stahlpress

Medienbüro Hamburg

Paul J. Crutzen: Geo-Engineering aus der Sicht eines Chemie-Nobelpreisträgers

Erschienen im "Neuen Deutschland" am 28. September 2011 

»Wer schnell etwas machen will, trifft auf meinen Argwohn«

Chemie-Nobelpreisträger Paul J. Crutzen über Geo-Engineering als Notbremse bei der Klimaerwärmung

2006 produzierte Paul J. Crutzen Science Fiction im buchstäblichen Sinn. Der niederländische Wissenschaftler schlug vor, Sulfatpartikel in die Stratosphäre zu befördern, um die Sonneneinstrahlung auf die Erde zu dämpfen und so die Temperatur um 0,5 Grad Celsius zu senken. Seitdem wird verstärkt Maßnahmen des »Geo-Engineerings« diskutiert – dabei geht es um Strategien, die Erderwärmung durch technische Innovationen einzuschränken oder aufzuhalten. Kürzlich hielt Crutzen den Eröffnungsvortrag auf einem Symposium über die »Grenzen menschlichen Eingreifens in die Natur« in Hamburg. Folke Havekost sprach mit ihm.

ND: Mit Ihrem Artikel »Albedo enhancement by stratospheric sulfur injections: A contribution to resolve a policy dilemma?« haben Sie im August 2006 in der Fachzeitschrift »Climatic Change« die Diskussion um das sogenannte Geo-Engineering angeschoben. Wie beurteilen Sie heute, fünf Jahre danach, die Möglichkeiten, aber auch die Notwendigkeit solcher Strategien?

Crutzen: Was mich erstaunt ist, wie viele Aktivitäten inzwischen zustande gekommen sind. Ich hatte diese Technik eigentlich als Notbremse gesehen, als letzten Fluchtweg sozusagen. Für mich war das eine Kuriosität, die vielleicht interessant für die Presse sein mochte. Aber ich dachte nicht, dass darüber hinaus etwas passieren wird. Jetzt sehe ich, dass in vielen Ländern Forschung betrieben wird und Rapporte geschrieben werden.

Könnte Geo-Engineering denn in größter Not tatsächlich ein »letzter Fluchtweg« sein?

Ich glaube, im Notfall kann man wirklich an so etwas denken. Aber dafür ist es viel zu früh. Wer schnell etwas machen will, trifft auf meinen Argwohn. Wir sehen ja auch, dass die bisherigen Forschungsresultate unterschiedlich sind. Eine Gruppe findet das, die andere findet etwas anderes. Neben meiner Idee gibt es Vorschläge, statt Sulfat Aluminium zu verwenden oder Sonnenspiegel zu installieren. Das hat sich noch lange nicht stabilisiert. Erst muss die Forschung durchgeführt werden, um die Folgen abzuschätzen. Es ist ja Vieles, was man ändert, wenn man solche Prozesse in Gang setzt.

Die Prozesse sind möglicherweise unumkehrbar und müssten zudem global umgesetzt werden. Der Präsident der US-Wissenschaftsakademie, Ralph Cicerone, hat ein Wissenschaftlergremium vorgeschlagen, das zunächst ein Moratorium beschließen und dann weitere Forschungen koordinieren soll. Aber wer sollte letztlich darüber entscheiden: Die UN-Vollversammlung, die G8-Staaten, eine Versammlung von Nobelpreisträgern?

Eine schwierige Frage, auf die ich auch keine klare Antwort weiß. Eigentlich sollte die ganze Menschheit das angehen. Da das eine sehr komplexe Sache wird, glaube ich kaum, dass wir je zu einem solchen Plan B kommen werden. Als ich den Artikel 2006 schrieb, war ich verzweifelt, wie wenig Aktivitäten auf dem CO2-Terrain stattfanden. Schließlich geht es an erster Stelle darum, CO2 zu reduzieren, das ist das Hauptziel. Aufgrund meiner Verzweiflung habe ich dann diese Idee nach vorne gebracht: Wenn man beim CO2 nicht weiterkommt, dann muss man eben Geo-Engineering machen. Das geschah hauptsächlich, um Leute wachzurütteln.

Aufgenommen wurde der Vorschlag oft nach dem Motto: Statt klimapolitisch umzukehren, können wir unsere Probleme technisch lösen ...

Ja, aber wenn man meinen Artikel von 2006 liest, bekommt man einen ganz anderen Eindruck. Mehrfach steht da, dass so etwas wie Geo-Engineering »nur im Notfall« in Frage kommen sollte. Plan A ist natürlich, den CO2-Ausstoß zu reduzieren, aber ich bin nicht sehr optimistisch, dass wir da schnell weiterkommen. Ich hoffe, dass ich mein Pulver nicht mit dem Artikel verschossen habe.