: Man kann die Juden nicht mehr ‚ins Meer werfen’; eher gehen alle – die Juden und ihre Feinde – gemeinsam unter.“ Diese „heroische“ Haltung hat sich spätestens seit dem Scheitern von Oslo in der Mitte der israelischen Gesellschaft bis hinein in die Linke nicht nur etabliert – sie wird auch mit einer Menge Pathos zelebriert. Sie sei effektive Abschreckung, so die Begründung ihrer Apologeten. Der (islamistische) Feind verstehe keine andere Sprache. Korrespondiert diese Haltung nicht mit der Regression in den Machiavellismus und Militarismus, die nach dem Zusammenbruch des Ostblocks die gesamte westliche Welt erfasst hat?

Moshe Zuckermann: Ja, ich würde dem zunächst zustimmen: Der Zusammenbruch des Kommunismus war der erste zentrale Einschnitt, der 11.9.2001 (bzw. die militärisch-politische Reaktion der USA auf dieses traumatische Ereignis) der zweite. Und doch würde ich das Spezifikum des israelisch-jüdischen Kontexts wahren wollen: Was sich in Israel in diesem Zusammenhang nämlich verbindet, ist ein übersteigertes Machtbewusstsein bei gleichzeitig ideologisch forcierter Selbstviktimisierung. Es ist schon beachtlich, wie effektiv man die Instrumentalisierung der eigenen historischen Leiderfahrung einsetzt, um die eigene Barbarei und Gewaltlust vor sich selbst zu legitimieren, dabei aber auch darauf achtet, sich selbst stets als Opfer darzustellen und wahrzunehmen. Dieses Gemisch aus Brutalität und selbstmitleidiger Larmoyanz ist nicht nur moralisch unappetitlich, sondern zugleich auch ideologisch höchst wirkungsvoll. Das eigene Selbstbild als Opfer ermöglicht es vielen Israelis, den realen palästinensischen Opfern vorzuwerfen, ihren Opferzustand selbst verschuldet zu haben. Nicht nur wird der arabische Feind darauf reduziert, keine andere Sprache zu verstehen. Sondern man darf sich dabei noch großartig vorkommen, weil man ja selbst Opfer ist. Die realen historischen Traumata der jüdischen Verfolgungsgeschichte bis hin zur Auschwitz-Katastrophe sind in diesem Zusammenhang längst verdinglicht worden und im Dienste einer Selbstvergewisserungsroutine zu steinernen Ideologemen verkommen.

ak: Eines „Gemischs aus Brutalität und selbstmitleidiger Larmoyanz“ bedienen sich aber auch „antideutsche“ und andere deutsche Israel-Fetischisierer für ihren Ideologietransfer und die Katharsis ihrer beschädigten Täter(enkel)-Psyche. Freilich mit dem Unterschied, dass diese Leute den reanimierten deutschen Appetit auf Gewalt und Zerstörung nicht durch eigenhändigen Vollzug, sondern bloß als Zuschauer des israelischen „Kriegstheaters“ und rituelle Ersatzhandlungen wie das Tragen von IDF-T-Shirts stillen – und mit dem Unterschied, dass sie sich in Ermangelung einer eigenen die Opferidentität der Juden klauen und sich bei der leisesten Kritik an ihren verschrobenen Welterklärungstheorien als „Opfer antisemitischer Übergriffe“ inszenieren. Ist das nicht ein verblüffend komplementäres Phänomen?

Moshe Zuckermann: Ja. Es ist mir ohnehin aufgefallen, dass jedes Mal, wenn ich in Deutschland einen Vortrag halte, bei dem anschließenden Debattenteil es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis man auf deutsche Befindlichkeiten zu sprechen kommt, während es doch um den israelisch-palästinensischen Konflikt geht. Ich weiß zwar, dass Ereignisse in der Welt allgemein stets als Projektionsflächen fürs Ausleben eigener Emotionen und Neuralgien dienen können. Ich weiß natürlich auch, dass „Jüdisches“ und das damit verschwisterte „Israelische“ viele Deutsche in Unruhe und eine (freilich nicht unverständliche) Irrationalität zu versetzen vermögen. Aber wenn mich schon die exaltierte Israelsolidarität von in Deutschland lebenden Juden, die ihre öffentliche Polemik immer bis zum letzten Blutstropfen der sich bekriegenden Israelis und Palästinenser betreiben, ziemlich annervt, kommen mir die euphorischen Israelbefeierungen und -befeuerungen von nichtjüdischen deutschen Israelfanatikern wie Ausbrüche einer unbezähmbaren Pathologie vor. Blutrünstige Deutsche, die sich an israelischer Brachialgewalt gegen Palästinenser delektieren, werden stets von der eigenen Neurose eingeholt: Was sie gern im Geheimen den Juden, die ihnen als Geschichtslast auf der Seele liegen, antun würden, aber nicht mehr dürfen, lassen sie von Juden an den Palästinensern „verrichten“. Die Unfähigkeit zu trauern, hat darin noch einmal eine besonders perverse Wende angenommen.

Fragen: Susann Witt-Stahl